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| 19:06 Uhr

Rückkehr der vertriebenen Dichterin

Die streitbareBrigitte Reimann.
Die streitbareBrigitte Reimann. FOTO: Lydia Goguel/ Literaturzentrum Neubrandenburg
Lichterfeld. "Die Große Liegende" entsteht gegenwärtig im Lichterfelder Klinkerwerk Muhr im Elbe-Elster-Kreis. Die Skulptur soll an Brigitte Reimann erinnern, die in den 60er-Jahren in Hoyerswerda lebte, liebte und litt. Am 21. Juli wäre die unbequeme Dichterin, die mit 39 Jahren an Krebs starb, 80 geworden. An diesem Tag soll das Denk-Zeichen im Hoyerswerdaer Stadtpark seinen Platz finden. Frauen und Männer des dortigen Kunstvereins warfen schon jetzt einen Blick in die Werkstatt des Bildhauers Thomas Reimann. Ida Kretzschmar

Die Gleichheit des Nachnamens ist reiner Zufall. Und doch ist sofort eine Seelenverwandtschaft zu spüren. Nicht nur, weil der Dresdner Künstler genau wie einst die Schriftstellerin mitten im Produktionsalltag der Lausitz angekommen ist. "Natürlich habe ich Brigitte Reimann schon in meiner Jugend gelesen", versichert Thomas Reimann, der an der renommierten Kunsthochschule Burg Giebichenstein studiert hat. Damals verschrieb er sich vor allem der Glaskunst: "Der Stoff, aus dem die Träume sind", zieht der 59-Jährige mit einem Satz eine Parallele zu der Dichterin. Besonders die Courage imponiert ihm, mit der sie ihren Traum von einer menschlichen Stadt Wirklichkeit werden lassen wollte.

"Mit dieser Skulptur holen wir Brigitte Reimann, die einst Hoyerswerda traurig und ein wenig zornig verlassen hatte, zurück in unsere Stadt. Damit sie dort wieder zu Hause sein kann", sagt Martin Schmidt, der Vorsitzende des Hoyerswerdaer Kunstvereins e.V., der allein zu seinem 75. Geburtstag mehr als 2500 Euro an Spenden dafür gesammelt hatte. Eine Freundespflicht werde so eingelöst, sagt er. Insgesamt sind schon an die 60 000 Euro zusammengekommen. Nicht nur aus der Lausitz, sondern aus ganz Deutschland, ja sogar aus Österreich, Frankreich und Holland.

Vor allem den Mitgliedern des Kunstvereins, der schon Brigitte Reimann ein Zuhause bot, ist es zu verdanken, dass "Die große Liegende" entstehen kann. Und so sind viele von ihnen von Hoyerswerda nach Lichterfeld gefahren, um das werdende Kunstwerk zu betrachten.

Das Konzept dafür entwickelte sich im Jahre 2010. Zunächst war Granit für die Reimann-Skulptur im Gespräch. "Ein viel zu kalter Stoff für diese heißblütige Frau", verwarf der Künstler den Gedanken.

Und so kam Backstein ins Spiel. "Lehm, Ton, aus dem wir alle gemacht sind. Der Stein des Ursprungs", führt Thomas Reimann seine Besucher an das Kunstwerk heran. Nach dem Modell hat er nun rot schimmernde Backsteine zu der "Großen Liegenden" zusammengefügt, auch den Kopf angedeutet, obwohl dieser wie der charakteristische Reimann-Zopf später aus Edelstahl gefertigt werden.

Eigentlich hat der Bildhauer auf Burg Stolpen sein Atelier. Nun hat er es nach Lichterfeld in das Klinkerwerk Muhr verlegt, wo er Ende vergangenen Jahres ungebrannte Ziegel zusammentrug und hoffte, sie leicht bearbeiten zu können. "Das erwies sich als Trugschluss", gibt er zu. Ihnen sei nur mit Diamantscheiben beizukommen. Und so stand er wochenlang im Staub, baute auf und riss wieder ab und entdeckte die Mühen der Ebene und den Stein immer wieder neu. Nun werden die einzelnen Ziegel nummeriert und schichtenweise abgetragen, damit sie bei 1150 Grad gebrannt werden können, erzählt er seinen Gästen. Er könne sich dabei auf die Erfahrung des Lichterfelder Brenners Thomas Hartnick verlassen. Ein Salzbrand soll den Steinen Lebendigkeit verleihen. Und auch die mehr als 250 Namen der Spender, die diese Skulptur ermöglicht haben. Da stehen die Namen der Großeltern neben denen der Enkel.

