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Sehnsucht nach Vertrautem

Ausstellungen mit DDR-Kunst stehen 15 Jahre nach der Wiedervereinigung zunehmend im Blickpunkt von Besuchern. Kunstwissenschaftler wie Winfried Wiegand von den Meininger Museen und Simone Tippach-Schneider vom Kunstarchiv Beeskow registrieren eine zunehmende Akzeptanz für DDR-Kunstwerke. Von Ingrid Ehrhardt

Die Kuratorin der Ausstellung "Ein weites Feld", die derzeit auf Burg Beeskow im Brandenburgischen auf ein unerwartet großes Besucherinteresse stößt, erklärt sich die Renaissance an diesen Kunstwerken nicht etwa aus verklärter DDR-Nostalgie, sondern aus der Sehnsucht nach Vertrautem. "Für viele ruft die Begegnung mit diesen Bildern einen Erinnerungseffekt hervor."
Wiegand, der die ehemalige "Bauerngalerie" der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdGB) des Suhler Ringberghauses betreut, sieht auch ein erkennbar gewachsenes Interesse an Leihgaben aus dem 650 Bilder, Grafiken und Plastiken umfassenden Fundus. So ist Willi Sittes großformatiges, vierteiliges Gemälde "Landsauna" derzeit im Erfurter Volkskundemuseum zu sehen. Kurt Querners "Bauer Rehn" oder Bernhard Heisigs "Landschaft Warnau" sind Teil der Schau "Ein weites Feld" in Beeskow. Die Thüringer "Bauerngalerie" kam nach Privatisierung des Ferienheimes über die Treuhand 1994 in den Besitz des Landes Thüringen. "Wir bewahren die Kunstwerke seither im Depot sorgsam auf. Zahlreiche Bilder sind der Öffentlichkeit jedoch über Leihverträge zugänglich", berichtet Wiegand.
Die Kunstsammlung Maxhütte im Stahlwerk Unterwellenborn (Kreis Saalfeld-Rudolstadt) ist eine der wenigen geschlossenen Kunstsammlungen eines volkseigenen DDR-Großbetriebes. Seit 1995 ist die Sammlung mit etwa 350 Werken der Malerei und Grafik im Besitz des Freistaates. Werke aus ihrem Depot sind zurzeit nach Erfurt ausgeliehen und waren auch bei der umstrittenen DDR-Kunstausstellung zum Kulturstadtjahr 1999 in Weimar zu sehen.
Aus Sicht von Tippach-Schneider wächst auch die Akzeptanz für diese Art von realistischer Kunst bei Menschen, die nicht die DDR erlebt haben. Das hänge mit der Schnelllebigkeit der Zeit, mit der Informationsflut und der Sättigung bei der Rezeption von ab strakter Kunst zusammen. Diese Beobachtung habe sie bereits bei der Schau "Zwischen Himmel und Erde" gemacht. Sie tourt derzeit durch die Lande. Anfang 2006 geht auch "Ein weites Feld" auf Wanderschaft: Über Rheinsberg (Tucholsky-Museum), Berlin (Domäne Dahlem), Bad Frankenhausen (Panorama-Museum) kommen die 32 Ölgemälde sowie an die 20 Aquarelle und Grafiken zum Thema "Landwirtschaft als Motiv in der DDR" im Mai 2007 im Meininger Schloss Elisabethenburg an.
Der Meininger Museumschef Wiegand ist sich ziemlich sicher, dass bald auch aus dem nahen Suhl Bedarf an Sittes "Landsauna" angemeldet wird. Die Stadt bereitet mit Unterstützung der Willi-Sitte-Stiftung für realistische Kunst in Merseburg eine große Ausstellung des DDR-Malers für 2006 in Suhl vor. Die Merseburger erhalten im Gegenzug Teile des großformatigen Sitte-Wandbildes "Kampf und Sieg der Arbeiterklasse" als Leihgabe für die ständige Sitte-Ausstellung. Sie soll im Februar eröffnet werden. Das Suhler Emaille-Tafel-Bild lagert seit seiner Demontage wegen des Baus des neuen Congress Centrums wie viele DDR-Kunstwerke im Depot.
Tippach-Schneider sieht große Chancen für Ausstellungen mit DDR-Kunstwerken: "Die Leute sehnen sich wieder nach gegenständlicher Malerei. Sie wollen eine erkennbare Botschaft, die Grundlage bietet für den Dialog. Die Leute haben Lust, sich auseinander zu setzen." Bange müsse niemanden sein, dass der Fundus an DDR-Kunst sich thematisch schnell erschöpfe. Allein das Kunstarchiv Beeskow verfüge über 23 000 DDR-Kunst-Objekte aus den Ländern Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin.
www.meiningermuseen.de; www.kunstarchiv-beeskow.de; www.stahlwerk-thueringen.de