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Schamlose Selbstinszenierung

Matthias Tretter hatte viel Spaß an seinem Auftritt im Senftenberger Theater.
Matthias Tretter hatte viel Spaß an seinem Auftritt im Senftenberger Theater. FOTO: Jürgen Weser/jgw1
Senftenberg. () Wagner-Ouvertüre und Siegerpose. So muss ein gelungener Auftritt starten. Jürgen Weser / jwg1

Matthias Tretter bekam die Selbstinszenierung am Montagabend auf der Senftenberger Bühne perfekt hin. Schließlich heißt sein Programm ,,Selfie", in dem er den Zwang zur Selbstdarstellung analysiert und eine bissige Zeitanalyse vornimmt.

Nach 23 Uhr soll am Montag in Senftenberg Klaus Kinski gesehen worden sein. Auferstehung oder Fake News? Auferstehung war es auf keinen Fall und Fake News nur zur Hälfte. In der Zugabe macht Matthias Tretter perfekt den Kinski und hat so viel Spaß daran, dass er kaum noch davon lassen kann. Zuvor führt er mehr als zwei Stunden lang scharfsinnig und mit viel Witz das Publikum durch aktuelle postdemokratische Politik und absurde Verwirrungen der Gesellschaft.

Es macht dem Träger des deutschen Kleinkunstpreises großes Vergnügen, mit der schamlosen Überhöhung des eigenen Ich zu spielen. Wer möchte nicht der Beste sein und angehimmelt werden? ,,Ich halte mich für das Wichtigste auf der Welt", folgt der Vollblutkabarettist dem angesagten Trend der Zeit, sucht seine ,,Tretteroianer" und macht Selfies im Passbildautomaten. Andere machen Selfies, weil sie ,,endlich Fotos mit ausgestrecktem rechten Arm machen können", fügt er an. ,,Der neue Tretter" soll geboren werden, schließlich befindet er sich mit 44 im finalen Alter als ,,Jungkabarettist".

Neidlos muss Tretter jedoch anerkennen, dass die politische Bühne bessere Selbstdarsteller bietet. Auch wenn er wegen Merkel schon zweimal beim Neurologen war mit Diagnose ,,Mutti-Mund", muss er sich dem neuen Stern am Himmel der Selbstdarstellung zuwenden, den die Amerikaner mit ihrem schon in der Vergangenheit mehrfach bewiesenen ,,pathologischen Wahlverhalten" auf den Thron gehoben haben. ,,Trump ist schlimm für die Welt, aber ein Glücksfall für das Kabarett." Gegen den Großmogul, ,,dem das Weiße Haus wie die Besenkammer seines Trump-Towers vorkommen muss", sei Bohlen ein Intellektueller erster Güte. Übrigens möchte sich Tretter bei Trump nicht von Böhmermann die Show stehlen lassen wie bei der ,,Bosporusmimose". Deshalb trägt er schon mal ein Gedicht vor mit ,,strafbaren Aussagen, um zu zeigen, dass man diese strafbaren Äußerungen nicht sagen darf.".

Mit sicher gesetzten Pointen stellt Matthias Tretter den ,,IS als apokalyptischer Reiter bloß", aber räumt dem 700 Jahre jüngeren Islam Entwicklungschancen ein. ,,Vor 700 Jahren gab es Kreuzzüge und Hexenverbrennungen im Namen des Christentums". Patchwork-Religion heißt Tretters Lösung. Von knallharter Europa-Kritik und dem mephistophelischen Frostlächeln von der Leyens über den Wachstumsirrsinn und der Karikierung von ,,Überfremdungsideologien" führt Tretter scharfzüngig und komödiantisch in den privaten Irrsinn selbstinszenierten Größenwahns. Seine Wahlheimat Leipzig bekommt mit Angst vor Gentrifizierung, ,,Schwaben zurück nach Berlin", und als ,,Hipster"- Stadt, wo ,,ironisch" AfD gewählt wird, ihr Fett weg wie das alltägliche Geschwätz in den sozialen Medien, das in ,,Lantz" gemessen wird und das um sich greifende Neusprech: ,,Ich gehe Aldi." Den ,,Geltungskonsum" und die penetrante Elternmanie, ihre eigenen Kinder als die ,,Größten und Schönsten" zu verziehen, nimmt er durchaus selbstironisch auf den Arm.

Schließlich verrät er den auch danach noch vergnügten Zuhörern, dass er sich nach der Apokalypse gern in die Lausitz zurückziehen würde.