. . Diesmal hat das Ballettensemble vom Staatstheater Cottbus die Chance bekommen, einer ollen Kamelle ans Schienenbein zu treten. Zumindest wollte sich Dirk Neumann mit seiner ersten abendfüllenden Choreografie daran versuchen und hat sich an „Die schlecht behütete Tochter“ herangewagt. Ein Ballett, das seit der Uraufführung Ende des 18. Jahrhunderts in diversen Fassungen, auch musikalischen, über die Bühnen Europas geistert – und weil es nicht gestorben ist, so lebt es noch heute, in Choreografien von Frederick Ashton, Heinz Spoerli, John Neumeier . . .

Zeitreise in die Sechziger

Dirk Neumann hat in der Kammerbühne in seinem Spiel „SchlechtBehütete Tochter # Hérold“ vom vielfach variierten Ausgangsmaterial so halbwegs die Geschichte entlehnt, auch musikalische Überlieferungen von Ferdinand Hérold zu „La fille mal gardée“ eingebaut und das Ganze dann zu einer Zeitreise in die Sechziger zusammengemixt, mit Musik auch von George Antheil, Led Zeppelin, Emir Kosturica und anderen. Herausgekommen ist eine Tanzrevue in drei Bildern, und die Zuschauer haben damit ganz offensichtlich ihre ausklingenden Winterdepressionen gut in den Griff bekommen. Vor allem hat das kleine, engagierte Ensemble mit wirklich bemerkenswerten Tänzern Beachtliches dafür geleistet.

Dass die Rolle der Mutter mit einem Mann besetzt ist, gehört bei diesem Ballett einfach mal dazu, und mit Steffen Fuchs ist das ein so sympathisches Exemplar von hintergangener, putzender, träumender „Hüterin“, dass eine strafende Furie gar nicht erst denkbar wäre. Mit seiner markanten Größe und im weinroten Hosenanzug (Nicole Lorenz sorgte insgesamt für treffende Kostüme) ist Fuchs geradewegs die „ideale Tanzpartnerin“ für Aslanbek Kotsoev als reicher Winzer Michaud, der seinen Sohn Nicaise (Marek Mader) an die Frau, sprich Lisa, bringen will. Und er besticht im Komischen ebenso wie im Tragischen. Als sich letztlich für einen Moment, bevor sich das Mädchen selbstbewusst befreit für die eigene Entscheidung, Mutter und Tochter (Sandrin Berset) behutsam finden, ist das wunderbar berührend. Da treffen deutlich zwei besondere Tanzdarsteller aufeinander, und allein das ist schon etwas wert.

Speziell den Szenen mit Colas (István Farkas) fehlt es in der Choreografie noch deutlich an Ideen. Nur so, in der Abfolge von – zugegeben – beachtlich vorgeführten Tanznummern lässt sich die Geschichte, vorsorglich als Revue bezeichnet, ganz gewiss nicht erzählen. Und die Flower Power Gesellschaft (im Bühnenbild von Hans-Holger Schmidt geschickt assoziiert mit einem spielerischen Tapetenwechsel) hält sich reichlich real an das Sinnbild des Abhängens; schließlich sind aber die Zuschauer auch noch da.

Nicht auf den Kopf hauen

Übrigens, es lohnt nicht, diesem Ballett aus uralten Zeiten allzu derb auf den Kopf zu hauen. Da ist nicht viel mehr übrig als die Musik und ein „Behältnis“, in dem zu jeder Zeit Künstler ihre Zutaten herzhaft und erfolgsorientiert aufgemischt haben. Wenn Dirk Neumann mit dem „Tisch-Konzert“ an das berühmte Holzschuh-Solo der Mutter erinnert, mit dem Traumbild eine „Lösung in Weiߓ herbeizaubert und sich das ungleiche Eltern-Paar (man sieht es auf den ersten Blick, sie haben den Schlüssel für das Glück!) ungeachtet der Kontroversen ihrer Kinder hingerissen miteinander verhakeln, so ist das schon eine liebenswerte Sicht auf die Möglichkeiten der Erzählweise. Und die Inszenierung, dramaturgisch vielleicht noch etwas aufgeschüttelt, gewinnt – wie bereits zur Premiere – garantiert das Publikum.