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| 14:41 Uhr

Lesung
Suleika trifft mitten ins Herz

Die Schriftstellerin Gusel Jachina (m.) las am Donnerstagabend in der Stadt- und Regionalbilbliothek Cottbus. Die Schauspielerin Jennipher Antoni (l.) las den deutschen Text. Es moderierte Katarzyna Zorn vom Brandenburgischen Literaturbüro (r.).
Die Schriftstellerin Gusel Jachina (m.) las am Donnerstagabend in der Stadt- und Regionalbilbliothek Cottbus. Die Schauspielerin Jennipher Antoni (l.) las den deutschen Text. Es moderierte Katarzyna Zorn vom Brandenburgischen Literaturbüro (r.). FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Die russische Autorin Gusel Jachina begeistert in der Stadt- und Regionalbibliothek Cottbus mit ihrem Debütroman. Renate Marschall

„Großartige Literatur ist es geworden“, sagt Uta Jacob, Mitarbeiterin der Stadt- und Regionalbibliothek Cottbus, zum Auftakt der Lausitzer LesArt am Donnerstagabend über den 2015 erschienenen Debütroman der russischen Autorin mit tatarischen Wurzeln, Gusel Jachina, „Suleika öffnet die Augen“. Die Lausitzer LesArt ist eine Gemeinschaftsveranstaltung von Brandenburgischem Literaturbüro,  RUNDSCHAU und Bibliothek mit dem Ziel, Außergewöhnliches vorzustellen, was auch in diesem Fall gelungen ist.

An diesem Abend, das macht ihn sehr abwechslungsreich, wird nicht nur gelesen. Es liest die Schauspielerin Jen­nipher Antoni, Tochter von Carmen-Maja Antoni – man könnte ewig weiter zuhören,  und Gusel Jachina beantwortet die Fragen von Katarzyna Zorn vom Literaturbüro. In bestem Deutsch lässt sie eine Zeit wieder lebendig werden, in der die Kollektivierung in der Sowjetunion ihren Höhepunkt erreichte – um 1930 mit dem Beschluss zur Liquidierung der Kulakenklasse. Sechs Millionen Menschen sind damals in die Verbannung geschickt worden, weiß die Schriftstellerin. Ihre Großmutter war eine von ihnen. Sie stand Pate für die Titelfigur ihres Romans, der sich in vielen Details aus den Erzählungen der Großmutter speist. Viel Zeit hat sie bei ihr verbracht. „Leider habe ich mir damals nichts aufgeschrieben“, bekennt die Autorin. „Ich musste viel nachlesen.“ Und doch sind es wohl diese Erinnerungen, die die Geschichte so emotional erlebbar machen, die Figuren so authentisch.

Während die Großmutter sieben Jahre alt war, als deren Eltern in ein solches Lager deportiert wurden, ist Suleika schon eine Frau. Mit 15 Jahren wird sie mit dem viel älteren Murtasa verheiratet, zu lachen hat sie in dieser Ehe nichts, denn nebenan wohnt die Upyricha, die Schwiegermutter. Von früh bis spät muss Suleika schwer arbeiten, ein lobendes Wort hört sie nie. Vier Kinder hat sie geboren, die sie alle zu Grabe tragen musste. Es herrschen mittelalterliche Verhältnisse im tatarischen Dorf. Harte Arbeit, Demut und Aberglaube beherrschen ihren Alltag. Aber Suleika denkt immer noch, es ganz gut getroffen zu haben. Da kündigt sich ein neues Unheil an: die Enteignung. Murtasa wird erschossen. Suleika kann nicht fassen, was sie erlebt:. „Ihre Gedanken sind noch immer zäh und unbeweglich wie Brotteig“, beschreibt Gusel Jachina. Ein Beispiel für ihre bildhafte, erzählerische Sprache, die das Lesen zum Genuss macht.

Mit vielen anderen kommt Suleika auf den Transport nach Sibirien, monatelang im Güterzug und auf dem Schiff. Noch einmal wird sie schwanger, sie lernt zu kämpfen und sich zu behaupten, ihr Selbstwertgefühl erwacht und sie verliebt sich in den Mörder ihres Mannes. Sie trifft Menschen, die ihr helfen, wie den Arzt Wolf Karlowitsch Leibe, der sie zur Krankenschwester ausbildet. „Ich wollte unbedingt einen deutschen Helden im Roman haben“, bekennt Gusel Jachina im Gespräch. Viele Russland-Deutsche hätten in der Kasaner Gegend gelebt, und die Universität sei 1804 von dem Deutschen Karl Fuchs gegründet worden. Deshalb der Karlowitsch.

So schwer der Weg in die Verbannung und die ersten Jahre in der neu gegründeten Siedlung am Ufer der Angara auch sind, für Suleika ist es ein Weg ins Leben, befreiend. Sie öffnet die Augen. Sie nimmt ihr Schicksal in die eigenen Hände, ist erfolgreich damit. Auch hier bot das Leben der Großmutter Anregung. Mit 16 Jahren, erzählt die Autorin, sei ihre Großmutter 1946 in ihr Heimatdorf zurückgekehrt, eine selbstbewusste, emanzipierte junge Frau, geschminkt, mit Stöckelschuhen – aufsehenerregend für die Dorfbewohner.

„Suleika öffnet die Augen“ trifft mitten ins Herz, wie die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja im Geleitwort schreibt. Sie stellt Gusel Jachina zurecht in eine Reihe mit großen Autoren der Sowjetliteratur wie Tschingis Aitmatow, deren Art zu schreiben  verloren geglaubt schien. Es ist auf mehr von dieser jungen Autorin zu hoffen. Zugleich zeigt dieser Abend, was Literatur zu bieten hat. Anregungen gibt es in der Stadt- und Regionalbibliothek ja immer, ganz besonders aber im Bücherfrühling, der, wie Uta Jacob informiert, am 19. März startet.

„Suleika öffnet die Augen“, Aufbau-Verlag, gebunden, 22,95 Euro, 541 Seiten.