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| 16:54 Uhr

Sechs Männer und eine Sinnkrise

Sechs Beckmanns: (v.l.): Henning Strübbe, Oliver Breite, Gunnar Golkowski, Johannes Kienast, Mirco Reseg, Thomas Harms.
Sechs Beckmanns: (v.l.): Henning Strübbe, Oliver Breite, Gunnar Golkowski, Johannes Kienast, Mirco Reseg, Thomas Harms. FOTO: Thomas Richert
Cottbus. "Only you" dröhnt der Schlager, wenn das Publikum eingelassen wird. Es geht um uns und um Beckmann, der an Körper und Geist verletzte Heimkehrer aus dem II. Weltkrieg, der in Wolfgang Borcherts 1947 uraufgeführtem Stück nicht wieder hineinfindet in eine Gesellschaft, die sich schon wieder mit Verdrängungselan eingerichtet hat im normalen Leben. Hartmut Krug

Dieser Beckmann ist in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus nicht mehr draußen, sondern ganz drinnen bei sich und seiner Verzweiflung. Und der Zuschauer ist mit und bei ihm. Das heißt, bei ihnen. Denn es sind sechs Männer, die den einen Beckmann und alle anderen Figuren von Borcherts Stück spielen. Aber weniger, als dass sie die anderen Figuren wirklich spielen, sondern eher, indem sie diese mit ihren Haltungen herbeizitieren.

Das Licht bleibt während der Vorstellung auch im Zuschauerraum an. Wir alle gehören zusammen. So bildet die Sessel- und Sofalandschaft, dazwischen riesige giftige Pilze aus Plastik, für die Schauspieler zusammen mit den übergangslos anschließenden Zuschauerreihen eine Art offenen Gemeinschaftsraum.

Wagemutige Zuschauer können sich auch bei den Schauspielern einen Platz suchen. Bühnenbildner Christoph Ernst hat einen Spielraum gebaut, bei dem alle Wände rundum wie zu einer Pappschachtel beklebt sind. Auf der Bühne gibt es eine Tür, die vernagelt scheint, aber ohne Weiteres durchschritten werden kann. Die Beckmanns, die hier tief in ihren Depressionen und Sinnkrisen stecken, können hindurchgehen, aber sie finden ihren Weg ins Leben nicht ohne Weiteres.

Nun steckt Borcherts altes Nachkriegs-Suchstück "Draußen vor der Tür" voll stickigem Pathos. Dessen beschönigende und entlastende Botschaft "Der Krieg ist schlimm, der Mensch aber kann gut sein" machte das gefühlskitschige Stück direkt nach dem Krieg zum Erfolg. Und Beckmann begegnet nicht nur allerlei Menschen, einem Oberst, dem er die ihm im Krieg auferlegte Verantwortung zurückgeben will, sondern auch sich selbst als der Andere.

Glück hat er weder bei seiner Frau, die längst einen anderen hat, noch bei einer anderen, die ihn aufliest. Der Mann, der Selbstmord begehen will, scheitert daran immer wieder.

Er begegnet einem traurigen Tod, der sich als Beerdigungsunternehmer vorstellt. Und mit der Elbe, in der er sich zum Selbstmord fallen lässt, kommt es zum Streitgespräch, bevor diese den Widerstrebenden wieder an Land wirft. Ein Oberst und ein Kabarettdirektor verweigern sich dem an seiner Mitschuld Leidenden. Es gibt viele, allzu viele historische Figuren.

Zwar hat Regisseurin Katka Schroth Borcherts teils doch arg muffigen Text auseinandergenommen und neu montiert. Aber sie hat ihn nicht konsequent gekürzt, sodass er immer noch recht geschwätzig wirkt. Immerhin, da ihr sechsfacher Beckmann nicht mehr die eine, sich entwickelnde Figur erlaubt, stehen hier immer wieder Beckmanns unterschiedliche Haltungen nebeneinander.

Der eine erkennt sein Dasein gerade, der andere hadert zugleich mit allem. Und natürlich geht es nicht mehr um die Schuld aus dem II. Weltkrieg, sondern eher, ohne dass es ausgesprochen wird, um die Depressionen von heutigen Kriegsheimkehrern sowie um die grundsätzliche Sinnkrise des heutigen Menschen. Wer will, kann in den Fluten der Wehrmachtssoldaten auch die heutigen Flüchtlinge entdecken. Im Spiel gezeigt und gesagt wird das nicht, doch der alte Text ist offen für diese Sichtweise.

Wenn die Männer in ihren Trainingsanzügen mit-, vor- und gegeneinander über ihr Schicksal hadern, dann wird es laut und wild.

Für die Schauspieler ist das ein Spielangebot, das sie gern annehmen. Oliver Breite ist ein wütend aufbrausender Beckmann, Thomas Harms ein wunderbar melancholischer Beckmann, der von seiner ewigen Niederlage weiß, und Gunnar Golkowski gibt souverän den zuweilen gelassenen Denker. Henning Strübbe, Johannes Kienast und der manchmal allzu heftig auf die Wirkungstube drückende Mirco Reseg vervollständigen das Spektrum von Menschen in der Sinnkrise mit Gefühlen zwischen Hoffnung und Verzweiflung.

Wunderbar: eine Faustkampf-Szene zwischen fünf Beckmanns in Slowmotion.

Insgesamt ist das ein Theaterabend, der das alte Stück nicht gerade rettet, aber ihm neue Fragen aufzwingt. Nicht alle angebotenen Assoziationen überzeugen, aber das Spiel der Schauspieler umso mehr.

Schließlich ertönt das fies mehrdeutige Lied von Paul von Dyk und Peter Heppner: "Wir sind wir. Ein Deutschlandlied."

Dann ist Schluss. Und die Beckmanns sind noch immer da. Sie verbeugen sich nicht. Und wir gehen, berührt, irritiert, erschöpft, kritisch und nachdenklich. Was will man mehr.