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Sein Pol hieß Menschenwürde

Der Cottbuser Arno Schirokauer (1899 - 1954) – eine Veranstaltung im Heron Buchhaus soll ihn heute ab 19 Uhr dem Vergessen entreißen.
Der Cottbuser Arno Schirokauer (1899 - 1954) – eine Veranstaltung im Heron Buchhaus soll ihn heute ab 19 Uhr dem Vergessen entreißen. FOTO: pr
Am 10. Mai 1933 brannten auf dem Berliner Opernplatz und in zahlreichen Städten Bücher. Scheiterhaufen waren errichtet worden „wider den undeutschen Geist“ , wie es im Nazi-Jargon hieß. Von „undeutschem Geist“ waren unter vielen anderen die Werke von Brecht, Döblin, Feuchtwanger, Hasek, Kisch, Heinrich und Klaus Mann, Ossietzky, Remarque, Seghers, Tucholsky, Kästner, Werfel, Arnold Zweig, Stefan Zweig. Dass zu denen, die unter martialischen Bannsprüchen in die Flammen geworfen wurden, auch ein Cottbuser gehörte, war bisher unbekannt. Seiner wird heute Abend im Heron Buchhaus Cottbus gedacht. Von Klaus Wilke

Der, den man nun in einem Atemzug mit den Großen der deutschen Literatur im 20. Jahrhundert nennen kann, heißt Arno Schirokauer. Er galt als einer der fähigsten und kenntnisreichsten Sprach- und Literaturhistoriker seiner Zeit, als ein Rundfunkpionier in Theorie und Praxis. Er war ein Hörspielautor und -theoretiker und ein exzellenter Sachbuchautor, dessen Darstellungen seine Leser in Bann nehmen und nicht loslassen. Ein Mann mit politischem und sozialem Engagement, der, was er zu sagen hatte, in verständlicher und dabei ungeheuer bild- und kontrastreicher Sprache erzählen konnte. Den Sachbuchbereich kann man bei Schirokauer mit gutem Gewissen als Sachbuchliteratur bezeichnen. Das Wegstück zur Belletristik ist bei diesem Autor kleiner als das zum konventionellen Sachbuch.
Schirokauer ist ein gebürtiger Cottbuser, den es - mal gewollt, mal gezwungen - in die Welt trieb, wo er sich schließlich mit seinen wissenschaftlichen und publizistischen Leistungen einen guten Ruf erwarb. Am 20. Juli 1899 begann ein Lebenslauf, der durch die Fährnisse und Unfairnesse eines ruppigen Jahrhunderts zähe Widerstände und jähe Wendungen erlebte. Schirokauer wuchs in der Familie eines Landarztes auf. Vermutlich gehörten hier Geborensein und Geborgensein ganz eng zusammen. Das hinderte ihn nicht daran, oder vielleicht bestärkte es ihn sogar darin, im Ersten Weltkrieg von der Schule weg in den Krieg zu ziehen. Nach einem Notabitur wechselte er 1917 von der Schulbank in die Pilotenkanzel. Der Krieg war schnell für ihn vorüber: Im Luftkampf verlor er ein Auge.

