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Schützengrabenwahrheit der Betrogenen

Schauspieler Urs Rechn liest im dkw. Kunstmuseum Cottbus aus "Mein Leutnant" von Daniil Granin.
Schauspieler Urs Rechn liest im dkw. Kunstmuseum Cottbus aus "Mein Leutnant" von Daniil Granin. FOTO: Michael Helbig/mih1
Oscarpreisträger Urs Rechn hat Dienstagabend im dkw. Cottbus Daniil Granins "Mein Leutnant" gelesen und damit eine leidenschaftliche Debatte um Literatur und das Verhältnis Deutschlands zu Russland ausgelöst. Ida Kretzschmar

Cottbus Dieser Abend im Kunstmuseum ist ein literarischer Kunstgenuss. Und doch geht er weit darüber hinaus und passt so genau in die Reihe "Literatur & Debatte", wie einer der Initiatoren, Thomas Klatt, zu Beginn hervorhebt: "Hier werden Zukunftsfragen gestellt, geht es um Verantwortung. Wie gehen wir mit Russland um?"

Zur Bekräftigung liest er Sätze aus dem Vorwort von Altkanzler Helmut Schmidt (1918 - 2015) zu Granins Buch "Mein Leutnant". Die fast Gleichaltrigen hatten die Belagerung der Stadt Leningrad miterlebt - auf verschiedenen Seiten. Im Jahre 2014 lernten sich beide persönlich kennen. Es war ihnen unvorstellbar, dass sie sich einmal als Feinde gegenübergestanden hatten. "Ohne Russland kann es in Europa keinen Frieden geben", mahnte Schmidt im Vorwort.

Dann hat Urs Rechn das Wort, der gebürtige Cottbuser Schauspieler, der in einer der Hauptrollen 2016 mit dem Film "Son of Saul" einen Oscar gewann. Hier aber liest er leise und berührend eindringlich aus dem Roman, in dem der große russische Erzähler Daniil Granin mit 96 Jahren seine Schützengrabenwahrheit aufschrieb, wie er es selbst nannte und von den Betrogenen und Belogenen berichtet, die in den "Fleischwolf des Krieges" geworfen wurden. Die Zuhörer nehmen den Brandgeruch wahr, Karbol und Urin, das Knirschen zersplitternden Glases. Dazwischen der Leutnant, dem im Spiegel fremde, trübe, feindselige Augen entgegenblicken.

Allein der Blockade Leningrads fielen rund eine Million Menschen zum Opfer. Die Deutschen marschierten nicht ein, obwohl ihnen die Stadt offen stand. Der Hungertod war eingeplant. Und warum wurden jene Menschen hingerichtet, die doch alles für die belagerte Stadt getan hatten? Nur eine der Fragen, die die Debatte befeuern.

"Sie wurden nackt erschossen", fügt Literaturkenner Klaus Wilke anhand einer Textstelle an: Man habe das von den Nazis gelernt, heißt es im Buch. Nackt sei der Mensch gefügiger.

Gut beraten sind jene Zuhörer, die das Buch kennen. Ingrid Arndt hätte sich gewünscht, dass die Lesung deutlicher gezeigt hätte, dass Granin erst in sehr hohem Alter seine Kriegserlebnisse aufzuarbeiten und sich selbst, als "Mein Leutnant" anzunehmen vermochte.

27 Millionen Menschen der Sowjetunion und etwa sechs Millionen Deutsche verloren in diesem Krieg ihr Leben. "Und doch wird heute Russland oft zum Feindbild Nummer 1. Ich mache da nicht mit", rebelliert Michael Becker. "Ein Export westlicher Vorstellungen von Demokratie funktioniert nicht", ist sich Ulrike Kremeier sicher.

"Das Buch ist Vergangenheits- und Gegenwartsbewältigung gleichermaßen. Das Großartige ist, dass Granin keinen Unterschied macht zwischen den Soldaten", sagt Urs Rechn. "Im Krieg gibt es immer nur Verlierer", bekräftigt Waldemar Natke, auch als Antwort auf ein drohendes Abdriften der Debatte in militärische Strategien.

"Das ist Literatur, die man auf der Haut spürt", bemerkt der Maler Günther Rechn nach der Lesung seines Sohnes. Und er hat noch einen Denkanstoß: "Sollte man nach dem Zusammenbruch der Blöcke nicht nach ganz neuen Gesellschaftsmodellen Ausschau halten?" Gudrun Hibsch beunruhigt, dass an den westlichen Grenzen Russlands schon wieder Soldaten stehen. Auch Deutsche. Die Debatte also müsse weitergehen. Unüberhörbar.

Die nächste Veranstaltung in der Reihe "Literatur & Debatte" gibt es am 5. September, 19 Uhr: Szenische Lesung von Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" mit Anja Panse und Kristin Muthwill.