| 15:09 Uhr

Shakespeare im Fast-Food-Marathon

Othello als Rap: Roland Kurzweg, Tom Bartels und Simon Elias (v.l.) machen es möglich.
Othello als Rap: Roland Kurzweg, Tom Bartels und Simon Elias (v.l.) machen es möglich. FOTO: Steffen Rasche
Senftenberg. Shakespeares sämtliche Werke an einem Abend? Eigentlich braucht es dafür fünf Tage und fünf Nächte. An der Neuen Bühne Senftenberg wagen in der Regie von Manuel Soubeyrand drei Schauspieler in mehr als 1800 Rollen einen rasanten Shakespeare-Marathon. Ida Kretzschmar

Lachhaft. Knapp zwei Stunden für 37 Stücke mit insgesamt 1834 Rollen. Als Zugabe noch 154 Sonette. Dieses ehrgeizige Projekt stand schon lange auf dem Programm der Neuen Bühne Senftenberg, landete vor Jahren sogar im Spielplanheft. Auf die Studiobühne aber kam es erst am vergangenen Wochenende in einer Doppelpremiere.

Regie zum Durchlachen

Nach Heiner Müllers "Germania 3" erschien Manuel Soubeyrand die Regie für Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt) eine Leichtigkeit. Ein Stück von Adam Long, Daniel Singer und Jess Winfield, das vor 30 Jahren seinen Siegeszug antrat. Zehn Jahre später wurde auch die deutsche Fassung nach Dorothea Renckhoff zum Kult. Auch in Soubeyrands Intendantenzeit in Chemnitz und Esslingen lief das Stück erfolgreich. Nur als Gastspiel in Heilbronn fiel es durch.

Nun führt der Intendant, ohnehin shakespeareerfahren, dabei zum ersten Mal selbst Regie. Und von Durchfallen kann keine Rede sein. Eher vom Durchlachen. Auch wenn Soubeyrand von Loriot weiß: Die Komödie weist gegenüber der Tragödie einen entscheidenden Unterschied auf. Wir weinen über dasselbe, aber wir lachen nicht über dasselbe. So bleibt manchem (wirklich höchst selten!) auch mal das Lachen im Halse stecken, wenn die Shakespeare-Fledderei gar zu grobschlächtig ausfällt. Oder laut angelsächsischer Vorlage unter die Gürtellinie rutscht.

Respektlos Staub abgeklopft

Denn dem Schöpfer der wohl bekanntesten Tragödien, Komödien und Königsdramen wird unverschämt der Staub der Jahrhunderte abgeklopft. Eine Alberei ohnegleichen. So ist dieser respektlose Abend wie geschaffen dafür, vor allem junge Leute für Shakespeare und das Theater zu begeistern. Selbst zur Premiere fehlt es nicht an jungen Zuschauern. Einträchtig lachend erleben sie mit anderen Generationen nicht nur herrlich frechen Klamauk, sondern werden auch tatsächlich durch die shakespearsche Dramenwelt gejagt - von Romeo und Julia bis Hamlet. Jeder Baustein eine gewaltige Ekstase. In rasantem Tempo lassen die drei Schauspieler Roland (Roland Kurzweg), Tom (Tom Bartels) und Simon (Simon Elias) die aberwitzige Idee Wirklichkeit werden, in mehr als 1800 Rollen zu schlüpfen. Wobei sie es nicht versäumen, die wichtigsten bekannten Sprüche des genialen Dramatikers mit Leidenschaft in den Raum zu schmettern: "Sein oder nicht Sein?" Oder von den Zuschauern mit dünner Kopfstimme wispern zu lassen: "Kann sein, kann nicht sein."

Überhaupt hat das Publikum hier nicht nur zu lachen. Kerstin Bölke aus Hohenleipisch wird kurzerhand zu Hamlets Ophelia, die enttäuschte Liebe um den Verstand gebracht hat. Was sich im Rampenlicht in einem gigantischen Schrei entlädt. Ähnlich ergeht es dem Senftenberger Hans-Christian Braunwarth aus der ersten Zuschauerreihe. Er muss als das "Aufgeregte Ich" über die Bühne rennen.

