Es handelt sich um eine glanzvolle Schau bildender Künstler, deren Motive vielfach der Stadt Berlin, ihren Menschen, ihrer Architektur und Landschaft, ihren sozialen und kulturellen Ideen verpflichtet sind. Die Namenspalette reicht von Chodowiecki über Schinkel, Blechen, Menzel, Liebermann und Kollwitz bis zu Grosz. Diese profund ausgewählte und gestaltete Ausstellung gehört seit Bestehen des Cottbuser Museums zu den raren - im Genre Zeichnung sowieso - , denen das Prädikat "meisterlich" bedenkenlos zuerkannt werden mag.

Souveränität des Handwerks
Zunächst: Das ist eine stilistisch wie in künstlerischen Sehweisen derart vielfältige Zusammenschau, dass Generalnenner zu suchen müßig wäre. Wenn denn überhaupt einer infrage käme, wäre es die Souveränität des zeichnerischen Handwerks. Was hier durchweg an Klasse und Beherrschung der künstlerischen Möglichkeiten geboten wird, ist eine (vielleicht einschüchternde?) Lehrstunde für jeden zeitgenössischen Maler. Denn die Altvorderen, davon geben diese Blätter fast suggestiv Zeugnis, konnten wirklich zeichnen, bevor sie sich an eine Leinwand wagten. Entdeckerfreude, subtiles Ausloten und Grenzüberschreitung der Rea listik, kühner Perspektivenwechsel, Auffächern seelischer Befunde bei der menschlichen Figur, Linien, die mehr sind als Formgebung, - das konnten diese Leute damals wahrhaftig. Denn sie hatten eine Philosophie oder Ahnung im Kopf von dem, was die Welt definiert. Und so ist auch die bildnerische Bilanz dieser Papiere.

Eigenständige Symbole der Zeit
Klassizistische Eleganz, biedermeiersche Zärtlichkeit, impressionistische Auflösungen, kalkulierte Sachlichkeit gerinnen mit Kreide, Blei, Pastellfarben, Kohlestift oder diversen Mischtechniken zu eigenständigen Symbolen der Zeit. Hervorhebungen einzelner Werke werden der Sache nur vage gerecht, sind vielleicht auch ungerecht. Aber das Urteil verlangt nach Entscheidung. Johann Gottfried Schadows (1764-1850) Federzeichnung "Reiter, sitzende Frau und Kopfstudien" ist ein kleines, fragmentarisches Blatt. Aber was der Zeichner hier ausspart, macht ihn originär und zwingend modern. Nur wenige Schraffuren reichen fürs Ganze. Es trifft der Satz Gerhard Kettners über gute Zeichnungen zu: "Noch im Fragment enthalten sie das Gesetz des Ganzen, die Aussagekraft scheint nahezu unvermindert. Das ist das Geheimnis ihres Gehaltes."
Franz Krüger (1797-1857), begehrter Promi-Maler und Adelsfreund der damaligen Zeit, modelte das "Doppelbildnis Friedrich und Therese Eunicke" (um 1823) nach den Harmoniewünschen des biederen Bürgertums. Da ist alles stimmig, gekonnt und frei vom Kleister des Mittelmäßigen. Ebenso wie bei George Grosz (1893-1959), jenem überzeugenden Chronisten der 20er-Jahre. In seinem "Paris" (1925) steckt der spielerische und ironische Charme jener Zeit; Details als Botschaft einer ganzen gesellschaftlichen Strömung, Gesten und Haltungen der Leute als Entlarvung ihrer Sehnsüchte, ihrer wild-verschwiegenen Libido. Karl Holz (1899-1978) wäre zu nennen mit seiner "Berliner Straßenszene" (1920…1923), ihrem Zauber bei der Belichtung des Alltags, ihren Farben und systemkritischen Details.
Über Hans Baluscheks (1870-1935) Aquarell-Pastell "Pärchen (Im Lokal)" von 1913 ließe sich lang fabulieren. Denn dieses Blatt ist nicht nur brillant komponiert, sondern auch von magischer Erzählkraft und erotischer Raffinesse. Der Künstler erinnert beziehungsreich an Edouard Manets Meisterwerk vom Pariser Vergnügungslokal Folies-Bergére; er vermag die Abgründe des Lebens für kurze Momente vergessen zu machen, den Gefühlen Spielraum zu geben, den Rätseln der menschlichen Kreatur nahe zu sein . . .

Keines ist Skizze, alles ist Werk
Was all die Bilder der Ausstellung eint, ist der vermittelte Eindruck: Keines ist Skizze, alles ist Werk. Obgleich manches Blatt als Studie nebenbei entstand. Im Übrigen sind die Arbeiten auch geschickt chronologisch präsentiert. Deshalb widerstand man auch der Verführung, einige Blechen-Handzeichnungen, die nicht zu den herausragenden des Meisters zählen, aus lokalpatriotischem Gehorsam dominant vorzuführen. Alles in allem: eine Schau der Großmeister, die zu sehen einer Schönheitskur gleichkommt.
(PS. Die RUNDSCHAU wird einige Zeichnungen in loser Folge gesondert vorstellen.)

Ausstellung bis 1. Mai, geöffnet Di-Fr, So 10-18 Uhr, Di/Do 10-20 Uhr, Sa 14-18 Uhr. Katalog.