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Sichtachsen des Vielecks in Liebe und Zorn

"Lerne denken!" fordert Großmutter Nazira (Ariadne Pabst, l.) Nawal (Kristin Muthwill) auf.
"Lerne denken!" fordert Großmutter Nazira (Ariadne Pabst, l.) Nawal (Kristin Muthwill) auf. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Unter dem Schauspielmotto "Glauben! Lieben! Hoffen!" hatten am Wochenende gleich zwei Stücke in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus Premiere. Zum Auftakt erlebten die Zuschauer zutiefst berührende "Verbrennungen". Ida Kretzschmar

Diese Familiengeschichte geht unter die Haut. Distanz ist unmöglich. Das Bühnenbild lässt sie nicht zu. Und das Stück des aus dem Libanon stammenden Dramatikers Wajdi Mouawad in der Regie von Catharina Fillers schon gar nicht. Diese "Verbrennungen" treffen den Zuschauer ungeschützt. Er sitzt förmlich mittendrin.

Das Stück, das bereits an vielen Theatern gezeigt wurde und als Film für den Oscar nominiert war, spielt auf den libanesischen Bürgerkrieg ab Mitte der 70er-Jahre an. Seine grelle Wahrheit aber ist nicht an Zeit und Ort gebunden, rückt uns die Schrecken der gegenwärtigen Kriege und Konflikte ganz dicht auf die Pelle. Nawal (ausdrucksstark in ihrer Verletzlichkeit bis zum Verstummen: Kristin Muthwill) erlebt als junges Mädchen ihre große Liebe (Henning Strübbe, bemerkenswert facettenreich in unterschiedlichen Rollen). Nawal wird schwanger. Ihr Sohn aber wird ihr gleich nach der Geburt entrissen, der Vater des Kindes verschleppt. Vergessen kann sie beide nicht. Auf der Suche nach ihnen erleidet sie Barbarisches am eigenen Leib. Im Ausland, wo sie Zuflucht gesucht hat, verstummt sie nach Erkenntnissen aus einem Kriegsverbrecherprozess.

Ihr Freund (Thomas Harms, der einen Hauch Leichtigkeit und Normalität in die Schwere des Stoffs webt) hat das Schweigen der "Frau, die singt", wie sie in ihrer Heimat genannt wurde, auf Kassetten aufgenommen. Als sie stirbt, übergibt er als Testamentsvollstrecker ihren Zwillingen Jeanne (eindringlich verkörpert von Ariadne Pabst auch die Großmutter Nazira, die Nawal zum Lernen bewegt) und Simon (widerspenstig, nüchtern, betroffen: Johannes Kienast) zwei Umschläge. Sie sollen Vater und Bruder finden. Wobei sie von dem einen glaubten, er sei als Held gestorben, und von dem anderen nichts wussten.

Und so zieht die mathematikbegabte Jeanne im Zuschauersaal Strippen zu einem Vieleck, um die Sichtachsen verschiedener Familienmitglieder zu bestimmen. Es scheint, sie hat sich - wie die erstaunlich jungen Zuschauer - auf schier unlösbare Probleme eingelassen, die zu anderen unlösbaren Problemen führen. Die fünf Schauspieler schlüpfen in die verschiedenen Rollen, wechseln die Sichtachsen, im Kostüm nur andeutungsweise verwandelt. Und doch macht es das Bühnenbild von Cary Gayler leicht, ihnen zu folgen in verschiedene Zeitebenen, an wechselnde Orte. Wenn diese Teufelsspirale aus Gewalt, Flucht, Hass und Vergeltung, dem Abstrakten enthoben, nur nicht so schwer zu ertragen wäre. Catharina Fillers, die am Staatstheater bereits erfolgreich "Nathans Kinder" und "Der Teufel mit den drei goldenen Haaren" auf die Bühne gebracht hat, gelingt eine Inszenierung von archaischer Wucht.

Die Grausamkeit des Krieges wird mit jeder Faser erfühlbar, ohne dass Gewalt vordergründig vorgeführt wird (weitaus wirkungsvoller: Schlächter in Absatzschuhen). Eigens für diesen Abend entwickelte assoziative Musik von Deborah Wargon und Videos von Oliver Seidel eröffnen Sichtachsen, die in die Vergangenheit reichen und Unfassbares ans Licht bringen. Doch so trostlos sich die Ereignisse der jungen Generation offenbaren, so unerbittlich und beklemmend die Wahrheit, so unlösbar die Probleme wirken: Der Abend endet weder in Mutlosigkeit noch im Zorn gefangen. Es gelingt das Kunststück, das Grausame zu zeigen und zugleich das Gefühl zu stärken, dass es trotz allem nicht unmöglich scheint, Dummheit und Gewalt etwas entgegenzusetzen. Glauben! Lieben! Hoffen?

Karten für den 11. Februar, 19.30 Uhr, und 26. Februar, 19 Uhr, in der Kammerbühne Cottbus im Besucherservice, Ticket-Tel.: 0355/ 78242424 und

www.staatstheater-cottbus.de

Zum Thema:
Leonie Seifert (16), Welzow: Ich fand das Stück manchmal ganz schön anstrengend. Die Schauspieler aber haben wirklich gut gespielt, und das Bühnenbild war interessant.Silvia Bär (53), Cottbus: ein total bewegender, beeindruckender Abend mit vielseitig agierenden Schauspielern. Nicht nur das Bühnenbild war außergewöhnlich, sondern auch die Botschaft angesichts des Leids: Zerreißt den Strick!