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| 01:04 Uhr

Singen ist unsere Muttersprache

Heute Abend wird in der Fachhochschule Lausitz (FHL) Musik gemacht. Collegium musicum und Collegium vocale spielen auf. Sie umrahmen eine festliche Zusammenkunft im Konzertsaal, die das zehnjährige Bestehen des Fachbereiches Musikpädagogik der FHL würdigt. Von Klaus Wilke

Zunächst ist etwas Seltsames zu vermelden. An der Spitze des zehn Jahre alten Fachbereiches steht seit 1. September mit Prof. Simone Schröder eine Gründungs dekanin. Ihr Vorgänger, Prof. Dr. Tibor Istvánffy, war bereits die gesamten zehn Jahre als Gründungsdekan im Amt. Da war noch ein bisschen Logik dabei, hatte der gebürtige Ungar doch die FHL-Musikpädagogik gegründet und aufgebaut. Bundesweit hat er sich und der Lausitzer Hochschule in Fachkreisen einen Namen gemacht. Es ist in Hochschulen auch üblich, dass ein Dekan nach einer Reihe von Jahren Platz für eine(n) andere(n) macht. Istvánffy kann sich dadurch wieder mehr seiner Professorentätigkeit (Instrumentaldidaktik) zuwenden und sich seiner Spezialität Dirigieren widmen. Er leitet das Akademische Orchester Collegium musicum.
Merkwürdig nur, dass nun auch Simone Schröder als Gründungsdekanin fungiert. Das liegt am Hochschulgesetz. Danach bekommt ein Fachbereich erst einen Dekan, wenn darin sechs Professoren tätig sind. Hier sind es nur vier. Es soll auch ein kleiner Fachbereich bleiben. Die Arbeit flutscht trotzdem, weil unter anderen auch viele Lehrbeauftragte tätig sind. Das sind Spezialisten von außerhalb der Hochschule, die ein bestimmtes Musikinstrument in Theorie und Praxis beherrschen und die Gabe besitzen, die Fähigkeiten auch weiterzugeben.
In jedem Jahr dürfen sich 18 Studenten einschreiben. Die Zahl der Bewerber sei um ein Vielfaches höher, sagt Simone Schröder im RUNDSCHAU-Gespräch. Sie kämen aus allen Bundesländern. Natürlich freut sie sich, wenn junge Leute mit Stimme darunter sind. Männer besonders, denn die sind rar in diesem Fach.
Dass sie über Gesangstalente besonders glücklich ist, liegt nahe, ist die geborene Lausitzerin doch selbst Opern- und Konzertsängerin. Sie folgte in Operninszenierungen dem Taktstock solch berühmter Dirigenten wie Daniel Barenboim, Giuseppe Sinopoli, Pierre Boulez und Christoph Eschenbach. Sie stand in Washington auf der Bühne mit Placido Domingo. Von 1996 bis 2005 wirkte sie an den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth mit.
Die in Kolkwitz vor den Toren von Cottbus lebende Künstlerin hat außer auf den Opernbühnen seit langem auch in der FHL ein berufliches Domizil. Nachdem sie seit 1988 am Konservatorium Cottbus Gesang unterrichtete, bindet sie seit 1995 ein Lehrauftrag an die Hochschule. 2000 wurde sie zur Professorin ernannt.
Von Anfang an dabei, ist sie über die Bilanz dieses Fachbereiches bestens im Bilde. Ein kleiner Bereich kann nicht mit großen Zahlen aufwarten. 66 erfolgreiche Absolventen der Musikpädagogik verließen bisher die FHL, ausgestattet mit einer künstlerischen (Instrument oder Gesang) und einer pädagogischen Fachausbildung. Kleine Zahl - große Wirkung, damit das klappt, braucht es die interne Evaluierung (Bewertung) der Lehre. Es gilt: Nur wer seinen Standort weiß, kann das Ziel finden. Als nächste Aufgabe stehe nun der Übergang zur Bachelor- und danach zur Masterausbildung. Das soll keine Formsache sein, sondern auch die Berufsfähigkeit der Absolventen steigern.
Ein Maßstab für gute Arbeit sei auch, dass des öfteren Musikschulen fernerer Bundesländer nach Cottbuser Absolventen fragen. Es gibt etwa 1000 Musikschulen in Deutschland mit einer Million Schülerinnen und Schülern. Die wollen in den Schulen etwas lernen. Immerhin sind Eltern und Nutzer mit über 300 Millionen Euro jährlich an der Finanzierung beteiligt, während die öffentliche Förderung über 400 Millionen Euro zur Verfügung stellt. Aber auch als Chorleiter und Orchesterleiter sind die Absolventen gefragt. Manche gingen sogar an allgemeinbildende Schulen.
Dorthin, so ergibt das Gespräch, richtet die neue Dekanin auch ihre Wünsche und Hoffnungen. Noch werde in Kindertagesstätten zu wenig gesungen. Und wenn, dann fehle es den Stimmen an Tiefe und an Höhe. Sie sei froh, dass es da und dort schon musikalische Kindergärten gibt, und werbe um Aufmerksamkeit für die Ganztagserziehung, weil dort das Singen und Musizieren eine neue Chance haben. Dann prägt sie einen Satz, der zunächst verblüfft: „Singen ist unsere Muttersprache.“
Dass das mehr ist als nur Berufsethos, zeigt die Antwort der Gründungsdekanin auf die Frage: Was verliert ein Kind, dem man in der Schule durch ständigen Unterrichtsausfall oder mangelnde Aufmerksamkeit die Musikerziehung vorenthält? „Man nimmt ihm eine Chance, auf eine besondere Weise sich und seinen Körper zu entdecken. Seine Fähigkeit verkümmert, durch Singen Gefühle in Klang umzusetzen. Das miteinander Singen ist ein besonderes Erlebnis, das verbindet. Mit Musik hat einer ein probates Mittel gegen Stress und Hektik. Es setzt Kräfte frei, die Leistungen fördern.“
Deshalb rät Simone Schröder allen Eltern, Kinder nicht, weil sie in der Schule lernschwach sind, aus der Musikschule zu nehmen. Im Gegenteil: Weil die Musik eine so gute Wirkung habe, sollte man Kinder dafür gewinnen, ohne sie an ein bestimmtes Instrument zu zwingen. Sie müssten sich ausprobieren dürfen.