Es war ein heiterer Abschied von den Stühlen aus dem ersten und zweiten Rang und denen aus dem Parkett, die allerdings noch bis Ende des Jahres ihren Dienst tun müssen. Dafür sorgte der ungezwungene Grundton des vergnüglichen Abends, für dessen künstlerischen Rahmen Regisseur Hauke Tesch verantwortlich zeichnete. Die Moderatorenrolle zwischen Gebot und Hammerschlag teilten sich Carla Kniestedt und Christian Matthée vom Rundfunk Berlin-Brandenburg. Beide mussten ihre Mundwerkzeuge kräftig betätigen, um den richtigen Stuhl an den richtigen Mann beziehungsweise die Frau zu bringen. Sie taten es mit Bravour, kämpften in komischer Verzweiflung mit den Spielregeln des Abends und verließen sich dann und wann auf den Charme des Unvollkommenen.
Das Mindestgebot lag bei 25 Euro. Als Einer, Zweier-, Dreier- oder auch Vierergruppe kamen die Sitzgelegenheiten in vier Runden unter den Hammer der zwei Conferenciers. Die Gäste ließen nicht lange bitten und zeigten so ihre Verbundenheit mit der Lausitzer Institution.
Der erste Ersteigerer eines Stuhls war Wolfgang Schulz, der das gute Stück in der Diele seiner neu gekauften Villa aufstellen will. Frank Szymanski, der neue Cottbuser Oberbürgermeister und an diesem Abend auch Glücksfee auf Zeit, nimmt seine Vierergruppe mit an seinen Arbeitsplatz, ins Rathaus. Jürgen S. ersteigerte eine Dreiergruppe für seine 18-jährige Tochter, die speziell am Theater und seiner Technik interessiert sei.
Nicht immer gaben ausschließlich nostalgische Erinnerungen an berauschende Theaterabende den Ausschlag zum Mitbieten. Für Karen W. aus Cottbus war schon Stunden vor dem Beginn der Versteigerung im Großen Haus des Staatstheaters klar: „Wenn ich einen Stuhl ersteigere, dann kommt er in den Flur meiner Wohnung, der ist grün gestrichen, das passt; genau wie die orangefarbenen Socken, die ich mir eben gekauft habe, mit dem roten Samtbezug harmonieren.“ Der ältere Herr, der noch in der letzten Runde versuchte, einen Einer-Stuhl für seine Tochter zu bekommen, stieg nach telefonischer Rücksprache bei 100 Euro aus, mehr wollten beide nicht anlegen.
Vor der Versteigerung hatten Theaterfreunde bereits ab Oktober Gelegenheit, sich per Kauf einen Stuhl oder ein Ensemble zu sichern. Auf diese Weise wechselten laut Staatstheater 110 Stühle die Besitzer. Die Preise lagen bei 150 Euro für einen Einzelstuhl, 250 Euro für einen Zweisitzer, 325 Euro für eine Dreier- und 375 Euro für eine Vierergruppe. Nach Angaben von Pressesprecherin Gabriela Schulz lagen die Höchstgebote am Sonntag grundsätzlich über diesen Marken. Darüber hinaus hatten die Gäste die Möglichkeit, bei einer Tombola oder verschiedenen Spielen einen Stuhl zu gewinnen oder zu einem günstigen Preis zu erwerben.
Der Marketingchef des Hauses, Sébastien Peuquet, zeigte sich auf Nachfrage der RUNDSCHAU zufrieden mit dem Publikumsinteresse. 313 Besucher seien gekommen. Erwartungen über die finanzielle Höhe des Erlöses habe es dagegen nicht gegeben. Das Geld aus der „Aktion Theaterstuhl“ soll nun in die Herstellung eines Buches über die Geschichte des Cottbuser Theaters fließen, dessen Geburtstag sich im Jahre 2008 zum hundertsten Male jährt.
Auch wer keinen Privatstuhl ergattern konnte, saß an diesem Abend gut, denn es gab noch die kunstgefüllten Pausen zwischen den Hammerschlägen: Viel Beifall erhielt Carla Kniestedts überraschende Interpretation von Lene Vogts sächsischer Fassung des „Zauberlehrlings“ von Goethe. Teilweise glänzten Sängerinnen, Schauspieler und Tänzer des Staatstheaters an ungewöhnlichen Auftrittsorten wie der „Fürstenloge“ im ersten Rang; ein Ort, der den Intendanten Martin Schüler schon in seiner Begrüßungsrede zu inszenatorischen Höhenflügen zu inspirieren schien.
Als frühestmöglichen Termin für eine weitere Versteigerung dieser Art nannte der Hausherr das Jahr 2036. Für einige der jüngsten Besucher im Publikum kein ganz aussichtsloses Datum; zumindest geübt haben sie dann schon mal.