| 16:36 Uhr

Sanfte Brise: Singer/Songwriter wecken Frühlingsgefühle

US-Sänger Josh Rouse.
US-Sänger Josh Rouse. FOTO: York Wilson (dpa)
Berlin. Nachdenkliche Männer mit Gitarre im Gepäck hat das Traditions-Genre Singer/Songwriter schon fast im Überfluss zu bieten. Es lohnt sich also, die Spreu vom Weizen zu trennen. Vorhang auf für neue Alben von Josh Rouse, Conor O'Brien und Husky Gawenda. Werner Herpell

Mit wohligen Streicher-Brisen beginnt eines der schönsten Alben dieses Frühjahrs, und es passt zur Jahreszeit wie kaum ein zweites: "The Embers Of Time" stammt vom Songwriter Josh Rouse (42), der im US-Bundesstaat Nebraska geboren wurde und jetzt mit seiner Familie im spanischen Valencia lebt. In zehn herrlich entspannten, mit Country- und Latin-Einflüssen angereicherten Folkpop-Liedern vereint Rouse das Beste aus beiden Welten.

Songs wie der romantische Opener "Someday I'm Golden All Night", das swingende "You Walked Through The Door" oder die Soul-Ballade "Pheasant Feather" balancieren geschickt auf der schmalen Grenze zwischen Fröhlichkeit und Melancholie. Denn die Entstehung dieser Lieder fiel in eine schwierige Phase im eigentlich so glücklichen Leben von Josh Rouse, der mit der 70er-Jahre-Hommage "1972" (2003) und dem Folk-Meilenstein "Nashville" (2005) den Durchbruch geschafft, zuletzt aber nur einige arg leichtgewichtige Platten herausbrachte.

"Während ich die Songs für das neue Album schrieb, hatte ich wohl eine Art Midlife-Crisis", sagt Rouse. In einer Therapie ging er in die Kindheit zurück, in "ein Aufwachsen mit ständigen Umzügen und ohne wirkliche Vaterfigur. All diese Dinge flossen in die Lieder ein." Dass ein autobiografisches Stück wie "Ex-Pat Blues" über das Leben in der Fremde nie wehleidig klingt, macht die große Kunst dieses oft unterschätzten Singer/Songwriters aus.

Produziert wurde "The Embers Of Time" wieder von Brad Jones, dem Rouse seine stärksten Werke verdankt und der ihm auch diesmal ein Klangbild voller Wärme - mit Mundharmonika, Pedal-Steel-Gitarre, Geigen, Klavier und Kontrabass - auf den Leib schneiderte. Dass Rouse seine sensiblen Texte mit einer der besonders angenehmen Stimmen des US-Folkpops singt, macht dieses Album endgültig zu einem kleinen Meisterwerk des Genres.

Kaum weniger eindrucksvoll klingt die dritte Platte des Iren Conor O'Brien, der unter dem Bandnamen Villagers veröffentlicht, für "Darling Arithmetic" jedoch alle Songs schrieb und alle Instrumente solo einspielte. Nach dem selbstbewussten Debüt "Becoming A Jackal" (2010) und dem noch vielschichtigeren "Awayland" (2013) - beide auf Platz eins der irischen Charts - tritt O'Brien einen Schritt zurück und liefert ein sehr persönliches, reduziertes Album ab.

Nur mit Akustikgitarre, Piano, Uralt-Keyboards und dezenten Drums polstert der 32-Jährige neun Songs aus, die um tiefe Gefühle und Verletzungen kreisen. "It took a little time to be honest/it took a little time to be me" bekennt der inzwischen vollbärtige, aber immer noch sehr jungenhaft wirkende Sänger im Opener "Courage". Es ist auch danach oft beklemmend, O'Briens Seelen-Striptease zuzuhören. Doch der Ire kleidet seine schmerzhaft ehrlichen Texte stets in so exquisite Melodien, dass man bis zum Schluss gebannt dranbleibt. So entwickelt sich "Darling Arithmetic" zu einem Folk-Album mit Langzeitwirkung.

Viel sonniger klingt "Ruckers Hill" von der aus Melbourne stammenden Band Husky, einem 2008 gegründeten Quartett um den Singer/Songwriter Husky Gawenda. Der hat sich eindeutig bei den Klassikern des Genres bedient: Simon & Garfunkel, Crosby Stills & Nash (also ohne die Ruppigkeiten eines Neil Young), Nick Drake, George Harrison und The Beach Boys standen Pate für die kunstvoll geschichteten Harmonien von Folkpop-Juwelen wie "I'm Not Coming Back" oder "Arrow".

Übermäßig originell ist das zwar nicht, aber mit so viel Liebe zum Detail produziert und mit so prachtvollen Satzgesängen ausgestattet, dass man Husky Gawenda und seinen Mitstreitern kaum böse sein kann. Wie einige ähnlich gestrickte US-Neofolk-Bands (von Fleet Foxes bis Band Of Horses) plündern diese auch live äußerst sympathischen Australier für Inspirationen die elterliche Plattensammlung - und erreichen mit einem Jahrzehnte alten Sound die junge Generation.