Tage zuvor aber ist die Studiobühne durchflutet von aufgeregter Probenatmosphäre. Aus der Dunkelheit tönen Stimmen. Effi (Juschka Spitzer) fragt liebevoll-besorgt ihre Tochter Annie (Luise Rasche): "Wirst Du mich auch öfter besuchen?" Die höflich-unterkühlte Antwort: "Oh, gewiss, wenn ich darf". Ein Satz, der in seiner abweisenden Distanz Kälteschauer in die Zuschauerreihen schickt.Effi, ausgestoßen von der Gesellschaft, erwachsen geworden vor der Zeit, getrennt von ihren Kindern, lässt die Zuschauer im Rückblick miterleben, wie sie an der Seite des viel älteren, prinzipientreuen Barons von Innstetten (Roland Kurzweg) aus dem Reich des Spiels ins Reich des Lebens wechselt.

Ein dramaturgischer Rahmen, der das Unheil vorwegnimmt, das ihr widerfährt, beklemmendes Mitgefühl während des ganzen Stückes erzeugt und doch auch eine Hoffnung, so vergeblich sie auch scheinen mag.

Wie jung sie ist, wie ungestüm, wie lebendig, als noch ihre Träume auf der Schaukel in den Himmel schwingen! "Liebe ist Papperlapapp" ist von Papa Briest (Mirko Warnatz) während der Probe zu hören, wobei es sich auch in diesem Falle beim alten Briest höchstwahrscheinlich um "ein weites Feld" handelt. Baron Innstetten indes hält an seinen Prinzipien fest, selbst als er Effi, die er noch immer liebt, verloren hat: "Man braucht nicht glücklich zu sein, am allerwenigsten hat man einen Anspruch darauf, denn jenes, uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas fragt nicht nach Charme und nicht nach Liebe. . ."

Aus Liebe oder Vorteilserwägung

Der Roman "Effi Briest" war mitten in einer Zeit hitziger Diskussionen um die so genannte Liebesheirat entstanden, eine revolutionäre Idee Preußens, die Bismarck beförderte, indem er die bürgerliche Ehe einführte und verkündete, dass es keines Altars zur Eheschließung bedarf. Fontane selbst traute der Liebesheirat offenbar nicht ganz, hat er doch in einem Aufsatz befunden: "Unter allen Umständen bleibt es mein Credo, dass, wenn von Uranfang an, statt aus Konvenienz (Herkommen) und Vorteils-Erwägung, lediglich aus Liebe geheiratet wäre, der Weltbestand um kein Haarbreit besser sein würde als er ist."

Fontanes Briefwechsel mit seiner Frau sprach allerdings eine ganz andere Sprache, war von inniger Liebe erfüllt, weiß Esther Undisz. "Effi hat eine so große Sehnsucht nach Leben. Am Ende aber hat sie nur halb gewagt, nur halb gelebt", beschreibt Esther Undisz die große Tragik der Figur. Doch selbst der halbherzige Versuch, aus der Enge auszubrechen, das Glück zu finden, habe ihr den Kopf gekostet.

Die 36-jährige Regisseurin, die am Staatstheater Cottbus ihre ersten Erfahrungen hinter der Bühne sammelte, schon öfter in Senftenberg inszenierte und freischaffend in Dresden lebt, ist damit wieder ganz nah bei den Zuschauern. Denn diese haben nicht das Gefühl, ferne, längst vergangene Zeiten zu betrachten.

Ein glückliches Leben zu führen, sei heute nicht leichter als vor hundert Jahren, so die Regisseurin. Diesen Glücksanspruch einzulösen und nicht dem Diktat eines "Gesellschafts-Etwas" zu opfern, sei heute so modern wie am Ausgang des 19. Jahrhunderts. Es gehe darum, wie Menschen Prioritäten setzen, ob sie der Karriere diene(r)n, sich zu Gunsten von Disziplin und Arbeit Menschlichkeiten abschneiden, wie sie mit Ängsten und Depressionen umgehen und in Bedrängnis geraten.

Das Glück wagen

Die Sehnsucht nach dem Glück ist eine existenzielle Frage. "Es ist verblüffend, wie aktuell die Probleme sind, die Fontane angesprochen hat", sagt die Regisseurin, die Fontanes Humor mag, die Genauigkeit, wie er Vorgänge zwischen Menschen und gesellschaftliche Zustände beschreibt: "Ich finde es spannend, wie er schreibt, liebe seine Sprache. Aber es ist ein Roman. In der Stückfassung der Neuen Bühne versuchen wir an bestimmten Punkten zusammenzufassen, wie sich schleichend eins zum anderen gesellt und zur Katastrophe summiert. Fontane ist ein Autor, dem man trauen kann. Da muss nichts hinzuerfunden oder umgeschrieben werden. Entscheidend ist, was man weglässt."

Das sei schon schwer genug, gibt die Regisseurin zu, die mit dem Stück Mut machen will, das eigene Glück zu wagen. Esther Undisz selbst hat der Versuchung nie widerstanden: "Für mich hat Glück vor allem mit dem Gefühl zu tun, nicht umsonst auf dieser Welt zu sein." Koste es, was es wolle.