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Interview mit Samia Chancrin
Golden Globe! Unglaublich schön, aber irreal

Los Angeles/Senftenberg. Die Schauspielerin, die in Senftenberg „Frühlingserwachen“ inszenierte, ist in „Aus dem Nichts“ zu sehen. Von Ida Kretzschmar

Das deutsche NSU-Drama „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin ist Gewinner des Golden Globe als bester Auslandsfilm. Die RUNDSCHAU sprach mit einer der Darstellerinnen, Samia Chancrin, die auch in Senftenberg eindrucksvoll auf sich aufmerksam macht.

Samia Chancrin, Gratulation! Was sagen Sie zu dem Golden Globe, den Sie ja mitgewonnen haben?

Chancrin Unbegreiflich! Das ist doch etwas, was man gar nicht auf dem Schirm hat, ein sehr merkwürdiges, fremdes Gefühl. Unglaublich schön, aber irreal.

In dem preisgekrönten Film spielt Diane Kruger die fassungslose Katja, die Mann und Sohn bei einem Nagelbombenanschlag verloren hat. Sie sind ihre beste Freundin Birgit. Wie sind Sie zu dieser Rolle gekommen?

Chancrin Ich habe die Rolle als freie Schauspielerin durch ein normales Casting bekommen. Diane Kruger verkörpert Katja in ihrer ganzen Verzweiflung und Hilflosigkeit. Ich spiele ihre beste Freundin Birgit, die schwanger ist und Angst hat, dass Katja das alles nicht überlebt. Man kann den Schmerz ja nicht lindern, aber man kann versuchen, zumindest da zu sein.

Wie gelingt es, sich in eine so intensive Gefühlswelt hineinzuversetzen?

Chancrin Ich weiß von Diane Kruger, dass sie viel recherchiert hat und mit Opfern von Gewaltverbrechen gesprochen hat. Da ich selbst viele Verluste in meinem Leben erlitten habe, konnte ich das sehr gut nachempfinden. Ich weiß: Wenn einem Menschen, den man liebt, so etwas Schlimmes zustößt, hat man die Aufgabe, zu funktionieren. Man darf nicht selbst in das Loch fallen, weil der andere das Recht dazu hat.

Wie ist es, an der Seite eines Hollywoodstars zu spielen?

Chancrin Nicht wirklich anders als neben anderen tollen Kollegen. Diane Kruger ist eine großartige Schauspielerin und ein sehr zugewandter, angenehmer Mensch, ganz ohne Starallüren. Es ist einfach schön, mit ihr zu spielen, aber nicht weil sie ein Hollywoodstar ist, sondern weil sie eine tolle Schauspielerin ist.

An der Neuen Bühne Senftenberg haben Sie mit Ihren berührenden Regiearbeiten für Aufmerksamkeit gesorgt. Welche bedeutet Ihnen besonders viel?

Chancrin „Wolfswelt. Die Stunde der Kammerjäger“ war die erste Regiearbeit, „Frühlingserwachen“ die Jüngste. Dazwischen gab es „Essotiger“, „Peterchens Mondfahrt“, „Nellie Goodbye“, „Birkenbiegen“... Ich könnte zu jeder etwas sagen, was sie für mich ausgezeichnet hat, aber nicht, welche mir die liebste war. Die nächste ist schon im Gespräch.

Und wie gefällt Ihnen generell das Arbeiten in Senftenberg?

Chancrin Im Winter ist es ein bisschen härter, weil man nicht zwischendurch in den See springen kann (lacht). Vom Ensemble und der Stadt her bin ich immer wieder gern da.

Haben Sie bei „Aus dem Nichts“ besonders auf die Regie geachtet?

Chancrin Ich glaube, wenn man selbst Regie macht, fällt einem auf, wenn einer nicht gut darin ist. Fatih Akin ist wahnsinnig gut darin. Und so brauchte ich mir keine Gedanken um die Regie zu machen, sondern konnte mich einfach fallenlassen und spielen. Er schafft eine so tolle, konzentrierte Stimmung am Set, hat so ein Brennen in sich, Fieberhaftigkeit und Genauigkeit in der Beschreibung und Beobachtung, dass man ihm einfach vertraut.

Die Golden Globes gelten als Vorboten für den Oscar. Rechnen Sie sich Chancen aus?

Chancrin Wir stehen auf der Shortlist. Aber es sind noch andere tolle Filme im Rennen. Ich bin nicht gut in Wahrscheinlichkeitsrechnung. Aber der Golden Globe setzt Zeichen. Natürlich würde ich mich riesig freuen.

Mit Samia Chancrin sprach
Ida Kretzschmar