Eine Geschichte, in der die von den Göttern abhängigen Menschen in ihr Verderben treiben. Diese Trilogie ist ein ungeheurer Brocken.

Mal dauert sie fünf, mal, wie bei Peter Stein, dessen Prosafassung auch der Cottbusser Inszenierung zugrunde liegt, gar acht Stunden. Die überzeugende Strichfassung von Regisseur Christian Schlüter und Dramaturgin Bettina Jantzen komprimiert das Geschehen auf zweidreiviertel intensive Stunden.

Bitten um Veränderung

Auf der Vorbühne sitzen sieben Schauspieler an sieben schlichten Tischen. Blutverschmiert und verschwitzt, in heutiger Kleidung mit historisierenden Anklängen, reinigen sie sich mit Taschentüchern vor milchig durchsichtiger Plastikbahnen-Wand. Aus der Erschöpfung finden sie in Anrufungssätze. Erst vereinzelt, dann chorisch bitten sie um eine Veränderung: Ein Ende aller Mühen soll kommen, denn der Herrscherstamm der Stadt Argos hat viel Leid erfahren. Man versichert sich, durch Leiden gelernt zu haben, und skandiert die Hoffnung: Tun – leiden – lernen.

Dann setzt sich einer der Sieben einen Helm auf, marschiert auf der Stelle und berichtet als Bote (kraftvoll: Oliver Seidel) vom Fall der Stadt Troja.

Worauf Susann Thiede, die mit stiller Energie die Königin Klytaimestra spielt, der Gemeinschaft den Rücken kehrt.

Nichts ist es mit einem Ende des Schreckens, denn sie hat einen Geliebten und ermordet ihren Gatten Agamemnon (etwas routiniert: Gunnar Golkowski), der die gemeinsame Tochter den Göttern opferte, nach seiner Heimkehr.

Die gruppendynamisierten und von Gundula Peuthert choreografisch formalisierten Szenen sind vom siebenköpfigen Körper eines kraftvollen Chores bestimmt, aus dem immer wieder einzelne Figuren heraustreten. So wie Laura Maria Hänsel, die, neu im Ensemble, die Rolle der von Agamemnon als Kriegsbeute mitgebrachten Seherin Kassandra mit wunderbarer Expressivität und Leidenschaftlichkeit spielt.

Sonst werden die Emotionen eher in formalisierten Chor- oder Figurenposen ausgestellt. So, wenn Susann Thiede über den blutüberströmten Leichen Agamemnons und Kassandras mit hochgerecktem Schwert den Doppelmord als ihr Meisterstück rühmt.

Der Schrecken des Geschehens bricht sich für mich in dieser Inszenierung kaum in den Texten und den szenischen Handlungen Bahn. Die chorische Kunstfertigkeit der Inszenierung schafft Distanz. Pathos und Leidenschaft sind nicht gespielt, sondern werden zitiert und vorgeführt.

Effekte statt Affekte

Regisseur Christian Schlüter wagt keine direkten, schauspielerischen Darstellungsformen für Schrecken, Grauen und Entsetzen, manchmal behilft er sich mit blutbefleckten Masken.

Dennoch beeindrucken die Chorszenen in ihrer darstellerischen Monotonie durchaus. Nur, wenn beim verhassten Wort Troja alle einmal ausspucken und aufstampfen, wird's albern. Doch wie die Einzelnen aus dem Chorkörper heraustreten und sich wieder einfügen, das besitzt szenische Kraft.

Wenn dann im zweiten Teil dieser kollektiven Erinnerungsgeschichte ein großer, weißer Opferstein ins Geschehen rückt, wird überdeutlich, dass die Menschen noch nicht Herren ihres Geschehens sind.

Nicht nur Elektra (beeindruckend sicher und intensiv: Johanna-Julia Spitzer, die die Rolle wenige Tage vor der Premiere von einer schwangeren Kollegin übernahm), sondern vor allem Gott Apollon treibt den aus dem Exil heimgekehrten Sohn Orestes (Arndt Wille) dazu an, seine Mutter Klytaimestra und deren Geliebten Aigisthos zu töten.

Worauf die Erinyen, die Rachegöttinnen, Orestes jagen. Der Schwierigkeit, diese hässlichen Wesen darzustellen, entzieht sich Regisseur Christian Schlüter, indem er deren ersten Auftritt als Theaterprobe mit den üblichen Witzchen (Mach mal das. . .) arrangiert.

Effekte statt Affekte. Die Schlussszene, in der die Rachegöttinnen zu Eumeniden und einflussreiche Mitglieder des Staates domestiziert werden, gilt als Geburtsstunde der Demokratie. Weil Athene, Licht an im Zuschauerraum, die Gesellschaft im Prozess gegen Orestes und auch in Zukunft entscheiden lässt. Doch gewonnen ist damit noch nichts, denn bei Stimmengleichheit entscheidet diesmal noch Athene. So sitzen am Schluss wieder alle Sieben an ihren Tischen, obwohl jetzt mit Entscheidungsbefugnis ausgestattet, und rufen wie zu Beginn nach der Änderung: „Jetzt soll sie kommen.“

Starke Inszenierung

Trotz punktueller Einwände ist dies eine starke Inszenierung und Ensemblearbeit.

Ohne äußerliche Aktualisierung, wie es oft bei diesem Stück passiert, wirkt die „Orestie“ in Cottbus zugleich fremd wie ungemein heutig.