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Schamlose Kehrseite der Glamour-Jahre

Cottbus. Wie kaum ein anderer deutscher Künstler fing der Maler und Grafiker Otto Dix (1891–1969) in seinen kraftvollen Werken die brüchigen Zeiten der 1920er-Jahre in all ihrer Widersprüchlichkeit ein. Im Landeskunstmuseum Cottbus erzählen derzeit ausgewählte Arbeiten "Im Vorbeigehen: Von Städten, Frauen und Männern". Ida Kretzschmar

Erloschene, ausgemergelte Gesichter, hängende Brüste, Bäuche, die über den Gürtel rutschen, zerstückelte Frauen, ein Lustmord gar…

Es ist ein erbarmungsloser Blick des Künstlers auf seine Zeit. Otto Dix hebt unerbittlich den Vorhang, zeigt die Kehrseite der Goldenen Zwanziger Jahre, den harten Alltag jenseits des viel umjubelten Glamours.

Radikal bricht er mit dem klassischen Schönheitsideal, leitet den Paradigmenwechsel der Moderne ein, wie die Direktorin des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst (BLmK), Ulrike Kremeier beschreibt. Dix stellt den Alltag in den Mittelpunkt, das Leben an den sozialen Brennpunkten, die Verwerfungen in der Gesellschaft mit der nahenden Weltwirtschaftskrise. Realistisch. Mitunter grell überzeichnet. Versteckte Schönheit im Hässlichen zu finden, bleibt dem Betrachter überlassen.

Im neuen Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst zeigen derzeit parallel zwei Ausstellungen Arbeiten von Otto Dix. Während sie in Frankfurt (Oder) mit Werken von Dix' Zeitgenossin Erna Schmidt-Caroll (1896-1964) und anderer "(Quer)köpfe" aus der neu vereinten Sammlung aus den 1970er- bis 1990er-Jahren korrespondieren, deuten sie im Dieselkraftwerk Cottbus auf spezielle Aspekte seines Werkes. Die Schau gibt somit den Auftakt der Programmverzahnung beider Standorte durch thematische, künstlerische und kunsthistorische Zusammenhänge.

Das Spektrum der rund 70 in Cottbus vereinten Ausstellungsexponate von Otto Dix reicht von selten gezeigten Gemälden zu Klassikern seiner grafischen Werkzyklen sowie auch wenig bekannte Holzschnitte. Besonders an der Auswahl ist zudem, dass die Figuren zumeist in ihrem sozialen Umfeld verortet sind.

Seine Bildwelten bilden das urbane Sozialgefüge der Weimarer Republik ab. In nächtlichen Stadtansichten begegnen wir Prostitution, Erotik und Gewalt, landen in halbseidenen Vergnügungsvierteln, geraten unter die Arbeiter in den Metropolen der 1920er-Jahre. "Die Stadt als Handlungsmatrix", so Ulrike Kremeier, die die Ausstellung in Cottbus kuratiert hat.

Zwischen Holzschnitten, in denen zerklüftete Städte, fragmentarische Körper, gleichsam zerhackte Frauen herumwirbeln, überrascht das Gesicht des Druckers Max John. Dieser verlorene Ausdruck. Der Arbeiter hat keine Arbeit mehr.

Gegenüber ein seltenes Bild aus dem Jahre 1914: zwei aufeinander zulaufende Fassaden in Betrachtung des Mondes: "Der Mond über der Straße". Eine romantische Abschweifung zwischen ausuferndem Lebensgefühl aus Vergnügen, Lust, Genuss, sinnlicher Begierde?

Mit Armen und Beinen rudernd schaut auf einem der Holzschnitte der Meister höchstpersönlich zwischen kräftigen Frauenschenkeln hervor.

Apotheose ist das Werk betitelt. Vergötterung der schnellen Lust, der aufbrechenden weiblichen Sexualität im 20. Jahrhundert? Oder geraten ihm die nackten Frauenleiber nicht eher zu Dämonen, denen der Mann hilflos unterworfen ist? Er malt das "sexuelle Menschentier", sagte ihm Malerkollege Felixmüller nach.

Andere rühmen ihn als "moralisches Gewissen der Weimarer Republik". Vielfältig sind die Interpretationen. Die veränderte Rollenverteilung zwischen Mann und Frau, die sich in jener Zeit als vollkommen neues Thema in Kunst und Gesellschaft niederschlägt, spiegelt sich auch bei Dix' "Im Vorbeigehen" wider.

Wobei hier von der Lithografie bis zu Aquarellen, Radierungen, Malerei, Bleistift- und Kohlezeichnungen bis zu altmeisterlichen Techniken ein breites Spektrum seiner künstlerischen Mittel gezeigt und ein bewusstes Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne erzeugt werden.

Die feinen Stricheleien, beispielsweise mit dem Rötelstift, die faszinierende Plastizität seiner Bildwelten werden erst richtig sichtbar unter der Lupe, die das Kunstmuseum zur Verfügung stellt. Was aber hat es mit diesem Dackel auf einem plüschigen Kissen auf sich? Ulrike Kremeier lenkt den Blick auf die gegenüberliegende Kaltnadelradierung: Ein aufgeschlitzter Frauenkörper liegt auf einem Bett. Genauso bemustert wie das Kissen des Dackels in der scheinbaren Kleinbürgeridylle. Gewaltfantasien, die sich in einem Lustmord entladen.

Bilderwelten - enthemmt, radikal, vulgär, verzweifelt, fratzenhaft, brodelnd wie ein Vulkan.

Nein, schön lässt sich das schwerlich nennen. Es provoziert und verschreckt noch heute und löst Widerspruch aus. Aber schon deshalb sollte man sie unbedingt gesehen haben. Gelegenheit gibt es dazu gleich doppelt: in Cottbus und Frankfurt (Oder).

Zum Thema:
Ausstellung bis 19. November am Cottbuser Standort des BLmK am Amtsteich, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Montag geschlossen. Kunstkasse: Telefon: 0355/49494040. Die Ausstellung in Frankfurt kann am Wochenende mit einem Kombi-Ticket besucht werden. ik