Kalkweiß mit Lilienmilch getüncht sind ihre Gesichter, die Lippen strotzen in fettem Karminglanz. Um die Augen hat der Schminkstift dunkle Ränder gezeichnet. Blickfang ist die Federpracht greller Hüte. Ein Hauch von Verruchtheit geht aus von den "Straßenszenen" im Berlin der ausgehenden Kaiserzeit. Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), der im Oktober 1911 als letzter seinen "Brücke"-Gefährten vom beschaulichen Dresden in die hektische Metropole folgte, ist von der Dynamik der Zwei-Millionen-Stadt berauscht. Wie ein Seismograph registriert der Hochsensible Lebensgier und Leidenschaft. Er erlebt in Nacht- und Animierlokalen, Kabaretts, Artistenarenen und auf Flaniermeilen. Der Potsdamer Platz, Synonym für Leichtlebigkeit, Vergnügen und käufliche Liebe, wirkt wie eine Droge. Die im Moloch Berlin am Vorabend des Ersten Weltkrieges entstandenen Zeichnungen, Grafiken und Gemälde widerspiegeln eine aus den Fugen geratene Gesellschaft. Das Brücke-Museum in Berlin-Dahlem beschließt mit diesem faszinierenden Blick auf Kirchners Berlin von Ende 1911 bis zur Übersiedlung des nach kurzem Kriegsdienst psychisch schwer Erkrankten 1917 nach Davos die Ausstellungstrilogie anlässlich des 70. Todesjahres des Malers. Gezeigt werden rund 130 Exponate, darunter hochkarätige Gemälde und Papierarbeiten aus eigenen Beständen sowie nationaler und internationaler Leihgeber. Im Fokus steht die Kokotte, auch "Hühnchen" genannt, "ein bisschen romantisch, ein bisschen sentimental verklärt, zugleich knallharte Venus vulgivaga", wie es Kunstwissenschaftler Gerd Presler formuliert. Kirchner nennt sie "Zeitfrau". In ihr sieht er einen neuen Frauentyp der "Großstadtweiblichkeit". Wichtige Inspirationsquelle sind die Geschwister Gerda und Erna Schilling, die er 1912 als Nachtklubtänzerinen kennenlernt und die ihm in einer ungezwungenen Dreierbeziehung Modell und Muse sind. Erna wird seine Lebensgefährtin. 1938 mit seinem Freitod in Davos endet die komplizierte Partnerschaft. "Die schönen architektonisch aufgebauten strengförmigen Körper dieser beiden Mädchen lösen die weichen sächsischen Körper ab", schwärmt anfangs Kirchner. Hochgewachsene, ihre Weiblichkeit auskostende Frauengestalten geben fortan seinem Schönheitsempfinden das Gepräge. Man sieht Erna als "Frau mit rundem Hut" in einem Weinlokal, als Japanerin unter einem exotischen Schirm, als wirbelnde Tänzerin auf Stöckelschuhen, einem Thema, das er unzählige Male in verschiedenen Techniken variierte. Eine packende Version von Kirchners Straßenszenen hat das MoMa in New York ausgeliehen. Man schaut fasziniert auf eine Flaniermeile des urbanen Berlin von 1913, auf der scheinbar unbeteiligt Straßendirnen in flirrendem Rosa, Blau und Lila die Blicke geckenhafter "Kunden" auf sich ziehen. Das Bild kann durchaus mit der vor zweieinhalb Jahren als Naziraubkunst an die rechtmäßige Besitzerin zurückgegebene berühmte "Berliner Straßenszene" (1914) konkurrieren, dessen Ausleihe leider nicht zustande kam. Frappierend ist die Sinnlichkeit, aus der heraus Kirchner Formen und Farben findet, zuweilen enthemmt bis zur wilden Krakelei. Abgerundet wird die Präsentation durch Stadtlandschaften mit verwegenen Perspektiven, Porträts von Freunden und idyllischen Bildern seiner Sommeraufenthalte auf der Ostseeinsel Fehmarn.(Brücke-Museum, Bussardsteig 9, Berlin-Dahlem, bis 15. März, Di-So 11-17 Uhr geöffnet, Katalog Hirmer-Verlag, 26 Euro)