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| 02:39 Uhr

Schwesternhäusern wird neues Leben eingehaucht

Mike Salomon
Mike Salomon FOTO: dpa
Kleinwelka. In einer Birke baumelt ein Kronleuchter im Garten der Schwesternhäuser in Kleinwelka, einem Ortsteil Bautzens. Mike Salomon kassiert noch für die Übernachtung im kleinen Heuhotel-Wagen. Miriam Schönbach /

Dann setzt er sich auf einen alten Stuhl, nippt am frisch gebrühten Kaffee, dreht sich eine Zigarette und schließt die Augen. "In der Zukunft sehe ich hier einen Kulturbetrieb mit einer Künstlerresidenz, einem Lese- und Geschichtencafé und einer Bühne. Es geht darum, das Areal zu gesunden und neu inhaltlich anzurichten", sagt der Kulturentwickler.

Salomon holt einen Schlüssel für die sechs zum Teil noch aus dem 18. Jahrhundert stammenden Gebäude auf dem 5000 Quadratmeter großen Grundstück im Besitz der Herrnhuter Brüder-Unität. Die Glaubensgemeinschaft ließ den Komplex zwischen 1770 und 1896 am heutigen Zinzendorf-Platz samt Kirche errichten. Vor vier Jahren entdeckte der gebürtige Spreewälder dieses Kulturdenkmal-Ensemble durch Zufall: Sofort faszinierte ihn das Areal, die meisten Gebäude darauf waren marode und standen leer. Die letzten Mieter zogen Ende der 1990er-Jahre aus. "Für mich war es von Anfang anwichtig, die Geschichte dieser Häuser mitzunehmen und sie nicht zu entseelen. Das Schwesternhaus war für junge Mädchen wie ältere Damen Wohn- und Arbeitsraum und gleichzeitig geistiges Zuhause", sagt Salomon. Ihre Arbeit begann die Brüdergemeine in Kleinwelka bereits 1751. Von hier aus wurde zuerst der Missions- und Besuchsdienst unter den Sorben in der Ober- und Niederlausitz organisiert.

Einer der ersten in der Kolonie vor den Toren der Stadt Bautzen war der Schmiedemeister Nikolaus Schneider. Sein Nachfahre Helmfried Klotke hat sich mit der Geschichte der Glaubensgemeinschaft in Kleinwelka beschäftigt. "Ihren Ursprung hat die Brüdergemeine in verfolgten böhmischen Glaubensflüchtlingen, denen Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf in der Nähe von Görlitz ab 1722 im heutigen Herrnhut Asyl bot", erzählt der 86-Jährige. Neben Herrnhut entstanden weitere Begegnungs- und Versammlungsorte.

Handwerksbetriebe wie eine Glockengießerei, eine Tabakmanufaktur oder eine Seifensiederei sicherten der Gemeinschaft das Auskommen. In den Schwesternhäusern soll der Überlieferung nach 1813 Napoleon eine Nacht verbracht haben. Solche Geschichten lieben und sammeln Salomon und der Verein "Remise". "Deshalb wollen wir in der alten Apotheke auch ein Lese- und Geschichtencafé einrichten", sagt er.

Der Kultursommer dagegen ist schon Gegenwart. Im vergangenen Jahr holte der 50-Jährige zwischen Juni und September erstmals Musiker, Schauspieler und andere Künstler an den Wochenenden auf die kleine Bühne in der Remise oder in den verwunschenen Garten und gab dem Festival den Namen "Kultursommer".

Die Experimentierfreude hat sich mittlerweile weit über die Dorfgrenzen - bei Publikum wie auch Künstlern - herumgesprochen. So zählt der aktuelle "Kultursommer" zwischen Ende Juni und 10. September 28 Veranstaltungen. Unter dem Motto "Große Freude" gibt es Theater, Tanz, Stummfilm-Kino und Konzerte. Für 70 Zuschauer reichen die Stühle. Auch ein zweites Projekt schreitet gut voran. Ins ehemalige Waschhaus können schon bald die ersten Künstler einziehen, um auf Zeit in der Region zu arbeiten. "Es braucht in der Oberlausitz mehr Freigeister, mehr Impulse von außen. Es soll ein Kommen und Gehen entstehen", sagt Salomon.