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| 09:34 Uhr

Düsseldorf
Sie liebt Brahms

Düsseldorf. Das Philadelphia Orchestra unter Yannick Nézet-Séguin in der Tonhalle. Wolfram Goertz

Das Philadelphia Orchestra unter Yannick Nézet-Séguin in der Tonhalle.

Orchesterkultur und Formel-1-Rennen haben erstaunlich viel gemeinsam. Es geht um edlen Lärm. Es geht um Schnittigkeit, ästhetischen Zauber und perfektes Funktionieren von Systemen. Es geht auch um den einen Piloten, der die Karre steuert. Und es geht um die Bereifung: Will man lieber schnell fahren oder mit Grip, also mit Bodenhaftung, etwa bei Regen und Schnee?

Das Philadelphia Orchestra tut beides. Es lud uns jetzt in der Düsseldorfer Tonhalle ein, sozusagen beim Großen Preis der USA dabei zu sein. Das Team gehört nicht grundlos zu den "Big Five", den fünf großen US-amerikanischen Spitzenorchestern. Wenn die tiefen Streicher durchs Finale von Robert Schumanns 4. Sinfonie d-Moll rasen und doch nie die Spur verlieren; wenn das schwere Blech in Strauss' "Don Juan" auf der Zielgeraden noch einmal die Motoren röhren lässt und doch keine Sekunde derb wirkt; wenn die Holzbläser federleicht mit der Eleganz eines speziellen orientalischen Teppichs durch die Musik fliegen - dann hält man den Atem an. Aber nie seine Ohren zu.

Yannick Nézet-Séguin ist der Chefdirigent, der sein wunderbares Fahrzeug mit größtem Vergnügen steuert. Er hockt nicht verkrampft auf der Pole Position und wartet, dass die Ampel umschaltet. Er gibt selbst das Tempo vor, greift fortwährend in die Streckenführung ein, er reißt auch schon mal das Steuer rum - aber gegen die Partitur der Rennleitung ist das nie. Schumanns Vierte bleibt ein poetisches Gebilde, das einen hinreißenden Schwung entfaltet, wenn das Werk so enthusiastisch, windschnittig, ja feuertrunken gespielt wird wie vom Philadelphia Orchestra. "Don Juan" entwirft das vor Farben grelle Pandämonium eines Lüstlings, der am Ende wie eine Jammerfigur zurückbleibt, ausgebleicht und abgezehrt.

Vor der Pause erlebten wir eine geradezu unfassbar schöne Darbietung von Johannes Brahms' Klavierkonzert Nr. 1. Die hinreißende Hélène Grimaud spielte es mit makelloser Technik, und sie verband Lyrik mit Pranke. Es blieb ein edles, ernstes Werk, dem aber nicht die Vehemenz abgefräst wurde. Der langsame Satz war an Intensität schier nicht zu überbieten, er erzählte sich wie eine dieser ruhigen Sommernachtsgeschichten, bei der alle nur nicken, weil sie den Ausgang kennen, aber hingerissen dem Erzähler lauschen, weil er uns den Eindruck gibt, als erlebten wir alles das erste Mal.

Nach allen drei Rennen gab es ohrenbetäubenden Beifall, als wollte das Publikum den Helden etwas von der Wucht des Erlebens zurückgeben. Dennoch gab es keine Zugabe. Luxus ist bereits eine.