Im Kunstwerk sollen sie wie Unterschriften wirken für die Dichterin, die sich nach einer Stadt sehnte, die ihr "mehr bietet als einen umbauten Raum, in dem man Tisch und Bett aufstellen kann."

Dem 78-jährigen Siegfried Scholz gefällt, dass der Künstler den Stein so wenig wie möglich verfremdet, die Skulptur auf alten Traditionen der Lausitz basiert. Ein Ausdruck für Beständigkeit. Ist doch die Backsteinproduktion hier schon sehr lange beheimatet, weiß der ehemalige Maschinenbauingenieur.

Angela Potowski, die gemeinsam mit Helene und Martin Schmidt zu literarischen Spaziergängen auf den Spuren von Brigitte Reimann einlädt, ist ganz beeindruckt, wie viel Arbeit bereits in dem Kunstwerk steckt. Die 50-jährige Lehrerin am Lessing-Gymnasium kann die Enthüllung des Denk-Zeichens kaum erwarten. Andere Werkstattbesucher, wie Elke Steinborn, Marion Wolf und Harry Schulze von der Brigitte-Reimann-Begegnungsstätte in Hoyerswerda, sind besonders fasziniert von der Dimension der Skulptur, die sich schon erahnen lässt.

Immerhin wird "Die große Liegende" zwei Meter hoch aufragen. Der Zopf aus Edelstahl vom Kopf bis zum Beckengrund soll sogar sechs Meter betragen. Es wird aussehen, als ließe die ungezähmte Tochter der Stadt ihre Worte in das Lausitzer Seenland fließen. Sätze wie diesen: "Wenn man in dieser Stadt lebt, wird die Natur wieder zum Abenteuer und jedes Gänseblümchen, der Anemonenbusch wird zur Sensation."

Eine kleine Sensation für Hoyerswerda wird es sicher auch sein, wenn Brigitte Reimann unübersehbar zurückkehrt in diese "unmögliche Stadt", wie sie in ihren Tagebüchern schrieb, an die sie doch merkwürdigerweise "ihr Herz gehängt" hatte. Ab Juni sollen die gebrannten Steine an Ort und Stelle zu der "Großen Liegenden" zusammengefügt werden. Ein warmer unverfälschter Ton zwischen Betonhäusern und Grün. Bis dahin wird Thomas Reimann in Stolpen am Zopf arbeiten. "Auch wenn ich die Skulptur erschaffe: Es sind die Bewohner von Hoyerswerda, die damit ein Zeichen setzen, auch anregen, Vorurteile abzulegen. Es geht um Identifikation. Vor allem junge Leute können so ihre Stadt neu entdecken", meint der Künstler.

Barbara Kegel, die schon in der DDR im Kunstverein mitarbeitete, ist sehr gespannt, was die Bewohner von Hoyerswerda zu der Rückkehr der einst von starrsinnigen Funktionären vertriebenen Dichterin sagen werden. Sie kommt an einen Platz, der auch zum Lesen und Erzählen einladen wird, hofft Martin Schmidt und erinnert noch einmal an die Worte Brigitte Reimanns, die auch dort wiederzufinden sein werden: "Wenn ich einmal in den Himmel komme, wünsche ich mir eine große weiße Wolke und hunderttausend Bücher ringsum zum Schmökern".

Spendenkonto: Kunstverein Hoyerswerda bei der Ostsächsischen Sparkasse Dresden,

BLZ 85050300, Konto-Nr. 3000101003, Kennwort "Reimannzeichen".

Zum Thema:
Brigitte Reimann wurde am 21. Juli 1933 in Burg bei Magdeburg geboren. 1960 kam sie nach Hoyerswerda. 1968 verließ sie die Stadt - entnervt vom Alltagskrieg mit Funktionären und Bürokraten. Aus ihren Erfahrungen im Kombinat Schwarze Pumpe entstand 1961 der Kurzroman "Ankunft im Alltag". Weitere bekannte Bücher: "Die Frau am Pranger" (1956), "Das Geständnis" (1960), "Die Geschwister" (1963). Besonders für ihren posthum veröffentlichten unvollendeten Roman "Franziska Linkerhand", 1974, (vollständig 1998) wurde sie in der DDR verehrt. Sie war viermal verheiratet und wurde nur 39 Jahre alt.