Othello gerappt

Ein paar Gründe mehr, sich mal wieder intensiv mit Shakespeare zu beschäftigen. Dieser soll sich in seinen Schöpfungsakten ganz gern bei anderen bedient haben. So ist es nur gerecht, dass an diesem Abend auch mal vom klassischen Text abgewichen wird. Da fehlt es nicht an aktuellen Wortspielen. Da wird nicht nur der Giftkelch geleert, sondern rollen Köpfe auch beim Fußballspiel. Und Othello wird sogar gerappt. Ein Zittern und Zagen und Klagen, ein Rennen und Wälzen und Fechten. Wie soll da jemand noch cool bleiben. Welch eine Gedächtnisleistung für die drei Mimen bei dieser Stofffülle! Aber auch: Was für ein körperlicher und schauspielerischer Einsatz! Selbst der legendäre Jodler des Ex-Intendanten Latchinian landet frappierend ähnlich im Shakespeare-Chaos.

Die drei Schauspieler empfehlen sich als Superbesetzung für die fast 2000 Rollen. Simon Elias erweist sich besonders in Frauengestalten als Brüller. Seine spezielle Referenz auch an Shakespeares Zeiten, in denen Frauen üblicherweise nicht in professionellen Theatern Englands auftraten. Tom Bartels, wie Simon Elias in der ersten Spielzeit hier, entpuppt sich mit Schalk im Gesicht als Allroundtalent. Und der gestandene Senftenberger Mime Roland Kurzweg schöpft wohl auch aus seiner Pfeffermühle-Zeit: Er gibt mit Dolch im Mund einen hinreißenden Hamlet.

Am Ende kein Schweigen

Entzückend auch die Kostüme von Mike Hahne. Eng anliegende Leggins unter prächtig ausufernden Pumphosen umkleiden liebevoll diesen Comedy-Knaller.

Zugegeben: Auf die Schnelle war nicht nachzuzählen, ob in den zwei Stunden wirklich sämtliche Werke Shakespeares eine Rolle spielen. Aber die "Leichte Kürzung" kam vorwärts und rückwärts in Senftenberg an. Und könnte auch gut auf Tour gehen. Am Ende war Schweigen. Stimmt nicht. Die Premierenbesucher haben getobt und sogar kräftig mit den Füßen "applaudiert".

Die nächsten Vorstellungen: 18. April, 22. und 26. Mai, jeweils 19.30 Uhr

Zum Thema:
Wir fragten Premierenbesucher: Was halten Sie von dieser Shakespeare-Interpretation?Frank-Frieder Schiefer (65) aus Klettwitz: "Eine spannende Inszenierung. Ich konnte mir vorher nicht vorstellen, wie man sämtliche Shakespeare-Werke in einen Abend packt. Die Schauspieler sind super, meisterhaft in der Verfremdung und in den Slapsticks. Ich habe Shakespeare mit ganz anderen Augen gesehen. Seine Frau Christina Schiefer (64) aus Klettwitz: Das ist nicht meine Welt. Komme mir vor wie bei "Shaun das Schaf". In dem Film war ich mit meinem Enkel, da fühlte ich mich auch fehl am Platz. Nichts gegen die schauspielerische Leistung, aber wie Othello in dem Stück dargestellt wird, ist für mich ein Schock. Dr. Martin Roeder (57), geschäftsführender Direktor des Staatstheaters Cottbus, ist nicht das erste Mal Premierengast mit seiner Frau Bettina Scharf(52) an der Neuen Bühne, kennt er doch den Senftenberger Intendanten aus früherer Zusammenarbeit gut: "Das ist ein superschräges Stück", sind sich beide einig. Roeder fügt hinzu: "Toll, wie Manuel Soubeyrand es hochgeschraubt und so viel dazu erfunden hat. Dieses schräge Material könnte ich mir auch sehr gut in der Cottbuser Theaterscheune vorstellen." Josephine Rother (24), BWL-Studentin aus Senftenberg, und der Lautaer Bergmann Robert Kuntze (30) sind begeistert: "Wir waren eher auf etwas Ernstes eingestellt. Aber das ist erfrischend lustig. In wie viel verschiedene Rollen die Schauspieler schlüpfen - genial. Das ist ein Stück, das kann auch viele junge Leute an die Neue Bühne locken."Wilhelm Konzack(13) aus Brandenburg gehört zu den jüngsten Premierengästen: Mir gefällt es sehr gut. Es ist witzig und wissenswert. Was seine Senftenberger Oma Christel Konzack (64) lächelnd bestätigt.