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Neue Ausstellung
Spielwiese ostdeutscher Fotokunst

Günter Rössler, der durch seine Aktfotografie bekannt wurde, schuf das Titelbild für die zweite „Sibylle“-Ausgabe aus dem Jahre 1964.
Günter Rössler, der durch seine Aktfotografie bekannt wurde, schuf das Titelbild für die zweite „Sibylle“-Ausgabe aus dem Jahre 1964. FOTO: Photographer: T. Sandberg / Günter Rössler
Cottbus. Gleich drei Ausstellungen werden am Sonntag im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus eröffnet. Bilder des Magazins „Sibylle“ wecken viele Erinnerungen. Von Ida Kretzschmar

„Sibylle“ selbst war schon eine Legende, weil es in der DDR oft Vitamin B brauchte, um sie zu bekommen. Noch mehr Beziehungen waren vonnöten, um Stoffe zu ergattern für das Nachschneidern der Mode, die es nur im Magazin, aber nicht im Laden gab.

Aber nicht die schicken Cover des DDR-Modemagazins, die im Foyer viele Erinnerungen wecken, rücken ab Sonntag in den Mittelpunkt der Ausstellung im Landesmuseum für moderne Kunst im Cottbuser Dieselkraftwerk. „Das künstlerische Bild, das ihm zugrunde liegt, steht im Fokus“, betont Museumschefin Ulrike Kremeier.

Sibylle – Die Ausstellung FOTO:

Legendäre Fotografinnen und Fotografen wie Sibylle Bergemann und Ute Mahler, Arno Fischer, Roger Melis, Werner Mahler und viele andere gaben „Sibylle“ ihr Ausnahmegepräge. „Eine Spielwiese von Möglichkeiten für die Entwicklung der künstlerischen Fotografie Ostdeutschlands“, beschreibt es Kuratorin Carmen Schliebe.

1956 von Gründerin und Namensgeberin Sibylle Boden-Gerstner ins Leben gerufen, zeigte „Sibylle“ anfangs Mannequins in mondänen, filmreifen Posen, inspiriert wohl auch von den Exil-Jahren der deutsch-jüdischen Modejournalistin in Paris. Mit der sozialistischen Realität hatte dieses schillernde Bildkonzept wenig zu tun. Einmal aber gab es durchaus Berührungen mit der Wirklichkeit. Für die Serie „Kumpels, Kohlen, Kapriolen“ fotografierte Willi Altendorf 1958 Damen in hellen Kostümen zusammen mit rußgeschwärzten Kohlekumpeln, die die gestelzten Posen der Mannequins nicht nur amüsiert beobachteten, sondern auch nachahmten.

Seit 1961 setzte die junge Modegestalterin Dorothea Bertram eine grundlegende Umgestaltung der Frauenzeitschrift in Gang. Statt starrer Posen war Bewegung im Alltag angesagt. Dafür lieferte Arno Fischer, Lehrer an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Entscheidendes. „Modefotografie wurde nun im Alltag dynamisch inszeniert“, macht Carmen Schliebe auf ein Bild aufmerksam, wo Mode vor einem Gasometergerüst gezeigt wird, eine zur Ikone des Neubeginns stilisierte Aufnahme aus dem Jahre 1962.

Bilder, die den Zeitgeist widerspiegeln, Mode wirkungsvoll im Alltag in Szene setzen und gleichzeitig künstlerisch interpretieren. „Natürlich entsprach auch dieser Alltag oft nicht der Realität“, sagt Carmen Schliebe und zeigt auf ein Foto von Arno Fischer aus dem Jahre 1964, das in Bitterfeld entstand. Ein Mannequin vor einer Leine mit weißer Wäsche. „Danach gab es kritische  Leserbriefe, dass die Wäsche nicht lange weiß geblieben ist.“

Nicht nur die Fotografen, sondern auch die Betrachter waren regelrecht süchtig nach Bildern, die mit ihren Stimmungen und Gefühlen korrespondierten, etwa wenn Ute Mahler ihre Modelle zwischen tristen Plattenbauten und Eisenkäfigen platziert oder Sibylle Bergemann 1984 im Hintergrund schwarzen Rauch aus Fabrikschornsteinen aufsteigen lässt.

„Sibylle“ überdauerte die DDR. Und doch war 1995 die Insolvenz nicht abzuwenden. „Es gibt in Deutschland keine bessere Modezeitschrift“, so das Urteil einer Leserin in der letzten Ausgabe.

Ausstellung: 3. Dezember bis 11. Februar in Kooperation mit dem Kunstmuseum Rostock.