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Sinnesreise von Schlaglicht zu Schlaglicht

"Trockenzeit" nennt der Leipziger Künstler Ulf Puder seine um 1992 entstandene Skulptur. Armin Hauer vom MJK setzt damit ein Schlaglicht im Foyer des dkw., erste Station der Cottbuser Kunstfreunde.
"Trockenzeit" nennt der Leipziger Künstler Ulf Puder seine um 1992 entstandene Skulptur. Armin Hauer vom MJK setzt damit ein Schlaglicht im Foyer des dkw., erste Station der Cottbuser Kunstfreunde. FOTO: Ida Kretzschmar
Cottbus. Noch ist es eher eine Verlobungsreise. Vorfreude auf die Hochzeit stiftet sie allemal. Im Juli steht die Fusion des Kunstmuseums Dieselkraftwerk Cottbus (dkw.) mit dem Museum Junge Kunst (MJK) in Frankfurt (Oder) zum Brandenburger Landeskunstmuseum ins Haus. Ida Kretzschmar

Als Auftakt werden derzeit in beiden Orten und in Eisenhüttenstadt Sammmlungsgeschichte(n) ausgetauscht. Grund genug für den Freundeskreis des Cottbuser Kunstmuseums und andere Kunstinteressierte, mit Kathrin Verzino von Schlaglicht zu Schlaglicht zu reisen, um den Partnern mit allen Sinnen schon einmal näherzukommen.

Armin Hauer hat seine Frankfurter Sammlungsgeschichten mit nach Cottbus gebracht. Von den 11 000 Werken sind im dkw. etwa 200 zu betrachten, die meisten stammen aus der DDR. Aber auch nach der Wende Entstandenes und Druckgrafiken aus Polen sind zu sehen. Es sind Schlaglichter. Sie folgen nicht der Chronologie des Entstehens, sondern des Ankaufs, was Spannung über künstlerische Handschriften hinaus zu erzeugen vermag. Etwa, wenn Grafiken von Käthe Kollwitz neben einem sozialistischen Arbeiter von Willi Neubert in den Dialog treten. Beides erwarb das Museum in seinem Gründungsjahr 1965. Begegnungen sind auch möglich zwischen Max Klinger, George Grozs, dem nonkonformen Gerhard Altenbourg, mit frühen Werken von Neo Rauch und Werner Tübke. . .

Im Foyer steht ein Boot auf dem Trockenen. Der Leipziger Künstler Ulf Puder hat das Werk "Trockenzeit" genannt: "Es deutet auf die Ängste und Unwägbarkeiten zur Wende, die viele Menschen beschäftigten", erläutert Armin Hauer den Kunstfreunden, wie er zu jedem der Werke Geschichte(n) zu erzählen weiß. Und er deutet auf Attribute und Zeitgeist, versteckte und deutliche Hinweise der Künstler, sich dem Diktat des sozialistischen Realismus zu widersetzen.

Weiter geht es nach Eisenhüttenstadt. In den engen Räumen eines ehemaligen Kindergartens, im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, gewährt Kurator Herbert Schirmer den Kunstfreunden Einblick in das Beeskower Kunstarchiv. Als letzter Kulturminister der DDR wurde er in chaotischer Zeit zum Retter der DDR-Auftragskunst. Mehr als 15 300 Objekte landeten auf der Burg Beeskow. Davon wählte Herbert Schirmer 70 Werke als Schlaglichter, alle mit der Wende gleichzeitig angespült. Von Sammlungsgeschichten ist also hier weniger die Rede denn vom Umgang mit dem Auftrag. "Waren die getypten Arbeitergesichter der 1960er-Jahre bei Klier, Michaelis oder Womacka noch vom erzieherischen Impetus des neuen sozialistischen Menschen geprägt, wird auch schon frühe Sorge um bedrohte Landschaft, so 1966 bei dem Senftenberger Maler Günther Wendt, sichtbar. Die Malerei der 1980er-Jahre zeigt in expressiver Manier zunehmend ein kritisches Verhältnis zur Gesellschaft", schildert Schirmer während der Führung anhand von Beispielen. Werke von Hubertus Giebe, Lutz Friedel und Michael Hegewald zeugen von Selbstbehauptung und Identitätssuche. Besonders Michael Hegewalds Porträt "Beatrice" ist "Ausdruck einer bleiernen Zeit". Es widerspiegele deutlich Beunruhigung, das Missverhältnis von Individuum und Gesellschaft in den 80er-Jahren.

Bei Auftragskunst dürfen freilich auch die Großen Köpfe nicht fehlen. Hier versammelt sich die erste Garnitur: Fritz Cremer schuf Büsten von Lenin und Becher. Gustav Seitz verewigte Hanns Eisler, Thomas Mann und Brecht.

Doch die Cottbuser Schlaglichter warten schon in Frankfurt (Oder). Hier führen die Kunsthistorikerin Sabrina Kotzian und Jörg Sperling, Kustos Bildende Kunst des dkw., durch Packhof und Rathaushalle, die den rund 220 ausgewählten Werken aus dem Dieselkraftwerk zeitweilig Quartier geben. Ein spannungsreiches Neben- und Miteinander von Malerei, Fotografie und Plakat. Aber auch prägnante Einzelstücke aus den Sammlungsbereichen Skulptur, Zeichnung, Druckgrafik und Künstlerbuch sind dabei - für die Cottbuser Kunstfreunde nicht selten eine Wiederentdeckung. Wie zum Beispiel Jürgen Schieferdeckers "Das Lächeln der Mona Lisa", auf das Sperling hinweist. Ein Werk, das in den Hoch-Zeiten des Sozialismus die Frage stellte: "Kann Hoffnung scheitern?"

Die Spanne reicht vom Gemälde "Kraftwerk" von Hannelore Kirchhof-Born über Werke von Hermann Glöckner, Andreas Gursky, Bernhard Heisig, Sabine Herrmann, Thomas Kläber und Hans Scheuerecker bis zu jüngeren Ankäufen aus der Serie "Manhattan - Straße der Jugend" (2012). Sabrina Kotzian verweist auch auf Fotografien von Ursula Arnold aus den 50er-Jahren. "Erst 2012 wurden sie durch das dkw. angekauft. Lange waren sie wenig beachtet worden und in Vergessenheit geraten", erzählt die Kunsthistorikerin. Arnold hatte sich einem anderen Metier zugewandt und wurde die erste Kamerafrau der DDR. Schlaglichter also, die auch Leben beleuchten.

Zum Thema:
Gewonnen hatten die Kunstreise durch einen glücklichen Anruf bei der RUNDSCHAU Christa Queiser und Regina Pohl (v.l.,Foto): "Ein wunderbares Erlebnis", sagen die beiden Frauen, die gemeinsam im Chor singen.Die Ausstellung in drei Teilen an drei Orten: Schlaglichter. Sammlungsgeschichte(n) ist noch bis zum 17. April zu sehen. Bei Vorlage einer Eintrittskarte zum regulären Preis gewähren die beiden anderen Museen während der Ausstellungszeit den ermäßigten Preis. Informationen über Führungen und Ausstellungskatalog unter www.schlaglichter.net