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| 18:19 Uhr

Schlagfertig geht es über das Leben her

Witzig und klug spielt Ina Müller mit Alltagserfahrungen.
Witzig und klug spielt Ina Müller mit Alltagserfahrungen. FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Sie ist die – Ina Müller lässt die ausverkaufte Cottbuser Stadthalle beben. Das Publikum feiert bei Liedern und Gesprächen über das Leben, die Liebe und die Herausforderung, Frau zu sein. Renate Marschall

Es war Inas Nacht und die von 2000 Besuchern in der Cottbuser Stadthalle, die mehr als zwei Stunden lang abfeierten bei Liedern und Gesprächen über das Leben, die Liebe und die Herausforderung, Frau zu sein. Zugegeben, die Männer hatten es nicht leicht an diesem Abend. "Jungs, ich freue mich, dass ihr euch noch her traut", lobt Ina Müller gleich zu Anfang deren Mut, denn, wenn gelacht wird, ist es meist auf deren Kosten. Ob es um einen im Publikum geht, der sich ein Ina-Shirt über den Bauch gezogen hat, Udo aus der ersten Reihe, der aus Tschernitz kommt, "klingt wie Polen", oder Inas Lieblingsmoment im Hotelfahrstuhl mit einem starrenden Opa, der meint, sie zu kennen: "Ja? Schauen sie manchmal Pornos?" Oder sie von dem Buch erzählt, das sie gerade liest "Der Mann, die Sackgasse". In 125 000 Jahren stirbt er nämlich aus. Evolutionsgeschichtlich ein Katzensprung. Also morgen.

Überhaupt, die Evolution, was die so treibt. Früher, also ganz früher, seien wir alle gleich gewesen, ausgestattet mit zwei X-Chromosomen. Dann hat die Evolution nicht aufgepasst, war mal schnell ein Bier trinken, und zack bricht von einem X ein Beinchen ab - Y. Nur, weil die Evolution besoffen war, geht die fehlerhafte DNS in Serie... Und das abgebrochene Beinchen? Mit einem Fingerzeig wird klar, wo das beim Mann gelandet ist.

Obwohl bei den Frauen alles schön Xt - Perfektion sieht meist auch anders aus. Nur können Frauen irgendwie befreiter darüber lachen. Über die mit zunehmenden Jahren zunehmenden Pölsterchen, die bereits mit 26 absterbenden Zellen - ausgenommen Fettzellen. Natürlich will man dann, dass Mann widerspricht, wenn man sagt, man sei zu dick.

Witzig und klug spielt Ina Müller mit Alltagserfahrungen, dreht sich auf dem waffenscheinpflichtigen Absatz um 180 Grad und Klatsch sitzt die Pointe. Schlagfertig und treffsicher geht es über das Leben her, das viele Proben bereit hält - die Liebe, das Kinderkriegen, die Wechseljahre - das Älterwerden. "Warum muss sich auch noch vieles im Gesicht abspielen? Herpes, Pickel, Falten - wo auf dem Arsch doch genug Platz wäre? Das Lachen im Saal ist befreiend, es betrifft ja irgendwie alle. Das ist es wohl auch, was die Kabarettistin, Sängerin, Late-Night-Talkerin, Buchautorin so erfolgreich macht. Sie nimmt's, wie es ist und dabei kein Blatt vor den Mund. Mit vier Schwestern - Mama, Papa, Oma, Opa ist sie auf einem Bauernhof in Köhlen (Niedersachsen) aufgewachsen - da bekommt man schon 'ne Menge mit fürs Leben.

Mit "Ich bin die" hat sie jetzt ihr zehntes Album rausgebracht - eine musikalische Autobiografie. Ihre Lieder erzählen vom Suchen, Finden und wieder Verlieren, den Irrwegen der Liebe, von der Sehnsucht, die in jedem zuhause ist. Berührend singt die 51-Jährige von dem Kind, das sie nie gehabt hat und vom Zweifel, ob sie es vermisst. Das stärkste Lied auf der CD.

Manchmal melancholisch, immer intelligent, meist pointiert sind ihre Texte - ob sie nun nur noch bei Zalando schreit, darüber sinniert, was sich wohl alles im Zimmer 410 abgespielt hat oder bedauert, dass sie nur als Kind auf Kommando heulen und sich auf den Boden schmeißen konnte. Es gäbe heute viel mehr Gründe. Aber was macht sie? Holt die Peitsche raus. Deckung in der ersten Reihe!

Nachdem sie sich wieder eingekriegt hat, klingt es glücklicherweise versöhnlich: "Was mich am meisten fertigmacht . . . wenn du nicht da bist."

Ina Müller war da - und wie, mit tollen Musikern, mit Liedern und Texten, die treffen. Jubel im Saal und Zugaben.

Zum Thema:
Sylvia Lepsch, Cottbus: Das Programm war toll. Mir gefällt, dass sie so spontan ist, auf das Publikum eingeht und sehr natürlich rüberkommt. Ich bin ein Fan von Ina Müller und war sehr glücklich, kurz vor dem Konzert noch über Facebook eine Karte ergattert zu haben.Lutz Ebrecht, Calau: War schon gut, wenngleich manchmal ein bisschen überzogen. Die Männer haben sich schon manchmal angegriffen gefühlt und konnten nicht immer lachen.