Herr Garrett, Sie spielen in allen großen Hallen des Landes, in die traditionelle Klassikfans ungern einen Fuß setzen. Hätten Sie früher gedacht, dass Erfolg mal zum Problem werden könnte?
Es kommt immer darauf an, wie man Problem definiert. Wenn man Spaß an der Arbeit hat, hat man kein Problem. Das kriegt man eher, wenn man nicht ausgefüllt ist und das Gefühl hat, etwas zu verpassen. Oder wenn man nicht das tun kann, was man gern machen möchte. Davon bin ich aber weit entfernt.

Ist es für Sie kein Problem, dass manche Vertreter der reinen Klassiklehre zwar Ihre Virtuosität loben, aber Ihren Hang zu Crossover und spektakulären Shows monieren?
Wenn ich ein klassisches Konzert spiele, verzichte ich ja auf spektakuläres Drumherum. Da veranstalte ich keine Sachen, die nicht zur Musik passen. Ich glaube, dass das ganz wichtig ist, gerade weil ich aus der Klassik komme. Meine rein klassischen Konzerte laufen seit Jahren sehr traditionsbewusst ab.

Ihr Motto lautet also: Jedem nach seiner Fasson?
Könnte man sagen. Ich spiele jedenfalls genügend klassische Konzerte und in die sind alle herzlich eingeladen, die kein Crossover mögen. Man muss ja nicht zu jedem Konzert von mir gehen. Ich gebe dem Publikum die Möglichkeit, sich das auszusuchen. Die "Rock Symphonies"-Konzerte in den letzten Jahren oder die Konzerte der "Rock An thems"-Tour wenden sich in der Tat an ein großes Publikum und das hat für mich auch seinen Reiz. Der Spaßfaktor ist besonders hoch. Bei diesen Shows verfügen wir einfach über einen finanziellen Spielraum, der es erlaubt, mal etwas ganz Ausgefallenes zu machen. Da verwirkliche ich, ja doch, ein bisschen auch einen Kindheitstraum.

Wenn Sie ein Faible für spektakuläre Shows besitzen, lassen Sie sich dann auch von Rockkünstlern inspirieren, die auf der Bühne ordentlich Budenzauber veranstalten?
Absolut, ich habe alle Rammstein-DVDs zu Hause. Ich habe auch geguckt, welche technischen Möglichkeiten Pink, U2 oder Lady Gaga so nutzen. Es ist ganz wichtig, dass man sich ein bisschen umschaut. Nicht um zu kopieren, sondern um die eigene Fantasie und Kreativität anzuregen. Im Endeffekt geht es aber bei einem David-Garrett-Konzert natürlich um die Musik. Alles Drumherum ist lustig und Entertainment, doch das Wichtigste bleibt das musikalische Programm. Es wird diesmal etwas vielfältiger, enthält Jazz- und R&B-Elemente sowie House-Beats.

Obwohl Sie ein neues Crossover-Album erst im Sommer aufnehmen werden, wollen Sie es vorher schon live präsentieren. Ist das kein Wagnis?

Etliche Stücke mit meinen Kompositionen und Arrangements sind bereits fertig und deshalb werde ich sie in den Konzerten auch präsentieren. Wenn man etwas mit Leidenschaft macht und wenn gutes Material dabei herauskommt, will man es doch so schnell wie möglich live spielen. Also habe ich mir gesagt: Ich finde es toll, warum sollte ich es nicht mal vorwegnehmen und sie spielen, obwohl es die CD noch gar nicht gibt.

Sie ignorieren offenbar gern branchenübliche Gepflogenheiten. Empfinden Sie es eigentlich doppelzüngig, wenn Klassikliebhaber bedauern, dass es die Musik bei vielen jungen Leuten schwer hat, sie aber keine Unterhaltungsmätzchen akzeptieren, die eine Brücke schlagen könnten?
Ich finde es ganz wichtig, auf die jungen Leute zuzugehen. Jeder junge Mensch verdient es, dass man sich Zeit nimmt, ihm etwas zu erklären oder näher zu bringen. Das versuche ich eigentlich seit Jahren und es funktioniert auch wunderbar. Alle rein klassischen Konzerte der Tour im Mai mit dem Pianisten Julien Quentin, in denen wir Beethoven-Werke spielen, sind bereits ausverkauft. Und ich kenne ja mein Publikum. Meistens ist es sehr gemischt, es reicht von Kleinkindern über Teenager bis zu Besuchern im hohen Alter. Für mich ist das ein ganz hoher Anspruch, so ein Publikum zu erreichen.

Ist Ihr Ehrgeiz größer, das fachlich kompetentere Publikum in Klassikkonzerten zu überzeugen als das der rockigeren Shows?

Nein, diesen Ehrgeiz habe ich gleichermaßen. Der richtet sich nicht danach, was ich am jeweiligen Konzertabend spiele. Mein Anspruch ist immer, das Beste aus mir herauszuholen. Es macht für mich keinen Unterschied, ob ich Beethoven spiele oder Arrangements von mir selbst. Im Gegenteil. Ich glaube sogar, wenn ich eine brandneue Komposition oder ein Arrangement von mir spiele, dass dann der Anspruch noch höher ist.

Gibt es für Sie eine Grenze beim Einsatz spektakulärer Mittel, um junge Menschen für die Klassik zu interessieren?
In der Hinsicht habe ich noch nie etwas getan, wo ich nicht dahinter stand.

Könnten Sie sich eine Castingshow für Klassikmusiker vorstellen?
Es kommt immer auf das Wie an. Wenn etwas mit Qualität und mit Liebe gemacht ist, warum nicht. Wenn das Gerüst gut ist, kann man, glaube ich, alles machen.

Sie haben vorm Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Niederlande die Nationalhymnen beider Länder auf der Violine gespielt. War das Ihre Idee?
Ja, ich bin auf den DFB zugegangen. Genau genommen habe ich seit vier Jahren versucht, die Nationalhymne vor einer Länderpartie zu spielen, weil ich ein Riesenfußballfan bin. Für mich ist das der Moment schlechthin, im Fußballstadion vor so einer imposanten Kulisse auftreten zu können. Dass es zum Spiel Deutschland gegen Holland klappte, das dann auch noch mit diesem sensationellen Ergebnis endete, war natürlich toll.

Mit David Garrett sprach Gunnar Leue Konzerte der "Rock Anthems"-Tour: 17. April Leipzig, Arena 17. November Berlin, O World