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"Schreiben ist innere Notwendigkeit"

Herta Müller als Gast des Cottbuser Bücherfrühlings in der Lausitz.
Herta Müller als Gast des Cottbuser Bücherfrühlings in der Lausitz. FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Die Literaturinteressierten in der Lausitz hatten lange auf ihren Besuch gewartet: Am vergangenen Sonntag hat Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller im Rahmen des 23. Bücherfrühlings in Cottbus aus ihren Werken gelesen und über das Schreiben und ihr Leben in der Diktatur gesprochen. Nicole Nocon

Die zierliche, ganz in schwarz gekleidete Frau mit dem blassen Gesicht und den auffällig rot geschminkten Lippen, die am Sonntagnachmittag das Cottbuser Stadthaus betritt, wirkt distanziert - nicht arrogant, eher vorsichtig zurückhaltend. Ihr Blick und ihre Mimik verraten, dass sie sich im Laufe ihres Lebens hart machen musste, um nicht zu zerbrechen. Aber wenn Herta Müller spricht, über ihr Leben und ihre Literatur, und wenn sie aus ihren Werken liest, dann zeigt sie ihre Stärken, die Empfindsamkeit und die Kraft, die in ihrer Sprache Ausdruck finden.

1987 in den Westen gegangen

Herta Müller wurde 1953 im rumänischen Banat geboren. Sie gehört der deutschsprachigen Minderheit an. Wegen ihrer Herkunft, ihrer Freundschaft zu staatskritischen Künstlern und ihrer Weigerung, als Spitzel für den rumänischen Geheimdienst zu arbeiten, wurde sie vom kommunistischen Regime schikaniert, überwacht und bedroht, bis die Autorin 1987 nach Westdeutschland übersiedelte.

Im Jahr 2009 wurde Herta Müller der Literatur-Nobelpreis zugesprochen, die höchste Auszeichnung, mit der ein Autor bedacht werden kann. In der Lausitz tritt die vielfach preisgekrönte Schriftstellerin nicht als abgehobene Diva auf. Auch in der Begegnung mit ihrem Publikum bleibt sie die Frau, die lernen musste, ihren Mitmenschen zu misstrauen. Sie ist nicht gekommen, um sich als Künstlerin und Nobelpreisträgerin feiern zu lassen. Denn Herta Müller schreibt nicht, um Literatur, um Kunst zu machen. Das betont sie in Cottbus mehrfach. Für sie ist das Schreiben Selbstvergewisserung und Rettungsanker, ein Prozess mit großer Eigendynamik, dem sie sich hingibt.

Unerträgliche Schikanen

"Ich hatte mir nie vorgenommen zu schreiben. Ich habe damit angefangen, als ich mir nicht anders zu helfen wusste, als die Schikanen gegen mich immer unerträglicher wurden", sagte Herta Müller 2009. "Mein Schreiben ist innere Notwendigkeit. Machen wollen verdirbt's", ergänzt sie in Cottbus.

In die Lausitz kommt Herta Müller nicht alleine. Mit ihr auf der Bühne des Stadthauses sitzt Ernest Wichner, der ebenfalls im Banat geborene Leiter des Berliner Literaturhauses. Im Gespräch mit Wichner erinnert sie sich an ihre Zeit in Rumänien, die Zeit der Repressionen, der Verhöre, der Verhaftungen und der alltäglichen Gewalt. Im kommunistischen Rumänien durfte Herta Müller nicht als Lehrerin arbeiten, weil sie sich der gleichmacherischen Diktatur widersetzte und an ihrem Individualismus festhielt, der unter dem Diktator Ceausescu als staatsfeindlich galt. Herta Müller beschreibt ihre Zeit als Fabrikangestellte: das Elend der Arbeiter, das Grau des Alltags, die politischen Versammlungen und Parolen, die Militärmusik in den Pausen, die sogar den Takt des Kauens dirigierte. "Es war zum Kotzen", bricht es aus ihr heraus. "Die Diktatur hat mich körperlich angewidert", sagt Herta Müller und das Beben ihrer Stimme verrät, wie sehr.

In ihrem jüngsten Buch "Mein Vaterland war ein Apfelkern" schaut Herta Müller auf diese Zeit und noch weiter zurück. Die Passage, die sie in Cottbus vorliest, beschreibt die Einsamkeit der Kindertage, das Gefühl des Fremdseins und der Trauer, die bedrückend auf dem Dorfleben lastete. Die Erwachsenen, die Faschismus, Krieg und kommunistische Lager erlebt hatten, schwiegen. "Ich habe diese Atmosphäre gespürt. Aber die Erklärung hat mir als Kind gefehlt", sagt Herta Müller. Der Tod des Vaters wurde für sie zur Zäsur, ihre stumme Kindheit war zu Ende. Herta Müller schrieb ihren ersten Roman "Niederungen", in dem sie sich mit ihrer Familiengeschichte und ihrem Dorf ausein andersetzt. Ihr nüchterner Blick auf die Dinge, dem heimattümelnde Verklärung abgeht, gepaart mit der Eindringlichkeit ihrer sprachlichen Bilder zeichnen schon diesen Text aus.

Zuhörer gebannt

Als Herta Müller mit ihrem kehligen "R" einen Ausschnitt aus ihrem Roman "Atemschaukel" liest, in dem sie den Aufenthalt ihres Freundes Oskar Pastior in einem sowjetischen Arbeitslager schildert, sind ihre Zuhörer in Cottbus wie gebannt von der poetischen Kraft ihrer Sprache.

Zum Abschluss stellt Herta Müller einige ihrer Collagen vor, Gedichte, die sie aus ausgeschnittenen Worten zusammensetzt. "Es ist spannend, was die Wörter machen, wenn sie sich zufällig treffen. Ich will dieses Amüsement und die Unberechenbarkeit des Reims auskosten", sagt sie. Dem Publikum gefallen die Collagen. Hier und da gibt es Lacher in den Reihen. Aber auch in diesen Texten lassen die Schatten der Vergangenheit Herta Müller nicht los.

Den langen Applaus des begeisterten Cottbuser Publikums nimmt die Nobelpreisträgerin bescheiden lächelnd entgegen. Möglichst schnell will sie sich hinter den Bühnenvorhang zurückziehen. Freundlich, aber ohne viele Worte signiert sie die Bücher, die ihr vorgelegt werden. Dann geht sie, ohne Aufhebens, wie sie gekommen ist.