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| 16:52 Uhr

Neue Bühne Senftenberg
„Europa verteidigen“ – das ist (k)ein Kinderspiel

Kinder verkörpern in Senftenberg ein Stück Zukunft Europas.
Kinder verkörpern in Senftenberg ein Stück Zukunft Europas. FOTO: Steffen Rasche
Senftenberg. An der Neuen Bühne stiften junge Laiendarsteller Hoffnung in oft düsterer Szenerie. Von Ida Kretzschmar

Nackte Glühbirnen eingehüllt in Kanonenrauch. Dazwischen ausgelassene Kinder, die hüpfen und einander kitzeln und beschließen: Lasst uns Theater spielen. Es ist ein sperriges, bedrohliches, nicht leicht verdauliches Thema, dem sich Konstantin Küspert in seinem Stück widmet, das am Samstag in Senftenberg erstmals über die Bühne geht.

„Europa verteidigen“: Das ist, so stellt sich auch an diesem Abend heraus, alles andere als ein Kinderspiel. Und doch hat der junge Regisseur Dominic Friedel eine glückliche Hand bewiesen, als er dieses Stück statt mit fünf erwachsenen Schauspielern – wie vom Autor vorgesehen – mit nur zwei  und zehn sehr jungen Laiendarstellern der Region inszenierte. „Ich bin sehr froh, dass er diese Idee durchgesetzt hat“, bekennt Manuel Soubeyrand, als sich der Intendant (auch mit süßen Gaben) auf der Premierenfeier für die „tollen Leistung“ bei den Kindern und ihren Eltern bedankt.

Denn dieses lebendige, so leidenschaftliche und immer selbstbewusster werdende Kinderspiel geht wahrlich unter die Haut. Eindringlich assistiert von den Schauspielern Anna Schönberg und Sebastian Volk, die den Kindern ambitioniert die Studiobühne ebnen, öffnen die jungen Laiendarsteller unbefangen gedankliche Räume, die sich nicht nur aus der Wucht der Texte ergeben. Zwischen pantomimischer Darstellung und Sprechchören gewinnt die Sicht auf diese kruden, düsteren, stellenweise berührenden Zeitsprünge durch Europa eine so unverblümte Wahrheit wie sie nur Kinder auszusprechen vermögen. Allein wie sie das Wort Hedgefonds im Mund herumdrehen – als hätten sie ein Gespenst vor sich. Und als ein Mädchen beim Lesen ins Stocken gerät, lässt sie die Zuschauer spüren, wie unverständlich, ja unsagbar es für ein Kind sein muss, das millionenfache Sterben durch die Jahrhunderte im Namen Europas.

Michaela Muchina hat die Darsteller in viel zu große Uniformen gesteckt, in die Kinder nicht passen. Oder sie hüllt sie in Patchwork-Kostüme, zusammengewürfelt, einem Völkergemisch gleich, aus verschiedenen Farben. Das sparsame Bühnenbild von Norbert Plathe-Narr aber gibt dem Spiel allen Raum.

In drei Erzählsträngen verbinden sich Mythologie, Monologe von heutigen Zeitgenossen und historischen Persönlichkeiten. Es werden Schlachten geschlagen und Für und Wider zu Europa ins Feld geführt. Zwischen dem grausamen Mythos der Vergewaltigung der gottgleichen Schönheit Europa durch Gottvater und Weltenlenker Zeus auf Kreta, mittelhochdeutschen Versen von Walther von der Vogelweide, Wikinger- und Kolonialeroberungen wird immer wieder die Gegenwart gespiegelt, die Angst vor Überfremdung. Die düstere Zukunftsvision führt wieder nach Kreta des Jahres 2020: Wird man am Ende zur Verteidigung des Schiffs Europa das Versenken anderer in Kauf nehmen?

Bei aller Düsternis: Finn Jannis Bergen, Kalila Koritnik, Károly Koritnik, Jette Lachmann, Julia Magister, Pauline Palatinus, Amelie Slomka, Julian Thaler, Philip Thaler und Tim Thomä verkörpern mit ihrem lebendigen Kinderspiel vor allem die „Sehnsucht Europa“– aktuelles Spielzeitmotto an der Neuen Bühne.

Karten für die weiteren Vorstellungen am 9. und 14. März sind an der Theaterkasse im Besucherzentrum, unter Tel.: 03573  801280 oder online erhältlich.