| 02:39 Uhr

Sich durch Zeichnen die Welt zueigen machen

Der Grafiker und Designer Jakob Hinrichs in seiner aktuellen Ausstellung "Von Trinkern und Träumern".
Der Grafiker und Designer Jakob Hinrichs in seiner aktuellen Ausstellung "Von Trinkern und Träumern". FOTO: Marlies Kross
Cottbus. "Von Trinkern und Träumern" erzählt die Ausstellung Jakob Hinrichs im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst Cottbus

Die Ausstellung von Jakob Hinrichs kündet von einem verspielten kreativen Künstler, der mit seinen zum Teil quietschbunten Figuren und Objekten überrascht. Die Wände gleichen einem großen Comic, Hans Falladas "Der Trinker" und Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" in Bildern. Bereits an der Treppe erwartet den Besucher ein Mobile aus sich überlagernden grafischen Scherenschnitten, das einen bei längerem Hinschauen wahrscheinlich auch in Trance hüpfen kann. Eine kleine, feine Ausstellung voller Entdeckungen, die auch viele junge Besucher ansprechen wird. Im Gespräch erzählt Jakob Hinrichs unter anderem, wie es zur Weltliteratur als Comic kam.

Herr Hinrichs, in Ihrer Vita ist zu lesen, dass Sie als Kind Naturforscher werden wollten - was hat Sie in die Kunst abdrifteten lassen?
Hinrichs: Als Kind dachte ich mir den Naturforscher als jemand, der die Natur beobachtet, um sie zu verstehen. Das fand ich toll. Mit 14, 15 war mein Blick dann eher auf das Visuelle gerichtet - Popkultur, Comics, Plakate, illustrierte Bücher. Mich faszinierte, wie man über die Zeichnung - ich habe schon als Kind gemalt - die Welt erklären und sich zueigen machen kann. Nach dem Abi entschloss ich mich, Grafiker zu werden und bekam auch einen Studienplatz an der Universität der Künste in Berlin.

Sie arbeiten neben deutschen Verlagen wie Süddeutsche oder Tagesanzeiger unter anderem für namhafte amerikanische Zeitungen wie New York Times und Washington Post sowie den britischen Guardian - wie ist es Ihnen gelungen, da reinzukommen?

Hinrichs: Als ich anfing zu illustrieren, bin ich in Deutschland Klinken putzen gegangen, um meine Arbeiten vorzustellen. Das hat funktioniert, ich hatte eine ganze Reihe Zeitungen in meinem Portfolio. Ein englischer Freund, den ich vom Studium kannte, ermutigte mich, das gleiche in London zu machen. Danach kam New York. Das war noch mal 'ne andere Nummer. Da steht man mit seiner kleinen Mappe vor diesen Hochhäusern, hat einen Termin im 43. Stock. Die Leute waren aber nett und interessiert. Für mich eine schöne Erfahrung.

Was für Zeichnungen waren das - Comicstrips?

Hinrichs: Nein, das nennt sich Editorial Illustration, illustriert Artikel. Zum Beispiel Buchbesprechungen.

Wie sind Sie darauf gekommen, Weltliteratur in Comics zu verwandeln? Sind es überhaupt Comics?
Hinrichs: Ja durchaus. Ich finde, der Comic kann sich in der Kunst ganz selbstbewusst geben. Dazu gekommen bin ich durch einen Zufall. Die Artdirektorin der Büchergilde Gutenberg kam auf mich zu und fragte, ob ich Lust hätte, die "Traumnovelle" zu illustrieren. Ich hatte. Von Anfang an war mir aber klar, dass es kein klassisch illustriertes Buch werden sollte, sondern ein moderner Dialog mit dem Original, in dem mein subjektiver Blick zum Tragen kommt.

Was hat Sie danach an Falladas "Trinker" fasziniert?
Hinrichs: Spannend war für mich der Mensch Hans Fallada, die Parallelität seines eigenen Lebens zu dem der Romanfigur Erwin Sommer. Und auch, unter welchen Bedingungen Fallada das Buch geschrieben hat. Er saß im Gefängnis in Neustrelitz, hatte nur wenig Papier zur Verfügung, das er klein und eng beschrieb. Innerhalb weniger Wochen hatte er das Buch fertig. Falladas Leben und die Entstehungsgeschichte des Romans sind in meinem Buch mit der Romanvorlage verwoben.

Wie war das, als Sie Ihre Arbeit in der Fallada-Gesellschaft vorgestellt haben?
Hinrichs: Das war ein Termin, dem ich mit gemischten Gefühlen entgegen sah. Ich hatte es mit lauter Fachleuten zu tun und ein bisschen Sorge, dass sie stärker Wert legen auf Werkstreue und biografische Genauigkeit. Aber ich bin ja kein Biograf, ich habe meinen künstlerisch subjektiven Blick. Mein Buch wurde sehr interessiert und wohlwollend aufgenommen.

Noch schwieriger erscheint es, etwas so Metaphorisches wie Arthur Schnitzlers Traumnovelle in Bilder umzusetzen. Wie funktioniert das?
Hinrichs: Schnitzler hat das Buch ja 1925 geschrieben, in einer Zeit, wo man sich stark mit Traumdeutung beschäftigt hat. Aber ich wollte es aus der Zeit herausholen. Ich habe mich gefragt, was ist der Kernpunkt der Geschichte? Ich fand, das Gespräch zwischen den Ehepartnern über ihre sexuellen Wünsche, Träume und Fantasien. Sehr beschäftigt hat mich, wie ich dieses Träumen, dieses Verlangen darstellen kann. Meine Idee war, die Hauptfiguren Fridolin und Albertine als Menschen zu zeichnen, alle anderen Charaktere sind nicht eindeutig menschlicher Natur. So weiß man nicht, ist das Traum oder Wirklichkeit? Die Ebenen verschwimmen.

Was haben Sie als Nächstes vor?
Hinrichs: Ich arbeite an Wolfgang Borcherts Drama "Draußen vor der Tür" - ein ganz wunderbarer Text. Der Kriegsheimkehrer Beckmann ist zu Hause nicht willkommen. Allein seine Präsenz wirft bei den anderen Personen die Frage nach Verantwortung auf. Ähnlich, wie sich uns heute die Frage nach Verantwortung gegenüber den Menschen, die aus dem Krieg zu uns kommen, stellt. Ich finde es interessant, wie die Gesellschaft den Beckmann betreffend Verantwortung wegschiebt, er selbst aber auch nicht in der Lage ist, sie für sich zu übernehmen.

Mit Jakob Hinrichs

sprach Renate Marschall

Zum Thema:
{kzirkv} Jakob Hinrichs' Ausstellung wird noch bis 19. November im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus (Dieselkraftwerk, Uferstraße/ Am Amtsteich 15) gezeigt. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Montag geschlossen {kzirkv} Dienstag, 10. Oktober, 15 Uhr, Führung mit Ulrike Kremeier (5,50 Euro) {kzirkv} Während der Museumsnacht "Big Love moderne Kunst" am Samstag, 14. Oktober, ab 18 Uhr, veranstaltet Jakob Hinrichs einen Zeichenworkshop für Jung und Alt, bei dem man jederzeit einsteigen kann.