Schnelle akademische Laufbahn
Es begann für den jungen Cottbuser eine schnelle akademische Laufbahn; er studierte ab 1918 Germanistik und promovierte bereits 1921 mit bestem Ergebnis über ein sprachwissenschaftliches Thema (mittelhochdeutsche Reimgrammatik) und schloss sofort eine grundlegende Abhandlung über den Expressionismus der Lyrik an.
1926, inzwischen verheiratet mit der Publizistin Erna Moser, wurde er freier Autor, der Essays, Feuilletonbeiträge, Rezensionen und Theaterkritiken für regionale und überregionale Blätter verfasste. 1929 übernahm er eine Stelle beim Mitteldeutschen Rundfunk und wurde im darauffolgenden Jahr Leiter der Kulturabteilung. Mit einer wöchentlichen Literatursendung weckte er verstärkt Interesse an neuen Büchern. Er machte dabei kein Hehl aus seiner tiefen Ablehnung des Nationalsozialismus.
Als dessen konsequenter Gegner verlor er 1933 seinen Posten. Er wurde, wie er später in einem Lebenslauf schrieb, „zum Berufstod verurteilt“ . Als am 10. Mai 1933 die literarische Inquisition ihre Scheiterhaufen abfackelte, wurde unter den verfemten Namen, mit Schmähsprüchen versehen, auch der Seine genannt. Dazu wurde seine 1928 erschienene großartige Lassalle-Biografie in die Flammen geworfen. Die Gründe waren in Lasalles jüdischer Abkunft, in seinem Kampf für den Sozialismus und in der Nazigegnerschaft Schirokauers zu finden. Der Autor lebte in den ersten Jahren der Nazizeit mit der Familie, zu der zwei Kinder gehörten, in Italien.
Zu einer Passerneuerung 1937 kurz nach Deutschland zurückgekehrt, wurde er verhaftet und für zwei Jahre in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald interniert. Nach Zahlung eines „Lösegeldes“ gelang ihm 1939 die Flucht nach Amerika. Dort konnte er seine vielseitige Begabung als Wissenschaftler, Forscher, Dozent und Herausgeber anwenden. Bald würdigte man ihn als eine der Spitzen der amerikanischen Germanistik. Leider ist Arno Schirokauer früh verstorben: Am 24. Mai 1954 endete dieses ereignis- und ergebnisreiche Leben.
Dass sein Werk nicht zu wirken aufhört oder sogar eine kleine Renaissance erfährt, ist einer Aktion des Verbandes der Schriftsteller (VS) in der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di zu verdanken. Er hatte seine Landesverbände aufgerufen, weitgehend unbekannte Autoren, deren Werke 1933 verbrannt wurden, dem Vergessen zu entreißen. Die Aktion erfährt zudem die Förderung durch den Bundesbeauftragten für Kultur und Medien. Nach einem Hinweis des Lausitzer Journalisten und Publizisten Hans-Hermann Krönert begab sich der brandenburgische VS-Landesvorsitzende Alexander Kröger (d. i. Dr. Helmut Routschek) auf Spurensuche und wurde fündig.

Zum zweiten Mal geboren
Schirokauers Lebensweg konnte rekonstruiert, Teile seines Werkes wiedergelesen werden. Dem Vergessen richtig entreißen kann man einen nur, wenn man ihn vielen nahebringt. So wird heute Abend der Autor Arno Schirokauer zum zweiten Mal geboren: um 19 Uhr im Heron Buchhaus Cottbus. Dort kann man, gelesen von Cottbuser Persönlichkeiten, Auszüge aus seiner Lassalle-Biografie hören. Neben spannender Unterhaltung, weil eben Schirokauer ein so guter Erzähler ist, erfährt man dabei Erstaunliches: zum Beispiel wie der Autor Lassalle 1928 zum Vater des Sozialstaates ausruft; wie Lassalle, ein begnadeter Propagandist, den Menschen den Sozialismus in Freiheit erklärt; wie er, mit Bismarck zusammenwirkend, den Konsens in sozialen Fragen sucht.
Ein zweites Buch wird vorgestellt: „Der Weg zum Pol. Sehnsucht, Opfer und Eroberung“ . Das ist die atemberaubende Geschichte der Polarexpeditionen bis 1932, die Schirokauer geschickt mit Elementen der Kultur- und Zivilisationsgeschichte ausstattet.
Ein unterhaltsamer Abend, vom Cottbuser Streichquartett umrahmt, ist zu erwarten. Hingehen lohnt sich. Symbolisch gesehen, kann, wer teilnimmt, Bücher aus dem Feuer holen. Aber, um uns nicht misszuverstehen: Man ist auf das Hören angewiesen, da Schirokauers Bücher noch nicht wieder im Angebot sind. Schade.

Schirokauer im Zitat „Marx konstruierte, Lassalle zimmerte“
 „Pol! Jede Art von Temperament und Kraft tritt hier nach ihrem Gesetz an und erprobt sich. Jede erdenkliche Art von Leidenschaft und Traum bestreicht dieses Feld. Viele Verworrenheit sucht hier Frieden von unklaren Trugbildern. Jedes Zeitalter seit dem der Entdeckungen nennt einige seiner Hoffnungen Pol; jedes hüllt andere Tendenzen in dieses Wort, jedes schlägt andere Wünsche darin ein: mystische, merkantile, sportliche, rationalistische, imperialistische. Pol ist das simple Wortgerät, in das die Zeiten immer anderen Sinn gießen.“
Aus: „Der Weg zum Pol“

„Lassalle saß nicht fern dem Markt der Politik wie Marx, sondern stand mitten drin; er stand seinen Mann. Marx wählte die in manchem Sinn leichtere Aufgabe des unversöhnlichen Schmollens und Grollens; Lassalle wählte Wirkung um jeden Preis. Während der Philosoph des Proletariats sich mit den Windmühlen der ökonomischen Theorie herumschlug, sprach Lassalle mit wunder Kehle, kranken Organen, versagender Stimme in hundert Stunden den Prolog des Sozialstaates. Marx konstruierte, Lassalle zimmerte.“
Aus: „Lassalle. Die Macht der Illusion, die Illusion der Macht“