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Schock-Schmerzen und Seelenbrot

Sänger Wolf Biermann kommt am 4. September nach Cottbus. Foto: dpa
Sänger Wolf Biermann kommt am 4. September nach Cottbus. Foto: dpa FOTO: dpa
Wolf Biermann kommt am 4. September nach Cottbus. Vor seinem Benefizkonzert für und in der Gedenkstätte Zuchthaus sprach er mit der RUNDSCHAU über Erinnerungen an die Lausitz, Schockschmerzen und Seelenbrot. Die Fragen stellte Andrea Hilscher

Herr Biermann, waren Sie zu DDR-Zeiten bereits zu Auftritten in Cottbus? Welche Erinnerungen verbinden Sie mit der Stadt?
Öffentlich auftreten in der DDR durfte ich ja nur vier Jahre lang bis zum Totalverbot 1965. In dieser Frühzeit sang ich in manchen Orten der DDR meine Lieder. Aber an irgendeine Singerei in der Stadt Cottbus kann ich mich nicht erinnern. Erinnern aber kann ich mich an einen Schrei in dieser Braunkohle-Gegend. Als Student an der Berliner Humboldt-Uni wurde auch ich mal vom Staat zum Arbeitseinsatz in der Schwarzen Pumpe abkommandiert. Wir sollten dort eine zehn Kilometer lange und hundert Meter breite Schneise durch die Wälder roden, damit dort dann ein Stahldinosaurier vom Tagebau im Ganzen zu einer neuen Schürfstelle auf Gleisen gerollt werden konnte. Da knaupelte ich mir mit einem Holzzweig-lein im linken Ohr, weil mir irgendein Insekt da reingekrabbelt war. Und in diesem dummen Moment umhalste mich ein Raufbold im Spaß von hinten und schlug mir aus Versehen mit dem Hölzchen ein Loch durchs Trommelfell. Der Schock-Schmerz war stark, also schrie ich an diesem winzigen Spieß im Ohr. Ich wurde nach Cottbus transportiert und in der Klinik von einem HNO-Arzt behandelt. Daran denke ich nun vor dem Konzert in Cottbus. Ich war eben ein Glückskind, weil ich dort in einer Klinik landete und nicht in den elf Jahren meines Totalverbots im gefürchteten Cottbuser Knast. Dort hätten die Genossen der Staatssicherheit mir womöglich ein Loch in die Seele geschlagen, das noch schlechter heilt.

Sie treten jetzt in einem ehemaligen Zuchthaus für politische Gefangene auf - eine Genugtuung?
Nach dem Zusammenbruch solch einer totalitären Diktatur kann es keine Genugtuung geben. Es sind zu viele Menschen kaputtgegangen, die namenlosen Opfer der Unterdrückung. Ihre Frage erinnert mich an ein kleines geschichtspessimistisches Gedicht des alten Brecht, das er in seiner Datscha in Buckow schrieb:

Beim Lesen des Horaz

Selbst die Sintflut

Dauerte nicht ewig.

Einmal verrannen

Die schwarzen Gewässer.

Freilich, wie wenige

Dauerten länger!

Was würden Sie sich wünschen für den künftigen Umgang mit DDR-Vergangenheit?
Das ist doch klar und gilt für die ganze Menschheitsgeschichte: Die Wahrheit erkennen und erinnern und tapfer verteidigen und den Geschichtslügen furchtlos widersprechen. Die meisten kleinen und die großen Nutznießer des gestürzten Regimes sind 1989 nicht nur mit einem blauen Auge davongekommen, sondern haben ihren Raub in die neue Zeit raffiniert rüber gerettet. Sie verdanken das hauptsächlich dem verdorbenen Polit-Genie Gregor Gysi. Aber das lief in der Weltgeschichte oft so. Und nicht die Opfer, sondern die Täter der alten Machtelite liefern meistens auch das Führungs-Personal für die neue bessere Zeit. Billiger ist der Fortschritt leider nicht zu haben. Aber die Geschichtslügen, die dieses Canaillen verbreiten, sind wie ein schleichendes Gift in der Gesellschaft. Menschen, die in der DDR wirklich gelitten haben sind meistens gradezu versöhnungssüchtig. Aber Verbrechen verzeihen kann man nur, wenn sie nicht - und sogar aggressiv - geleugnet werden.

Welche Lieder können Ihre Gäste am 4. September erwarten?
Neue und alte Lieder, so wie ich es meistens mache, Lieder aus meiner DDR-Zeit und Lieder, die ich nach der Ausbürgerung 1976 im Westen schrieb. Also natürlich die Stasiballade, aber auch das Lied, das viele Häftlinge im VEB-Knast leise in der Zelle sangen und kauten wie ein Stück trockenes Seelenbrot: "Ermutigung". Später im Westen schrieb ich das Lied "Melancholie" - das mir selbst von allen am besten gefällt. Und natürlich neuere Lieder aus der Zeit nach der Wiedervereinigung. Wer sich über die nicht freuen kann, mit dem möchte ich nicht mal übers Wetter reden. Dieses Wort "Wiedervereinigung" schreibe ich ja, das ist klar, mit "ie" und nicht so giftig wie mein zerfreundeter Freund Grass mit einem kurzen, kalten und falschen "i". Ein Lied, das noch keiner kennt, werde ich singen, wenn da irgendein Klavier ist: Ode an Adam. Darin bedanke ich mich bei Evas Adam, dass er damals in den Apfel der Erkenntnis gebissen hat. Wir würden uns sonst heute noch im Paradies zu Tode langweilen. Meine kommunistischen Hoffnungen auf die marxistische Idylle einer sozialen Endlösung habe ich vor gut 30 Jahren ordentlich begraben. Schon deshalb bin auch ich misstrauisch gegen diese und jene Menschheits-Erretter, die uns ein rassereines oder ein klassenloses Paradies auf Erden versprechen. Die blutige Erfahrung zeigt, dass das der Weg in die allerschlimmsten Höllen ist. Ich will bis zum Tod schön lebendig in der Liebe leben, aber immer auch im Streit der Welt. Deshalb habe ich meinem schwierigen alten Freund Sigmar Faust sofort zugesagt, als der mich nun in seine Gedenkstätte Zuchthaus lockte, in das Cottbuser Zentrum für Menschenrechte.