Es ist ja seit Jahren still geworden um den genialen Pantomimen. Das mag vielleicht nicht überraschen; denn still war ja sein Schaffen immer gewesen. Dabei war es über alle Sprachbarrieren hinweg zu verstehen, Pantomime, ein stilvolles Esperanto der Kunst. Kristallklar, wie Marcel Marceau seine Figuren formulierte und in den Raum setzte und darin bewegte, kann man sagen, er beherrschte diese Sprache gänzlich ohne Akzent.
Wahrscheinlich hat er 2005 die Bühne verlassen, um seinen Bewunderern als der Magier in Erinnerung zu bleiben, der mit seiner Ausdrucksform alle Künste vereinte: eine bildreiche Dichtung ohne Worte, eine betörende Musik ohne Klänge, eine expressive Malerei ohne Farbe, eine konturenreiche Skulpturenkunst ohne Steinstarre. Alles, Worte, Klänge, Farbe und Ewigkeitsanspruch des Steins, formten seine Mimik, seine Gestik, seine tänzerische Bewegung. Mit seherischer Kraft - mag sein - ahnte er, dass er den Gipfel erreicht und nun nur ein Hinuntergang, ein Abstieg zu erwarten gewesen wäre. Er wollte abtreten, wenn das noch ein jeder als einen Verlust betrachtet, hatte den Zeitpunkt genau bedacht. Ein Magier eben. Auch darin. Er, der Mann an der Seine, Marcel Marceau, wurde so zum Thema für die Künstlerin an der Neiße, Sigrid Noack.
Dazu haben sicher auch ähnliche Wesenszüge beigetragen. Darin, wie die Pantomime Dinge und Situationen ahnen lässt und in dem Betrachter Assoziationen freisetzt und damit konkrete Wirkung erzielt, sah Sigrid Noack offensichtlich Parallelen zu ihrer Kunst. Hatte sie doch zum Beispiel mit ihrem Sonnenzyklus Dimensionen von Erd- und Menschheitsgeschichte, von Naturbetrachtung und -besinnung aufgerissen und mit ihren Dämonen eine Sittengeschichte des Geldes mit hoher Symbolkraft dargestellt. „Soziale Themen sind sein Credo“ , schreibt die Gubener Künstlerin in ihrem Begleittext. „Sein analytischer Geist prägt Figuren voller Strenge und Präzision, die doch Emotion hervorrufen.“
Sigrid Noack hat Marcel Marceau, den sie verehrungsvoll den Maitré nennt, 1971 zum ersten Mal gesehen. . . und bewundert. Im gleichen Jahr entstand ein Tafelbild „Trauriger Pantomime“ . Ein Künstler, den ein greller Scheinwerferkegel aus der Anonymität reißt und zugleich sehr einsam erscheinen lässt. Weitere Bilder entstanden, und eine zweite Begegnung vertiefte die Eindrücke. Die Gubenerin hatte das Glück, dem Franzosen ihre Bilder und Grafiken zeigen zu können, die ihren Entstehungsgrund im Erleben seiner Kunst hatten. Und sie hatte die noch größere Genugtuung, dass der Meister Interesse für ihr Schaffen zeigte und ihre Pläne zu dem vorliegenden Buch befürwortete.
Ein bisschen ähnelte das der Beflügelung, die es zwischen Marcel Marceau und Charlie Chaplin gegeben hatte. Marceau hatte den amerikanischen Schauspieler zu bewundern begonnen, als er ihn als Fünfjähriger zum ersten Mal gesehen hatte. Er war dann um die 40, da verriet ihm Chaplins Tochter, dass der Vater Marceaus Kunst liebt. Als der Pantomime und der Schauspieler sich 1967 persönlich begegneten, waren sie so voneinander angetan, dass sie gemeinsam als Tramp über den Flughafen marschierten.
Für Sigrid Noack war eine letzte Begegnung mit Marcel Marceau im Sommer 2004 in der Dresdner Semperoper so eine Initialzündung. Wieder einmal war sie von der Vorstellung hellauf begeistert. Das, meinte sie, muss man mitteilen. Es ist, als wollte sie uns an diesem Auftritt teilhaben lassen. So entstand ihr Künstlerbuch. Der vermutlich letzten Vorstellung Marcel Marceaus folgt so seine allerletzte, eine, die immer wieder zu genießen ist. Sofort stellt sich das Empfinden ein, dass der große Darstellungskünstler auf uns neugierig ist. Lugt er uns doch durch eine rechteckige Öffnung des Schubers entgegen. Wir können uns eingeladen betrachten. Wer blättert, begegnet zunächst der schwarzen Lichtlosigkeit vor Vorstellungsbeginn. Versalien beschwören STILLE herbei. Der Vorhang öffnet sich. Der Protagonist zeigt sich mit nachdenklichem Gesicht. Das ist Bip, wie Marcel Marceau seine Kreation, an eine Dickens-Rom anfigur angelehnt, nannte. Bip wird in Bewegung gesetzt. Blatt für Blatt. Erstaunlich, wie sich aus dem Abenteuer von Linien und Farbe Figuren und Situationen entwickeln! Stimmungen werden ausgestellt. Die Künstlerin nimmt die Mimik und Gestik des Pantomimen auf. Sie rückt die Hände in das Scheinwerferlicht. Vor allem auch durch seine Hand ist der Mensch zum handelnden Wesen geworden. Der Kopf gehört natürlich dazu. Das Denken, das sich auf den Zügen seines Gesichtes abbildet. Da gibt es nicht viel Freuderregendes. Es ist meist traurig, das Leben.
„Mein Leben ist ein Roman. Krieg, Hass, Licht und Schatten begleiteten es“ , sagte er 2004 in einem RUNDSCHAU-Samstagsgespräch. Er wolle Gefühle der Einsamkeit, der Trauer darstellen, aber auch Erinnerungen wachhalten an die Schrecken des Holocaust, dem sein Vater zum Opfer fiel, und die angstvollen Kriegsereignisse. Ein politischer Künstler, der im Widerstandskampf gegen die Nazi-Besatzer tätig wurde. Gesicht zeigen, der Gedanke kommt, wenn man mit diesem Wissen Sigrid Noacks Künstlerbuch-Vorstellung weiter folgt. Sie sucht nach den schöpferischen Prozessen, die die Pantomime auslösen kann. Sie findet sie, wie sie sie in der Sonne, im Geld, in den Dämonen gefunden hat. Originalzitate des Maitré unterlegen ihre Entdeckungen. Dialektik der Dinge: Wo Gutes wächst, lauert auch Böses auf seine Chance. Diese und ähnliche Gedanken geleiten uns aus der „Vorstellung“ , aus dem Buch hinaus. Nachdenklich. Antwort suchend: Können wir etwas ändern am Zustand dieser Welt?
Das famose Buch, von Hand im Hochdruckverfahren und Schablonendruck auf gestrichenen Papieren zwölfmal gefertigt, hat durch die Dresdner Kunsthistorikerin Reinhild Tetzlaff ein Nachwort von essayistischem Zuschnitt erfahren.
Nun wartet das Buch darauf, öffentlich, vielleicht in Kunstmuseen und Bibliotheken, von vielen Liebhabern in die Hand genommen zu werden.