Auf dem Umschlag von Harald Martensteins neuem Buch steht, viele Leute würden sich „Die Zeit“ oder den „Tagesspiegel“ nur wegen Martensteins wöchentlicher Kolumne kaufen. Wenn das stimmt, ist dieses Zeitungskaufverhalten natürlich pure Ressourcenverschwendung. Die treuen Leser dieses Kolumnisten sollten eigentlich wissen, dass seine Texte alle paar Jahre in preiswert-kompakter Buchform erscheinen, es ist also nicht nötig, Geld in Unmengen von dicken Zeitungen mit Politik-, Wirtschafts-, Sport- und Kulturteil zu investieren, wenn alle Seiten bis auf eine unbesehen im Altpapier landen. So blöd sind die Fans von Martenstein aber sicherlich nicht.

Der Spaß seiner Kolumnen liegt ja darin, dass sie zu den vielen ernsten, wichtigen, ärgerlichen oder erfreulichen Nachrichten im Rest der Zeitung ein Kontrastprogramm bieten: Sie sind eine Oase, wo man sich vom Sinn und Unsinn des Weltgeschehens erholen kann, indem man zusieht, wie Martenstein ihn lustvoll durch den Wolf seines bissigen Humors dreht.

Wenn die Kolumnen in einem Band versammelt sind, fällt dieser schöne Oaseneffekt natürlich weg, doch vielen Martenstein-Lesern ist eine Kolumne pro Woche nicht genug, sie genießen seinen Humor gerne in höherer Dosis und sind deshalb glücklich, die besten seiner Glossen in Buchform zu erhalten.

Allerdings gibt es auch Leute, die Martensteins provokanten Humor überhaupt nicht mögen. Ihm wurden „Altherrenwitze“ vorgeworfen, ein Literaturkritiker der „Süddeutschen“ bezeichnete einen seiner heiteren Romane sogar als „Samenstaugewinsel“ und als „weinerlichen Revanchismus einer verhausschweinten Männlichkeit“. Es spricht für Martensteins Sinn für Selbstironie, dass er den neuen Kolumnenband „Ansichten eines Hausschweins“ genannt hat. Er kann also auch einstecken.

Grummelig, aber nicht zynisch

Worüber schreibt dieser Autor nun? Über wirklich alles Erdenkliche, die Texte heißen beispielsweise „Über Freiheit“, „Über Schnarchen“ oder „Über Schnecken“. Vor allem mokiert sich Martenstein über die vielen, oft wohlmeinenden, aber leider mindestens ebenso oft undurchdachten Phrasen der politisch-kulturellen Eliten. Gern scheint er sich mit Feministen zu beharken und legt dabei durchaus Altherrenwitz an den Tag, das heißt: Er verteidigt mit dem grummeligen, aber nicht zynischen Humor eines schon etwas älteren Herrn von knapp 60 Jahren die Wünsche und Belange älterer Herren. Zum Beispiel lästert er über einen Zeitungsartikel, in dem Silvio Berlusconi als ekelhafter Lustgreis angeprangert wird. Man könne dem italienischen Ministerpräsidenten vieles ankreiden, aber für sein Alter und seine entsprechende körperliche Erscheinung könne der 75-Jährige nichts. Dagegen würde man Frauen, die sich wesentlich jüngere Liebhaber angeln, als emanzipiert loben und ihnen ein „Recht auf Sexualität im Alter“ einräumen – warum gelte Gleiches nicht für männliche Senioren? Selbst den Vorwurf, dass junge Frauen sich mit Männern wie Berlusconi nur wegen ihres Reichtums abgeben, weiß Martenstein geschickt zu kontern. Er argumentiert: „Ist es wirklich ehrenwerter oder romantischer, sich zu jemandem wegen seines Waschbrettbauchs oder eines wohlgeformten Hinterteils hingezogen zu fühlen als wegen anderer Eigenschaften, sogar wegen des Geldes, also wegen des Lebensgenusses, den eine solche Person einem verschaffen kann?“ Der Kolumnist findet Berlusconi zwar ebenfalls „eklig“, aber nicht wegen dessen „Jugendwahn“ im Alter, sondern wegen des Machtmissbrauchs, nicht nur gegenüber Frauen: „Berlusconi wäre auch abzulehnen, wenn er privat so unauffällig leben würde wie Thomas Gottschalk.“

Gegen den Strich

Harald Martenstein versteht es also, moralische oder intellektuelle Allgemeinplätze gegen den Strich zu bürsten. Das Vergnügen, das seine Texte bereiten, lässt sich allerdings durch Inhaltsangaben nur unzureichend wiedergeben. Es liegt in der Form, in den überraschenden Wendungen, mit denen der Autor seine Themen ins Absurde kippen lässt. Wer glänzend geschriebene Altherrenwitze in hoher Dosis erleben möchte, sollte zur Lesung ins Schloss Lübbenau kommen.

Lausitzer LesArt mit Harald Martenstein, Mittwoch, 19. Oktober, 19 Uhr, Schloss Lübbenau. Eine Veranstaltung des Brandenburger Literaturbüros und der Lausitzer Rundschau. Ticket-Telefon: 03542/8730.