| 18:20 Uhr

Schaumschläger und Schlaraffen

Der gebürtige Thüringer Robert Matthes mit einem seiner neuesten Bilder ,,Welt retten . . . aber später?" von 2017, Acryl und Öl auf Nessel. Seine Schau, die den Betrachter zum Nachdenken und zur Debatte provoziert, ist bis zum 20. August im Kulturhaus der BASF Schwarzheide zu sehen. Seine Bilder erinnern an groteske Szenenwerke von Dalí bis Dix. Der heute in Essen lebende Maler (Jahrgang 1982) vereint surreale Handschriften mit neuen Stilformen zu eigenständigen Schöpfungen voller Symbole, Figuren und Objekte.
Der gebürtige Thüringer Robert Matthes mit einem seiner neuesten Bilder ,,Welt retten . . . aber später?" von 2017, Acryl und Öl auf Nessel. Seine Schau, die den Betrachter zum Nachdenken und zur Debatte provoziert, ist bis zum 20. August im Kulturhaus der BASF Schwarzheide zu sehen. Seine Bilder erinnern an groteske Szenenwerke von Dalí bis Dix. Der heute in Essen lebende Maler (Jahrgang 1982) vereint surreale Handschriften mit neuen Stilformen zu eigenständigen Schöpfungen voller Symbole, Figuren und Objekte. FOTO: Jürgen Weser/ jgw1
Schwarzheid. Ein völlig neues Seherlebnis erfuhren die Besucher der Ausstellungseröffnung mit Bildern des Essener Malers Robert Matthes. ,,Schlaraffen unter sich" heißt die Schau, die vor allem großformatige Bilder im Stile der Streetart-Kunst zeigt. Jürgen Weser

Damit erobert die Ausstellungsreihe in Schwarzheide eine neue, bisher hier noch nicht gezeigte künstlerische Ausdrucksform.

Das ist doch gesprüht, so der erste Gedanke beim Anblick der zunächst kaum erfassbaren, mit Details überfluteten Bilderwelten. Nein, ist es nicht, sagen der in Rudolstadt geborene Künstler sowie Laudator und Kurator Maik Schlüter, der zur Vernissage kenntnisreich in die Ausstellung einführte. Aber es soll aussehen und wirken wie Graffiti. Straßenkunst wird somit im großen Stil in die Ausstellungshallen geholt.

Die meisten der Mattthes-Bilder im etwa Zweimeterformat wirken zunächst auf den Betrachter wie Graffiti, manchmal mit Mauerhintergründen, sind aber mit Acryl und Öl auf Nessel gemalt. Es sind Bilder, die es stückweise zu entdecken gilt. Der Betrachter wird zunächst förmlich erschlagen von den dichten Bild- und Erlebniswelten, die sich überlagern, die detailreich erzählen, Gesehenes auch wieder konterkarieren und infrage stellen. Die täglich erlebbare Medienflut, auch den Medienmüll, hat Matthes, der an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Freie Kunst studierte und mit dem Diplom für Malerei 2009 abschloss, mit seinen neorealistischen Bildwelten eingefangen. Er ist mit seinen Bildern nicht nur akribischer Zeitgeistsammler, sondern übt mit ihnen Zeitkritik auf eine schonungslose Art aus, die kaum ertragbar scheint. Entsprechend unterschiedlich waren auch die Besucherkommentare von ,,schlimmer Ausstellung" bis ,,ganz toll und hervorragend gelungen".

Ja, die Schlaraffen sind wir selbst, zeigen uns die Bilder, und das Schlaraffenland ist vom erstrebenswerten Land der Glückseligkeit zum Land der Völlerei und Unmoral geworden.

Schmerzhaft betrachtet der Ausstellungsbesucher die Sittenbilder einer moralisch verkommenen Lebenskultur. Doppeldeutig kann das Wort SchlarAffen gesehen werden, denn die Affen sind als genetische Partner von uns Menschen auf vielen Bildern präsent, werden vom Künstler über uns erhoben, wenn wir als ,,Schaumschläger" den aus Wohlstandsüberfluss erbauten Turm blindwütig attackieren. Deshalb lassen wir sie lieber als in ,,Quarantäne" genommene Spezies existieren.

,,Welt retten. . . später" heißt eines von Matthes' neuesten Bildern. Ratlos steht auf ihm der Vertreter der Gattung Mensch neben dem Wust menschlicher Fehlleistungen und scheint ratlos. Er will retten - sich selbst!

,,Das muss man so erst einmal hinbekommen", lautete eine anerkennende Bemerkung einer Besucherin. Matthes' Bilder sind sehr arbeitsaufwendig erstellt, er arbeitet einerseits figurativ, ikonenhaft, gegenständlich, präzise realistisch und ungeheuer detailreich (für unser Sehvermögen oft zu detailreich) und konterkariert gleichzeitig durch das Ignorieren vom üblichen Raumverständnis, durch Überlagerung verschiedenster Sujets und Bilderwelten.

Die unübersichtliche Welt wird von Robert Matthes ungefiltert gezeigt. Der Ausstellungsbesucher fühlt sich einerseits abgestoßen und gleichzeitig wieder angezogen. Er muss sich beim Betrachten immer wieder neu justieren.

Robert Matthes hat schmerzhafte, unbequeme Bilder gemalt. Seine Bildkultur zwingt den Betrachter ins Bild, holt ihn ins Geschehen. Wenn das gelingt, ist er fasziniert.

Die Ausstellung ,,Schlaraffen unter sich" von Robert Matthes kann im Kulturhaus der BASF Schwarzheide bis zum 20. August (außer heute und vom 19. bis 25. Juni) täglich von 12 bis 18 Uhr besucht werden. Am 27. Juni und 8. August gibt es um 17 Uhr öffentliche Führungen.