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| 12:45 Uhr

Erst in Cottbus, nun in Dresden
Strommast statt Eiffelturm

Modefotografien hängen in der Ausstellung „Sibylle 1956-1995. Zeitschrift für Mode und Kultur“ im Wasserpalais im Schloss Pillnitz. Die Ausstellung, die heute eröffnet wird, läuft  bis 4. November. Sie zeigt sowohl die Modekultur der DDR als auch die Modefotografien aus der Sibylle. Die Ausstellung war von Dezember bis  Februar  mit überwältigender Resonanz im Cottbuser Kunstmuseum gelaufen.
Modefotografien hängen in der Ausstellung „Sibylle 1956-1995. Zeitschrift für Mode und Kultur“ im Wasserpalais im Schloss Pillnitz. Die Ausstellung, die heute eröffnet wird, läuft  bis 4. November. Sie zeigt sowohl die Modekultur der DDR als auch die Modefotografien aus der Sibylle. Die Ausstellung war von Dezember bis  Februar  mit überwältigender Resonanz im Cottbuser Kunstmuseum gelaufen. FOTO: Sebastian Kahnert / dpa
Dresden. Zur  Schau „Sibylle – Zeitschrift für Mode und Kultur“ im Wasserpalais von Schloss Pillnitz. Von Simona Block

Freche Karos im Straßencafé, Satin-Vamp im Zoo oder Engel in der Stadt: Aufreizend und fröhlich, naiv und geheimnisvoll, verführerisch und distanziert blicken schöne Frauen in die Kamera. Sie sind praktisch gekleidet oder opulent gewandet, immer nach dem neuesten Schrei – im Sozialismus. Die Wand von Schwarzweiß-Bildern im Wasserpalais von Schloss Pillnitz in Dresden bietet eine Zeitreise durch die DDR-Modefotografie, publiziert in der legendären „Sibylle – Zeitschrift für Mode und Kultur“. Im Fokus der gleichnamigen Schau im Kunstgewerbemuseum stehen Arbeiten der 14 Modefotografen zwischen 1956 und 1995. „Es ist aber keine DDR-Ausstellung“, betont Kuratorin Kerstin Stöver.

Die Ausstellung war von  Anfang Dezember bis zum 11. Februar  mit überwältigender Resonanz im Cottbuser Kunstmuseum gelaufen. Nun gibt sich die Crème de la Crème der Zunft der 1950er- bis 1990er-Jahre im Osten die Ehre im einstigen Sommersitz von Kurfürst August dem Starken (1670-1733), der schöne Frauen und erlesene Dinge schätzte. Dort reihen sich nun in dichter Hängung Aufnahmen klassischer Foto-Shootings vor sozialistischer Großstadtkulisse in Berlin, Budapest oder Moskau über Reiseberichte aus Südosteuropa bis zu experimentellen Bildern aus dem Arbeits- und Lebensalltag.

„Die Sibylle mag als Modezeitschrift gegolten haben, unpolitisch war sie jedoch nie, sondern stets Reflexion der zeitgeschichtlichen Verhältnisse“, sagt Ute Mahler, die zu den stilprägenden Fotografen des Ostens zählte. „Modefotografie kann viel mehr sein als die Abbildung eines Kleides, kann mehr wollen, als nur Begehrlichkeiten zu wecken.“ Die „Sibylle“ habe Generationen von Frauen und Familien aus der DDR begleitet, „die mit ihr jung waren, erwachsen wurden, und die ihre Träume mit uns geträumt haben“.

Den Fotografen garantierte sie alle zwei Monate ein Podium für Veröffentlichung. „Es gab eine gewisse Freiheit, es ging mehr um ein Lebensgefühl, dem man nachgeträumt hat“, erinnert sich Mahler, die mit ihrem Mann Werner nach dem Mauerfall die erfolgreiche Agentur „Ostkreuz“ gründete. Die 68-Jährige zückt noch immer die Kamera, aber nicht mehr für Mode. „Ich fotografiere das wahre Leben.“ Auch die „Sibylle“-Bilder zeigen neben Kleidern das Frauenbild der Zeit und Architektur: Strommast statt Eiffelturm, Bahnhof Warschau statt Grand Central in New York, Plattenbau statt Wolkenkratzer.

Auch die junge Barbara Wandelt schaut von den riesigen Cover-Repros, die von der Decke hängen. Ab 1964 war sie das „Sibylle-Mädchen“, nachdem Günter Rössler sie bei einer Ferienfahrt an die Ostsee in einem Bus entdeckt hatte. Da war sie 16 – und zwei Jahre später freischaffendes Fotomodell. „Den Beruf gab es eigentlich nicht, aber das war mir egal“, erzählt die 73-Jährige.

Bis Mitte der 1970er-Jahre war Wandelt das Gesicht der stets unter der Hand weitergereichten „Sibylle“, ohne Konkurrenzdruck. „So etwas wie Zickenkrieg gab es nicht“, betont sie. „Die ,Sibylle’ war wie eine große Familie“, bestätigt Kuratorin Stöver. Die von der Kunsthalle Rostock konzipierte Schau hat einen eigenen Dresdner Touch. In sechs Vitrinen ist Modeschmuck der 1980er-Jahre aus dem Berliner Stadtmuseum zu sehen, den „Sibylle“-Models auf Bildern tragen.

Auf Mode aber haben die Kuratoren verzichtet. „Es geht um die Fotos, der Blick soll nicht abgelenkt werden“, sagt Stöver. Die „Sibylle“-Schau (28. April bis 4. November) beleuchte aber auch ein Stück Kulturgeschichte. „Sie war ein künstlerischer und politischer Fluchtort, wo man sich der Diktatur entziehen konnte, und ein kreativer Humus.“ Das zeige sich in einer besonderen Bildsprache - vom sehr traditionellen Frauenbild bis zur Avantgarde. Das mache auch den Unterschied zu West-Magazinen aus. „Sie ist nicht die ,Ost-Vogue’.“

Das Konzept aus Fotos mit kosmopolitischem Charme, Beiträgen über Mode, Kunst, Architektur und Frauen aus dem normalen Leben fruchtete. Die sechs Ausgaben mit je rund 200 000 Exemplaren pro Jahr waren stets rasch vergriffen. Modeentwürfe, Dokumente, Zeichnungen machen deren Qualität im Palais aus dem 18. Jahrhundert greifbar – und sorgen für viele Aha-Erlebnisse. Im Rahmenprogramm plaudern Fotografen und Models aus dem „Sibylle“-Nähkästchen - und man kann ein T-Shirt nach Original-Schnittmuster schneidern und gestalten.