Zunächst aber begrüßt Schlossherr Rochus Graf zu Lynar die Literaturfreunde und erinnert an Johann Legner, der als Politikressortchef und früherer stellvertretender Chefredakteur der Lausitzer Rundschau die Reihe Lausitzer Lesart mit aus der Taufe gehoben hat. Vor Kurzem sei er 61-jährig gestorben, aber was auf gemeinsamer Pendlerstrecke zwischen Berlin und Lübbenau auf den Weg gebracht wurde, gehe weiter.

Diesmal ist es zum ersten Mal eine Lesart mit einem nicht-deutschsprachigen Autor. Deshalb ist W{lstrok}odzimierz Nowak, seit über einem Jahrzehnt Reporter der Gazeta Wyborcza, mit seiner Übersetzerin Joanna Manc gekommen. Gemeinsam erhielten sie für das Buch den Georg-Dehio-Ehrenpreis, stellt sie Katarzyna Zorn vom Brandenburgischen Literaturbüro vor, die auch das Projekt "Polnische Autoren im Land Brandenburg 2015" leitet.

Mit eindringlicher Stimme liest der Potsdamer Schauspieler Jochen Röhrig Passagen aus dem Buch hier auf Deutsch. Besonders bedrückend und aufwühlend die Titelgeschichte aus Wildenhagen. Eine Deutsche hat sie erzählt, die der Autor in Frankfurt (Oder) besucht hat, 56 Jahre nachdem sie passiert war. Nach jahrzehntelangem Schweigen. Sie hat sich 1945 zugetragen, jenseits der Grenze in Wildenhagen, dem heutigen Lubin in Polen. Panik vor der nahenden Roten Armee machte sich breit unter der deutschen Bevölkerung. Adelheid Nagel war damals neun Jahre alt. Noch ein halbes Jahrhundert später hat sie den Geruch des Krieges in der Nase. Und Angst vor der Erinnerung an jene Nacht, in der die Mütter und Großmütter des Ortes erst ihre Kinder und Enkel, dann sich selbst mit Messern und Seilen umbrachten aus Furcht vor Vergewaltigungen der Russen. Adelheid lebt, weil ein sowjetischer Soldat sie rechtzeitig von der Schlinge erlöste. Nach 56 Jahren wollte sie das Haus, in dem sie als Kind hing, sehen. Es gehörte dem Gemeindevorsteher von Lubin. Von den Selbstmorden der deutschen Frauen hatte er gehört. Die Reportage endet mit seinen Worten: "Das ist nicht meine Geschichte. Das ist mein Haus."

Die in dem Buch geschilderten zwölf Schicksale in der polnisch-deutschen Grenzregion sind zuvor in der beliebten Großformat-Beilage der Gazeta Wyborcza veröffentlicht worden. "Das Besondere an diesen literarischen Reportagen: Sie bewerten nicht, sie stellen nicht bloß. Sie geben nur wieder", teilt Joanna Manc mit, die 1959 in Polen geboren wurde und seit 1968 in Deutschland lebt. Literarische Reportagen haben in Polen eine lange Tradition, verdeutlicht der 57-jährige Autor. Mit ihnen werden Geschichten zu Metaphern, zur Geschichte von vielen Menschen, gewinnen an Symbolik. Populär wurden sie in der Volksrepublik Polen, forderten sie doch dazu auf, zwischen den Zeilen zu lesen. So wurden die Reporter bekannt und verehrt wie Popstars. Auch nach der Wende mit der schnelllebigen Informationswelt sei diese Art, die Wirklichkeit zu erzählen, noch sehr gefragt.

Das Buch überschreitet Grenzen. Preisgekrönt und mit viel Leserzuspruch, schlug W{lstrok}od zimierz Nowak auf seinen Lesereisen durch Deutschland aber auch Unverständnis, ja Ablehnung entgegen. "Meistens aber haben wir über das Schweigen gesprochen", erzählt er hier. Was auch an diesem Abend in Lübbenau noch lange Gesprächsthema ist. Ganz berührt resümiert Rochus Graf zu Lynar: "Wenn man eintaucht in die Geschichten von Menschen, findet man die Welt."