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Medizinserie „Der besondere Fall“
Wie das Chamäleon unter den Krankheiten entdeckt wurde

Chefarzt Dr. med. Michael Prediger (l.) und Assistenzarzt Jiri Rejthar besprechen ein Röntgenbild der Lunge eines Patienten.
Chefarzt Dr. med. Michael Prediger (l.) und Assistenzarzt Jiri Rejthar besprechen ein Röntgenbild der Lunge eines Patienten. FOTO: Susann Winter / Susann Winnter
Heute starten wir die zweite Staffel unserer Medizinserie „Der besondere Fall“. Wir erzählen bewegende Geschichten über menschliche Schicksale und die Suche nach der richtigen Diagnose und Behandlung in Lausitzer Kliniken. Der 24. besondere Fall kommt aus dem Sarkoidose-Zentrum im Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum. Von Ida Kretzschmar

Fast ein Jahr lang plagte sich Frank* mit Husten. Anfangs glaubte der 27-Jährige aus dem Landkreis Oberspreewald-Lausitz, er leide nur an einer hartnäckigen Erkältung. „So lange, das kann nicht normal sein“, dachte er schließlich: „Ich habe es auf meine Raucherei geschoben und im Sommer damit aufgehört“, erzählt der junge Mann. Gemeinsam mit Freunden  genoss er gerade seinen Urlaub an der Ostsee und hoffte, dass ihm die Seeluft gut tun würde.

Frank fand es seltsam, dass durch den Verzicht auf den Glimm­stengel keine Besserung seiner Beschwerden eintrat. „Drei Tage später verschlimmerte sich mein Zustand deutlich. Ich bekam Hustenanfälle und fieberte. Vom Rauchen kann das nicht kommen“, mutmaßte er.

Hinzu kam eine Atemnot unter Belastung. Treppensteigen oder das Tragen schwerer Einkaufstaschen strengten ihn plötzlich an. Dabei gelang ihm das mit seinen 27 Lenzen doch bisher immer mit links. Der Hausarzt überwies ihn zum Lungenröntgen. „Zusätzlich wurde ich noch in die CT-Röhre geschoben. Auf den CT-Bildern war ein schwarzer Fleck zu sehen. O je, war mein erster Gedanke“, schildert er die Situation.

Schon am nächsten Tag wurde er ins Carl-Thiem-Klinikum Cottbus überwiesen. Dort nahm ihn in der 3. Medizinischen Klinik (Lungenklinik) der Stationsarzt Jiri Rejthar in Empfang. „Vor dem langanhaltenden Husten, der Belastungsluftnot und der Leistungsschwäche verbunden mit Müdigkeit war der Patient kerngesund. Es gab auch keine auffälligen Erkrankungen in der Familie“, erinnert sich der Stationsarzt. „Die Laborwerte von Frank waren zunächst unauffällig. Allerdings zeigte sich in weiteren Laboruntersuchungen ein erhöhter Kalziumanteil im Blut und im Urin, was relativ selten vorkommt“, so Dr. Rejthar. Dazu kamen die Veränderungen in der CT-Untersuchung der Lunge und ein auffälliger Lungenfunktionstest.

„Der Verdacht auf eine Sarkoidose lag jetzt nahe, zumal wir auch erfuhren, dass der Patient während seiner Arbeit oft anorganischen Stäuben  ausgesetzt war“, erzählt der aus Tschechien stammende Arzt.

„Wir mussten an Studien denken, die nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in New York gemacht wurden. Bei einigen dort eingesetzten Feuerwehrleuten wurde in den Jahren danach verstärkt diese Krankheit festgestellt. Auch sie waren einer außerordentlichen Staubbelastung ausgesetzt“, fügt Michael Prediger, Chef­arzt der 3. Medizinischen Klinik, hinzu, der schon vielen Sarkoidose-Patienten helfen konnte – war er doch schon vor mehr als 25 Jahren bei Dr. Theodor Scharkoff in der Lungenklinik in Kolkwitz in die Lehre gegangen. Der ehemalige verdienstvolle Chefarzt am damaligen Bezirkskrankenhaus Cottbus hatte sich in Deutschland und darüber hinaus einen Namen in der Erforschung und Behandlung dieser Krankheit gemacht und hatte sich mit diesem Thema sogar habilitiert.

„Sarkoidose wird auch als Krankheit mit 1000 Gesichtern bezeichnet. Ein Chamäleon, das sich versteckt. Die Symptome wie Atemnot, ein chronisch langanhaltender Reizhusten  über mindestens acht Wochen oder eine Leistungsschwäche verbunden mit Müdigkeit  können auch auf viele andere Erkrankungen hinweisen. Bei der Sarkoidose ist meistens die Lunge betroffen, oft sind aber auch andere Organe wie Haut, Augen, die Leber oder das Herz mitbeteiligt. Die Ursachen dieses Krankheitsbildes sind noch immer nicht bis ins letzte Detail erforscht“, erläutert Dr. Prediger, der auch das Sarkoidose-Zentrum in Cottbus leitet, das 2005  durch den damaligen Chefarzt der Lungenklinik Prof. Dr. Hans Schweisfurth am Carl-Thiem-Klinikum gegründet wurde.

Neben den Befunden von Frank gab in diesem besonderen Fall sein Beruf einen wichtigen Hinweis für die Diagnosefindung. Jeder Verdacht auf eine Sarkoidose muss unbedingt wegen anderen wichtigen Differentialdiagnosen histologisch gesichert werden, unterstreicht Dr. Prediger. Die Bronchoskopie (eine Spiegelung der Bronchien) ist dabei eine wichtige Untersuchungsmethode. Hier werden Gewebeproben aus der Lunge und aus den Lymphknoten im Bereich der Lungengefäße entnommen.  So können dann die typischen Granulome histologisch gesichert werden. Früher wurden diese Knötchen oft fälschlicherweise auch als Tuberkulose-Signale gesehen. Heute aber gibt es klare Unterscheidungsmerkmale, die eindeutig auf die Sarkoidose schließen lassen.

Frank hatte Glück, dass die Krankheit nur seine Lunge und die Lymphknoten an den Lungengefäßen befallen hatte und dass sie so frühzeitig erkannt wurde. Oft braucht es eine lange Zeit, bis die Diagnose gestellt wird. Pro Jahr erkranken etwa 20 bis 40 Personen pro 100 000 Einwohner, meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. „Frauen erkranken häufiger als Männer, Nichtraucher sind mehr betroffen als  Raucher. Das sind nicht die einzigen Rätsel, die uns die Sarkoidose noch stellt“, erklärt Chefarzt Prediger. Die Erkrankung heilt bei den meisten Patienten spontan, bei einem kleinen Anteil kann sie chronisch verlaufen. In Franks Fall entschieden sich die Ärzte für eine Cortisongabe. Noch eine Weile braucht er das Medikament in geringen Dosen. „Aber die Müdigkeit und der Husten waren gleich nach den ersten Tagen der Behandlung wie weggeblasen. Ich arbeite wieder und fühle mich vollkommen gesund“, beteuert Frank. Was allerdings seine guten Nichtrauchervorsätze nicht ins Wanken bringen sollte. Rückfälle sind keineswegs ausgeschlossen.

*Name geändert

Der besondere Fall 4c
Der besondere Fall 4c FOTO: Katrin Janetzko / LR
Dr.Prediger.
Dr.Prediger. FOTO: Susann Winter