Das 3. Philharmonische Konzert am Cottbuser Staatstheater hat am Wochenende einen finnischen Stempel aufgedrückt bekommen: Drei zentrale Werke von Jean Sibelius bildeten den Rahmen, der komplettiert wurde von Iris ter Schiphorsts Uraufführung "La tristesse durera". Violinistin Sophia Jaffé brillierte mit geradlinigem Geigenspiel, Clemens Schuldt dirigierte.

Zu Beginn ein kurzer Todestanz: "Valse triste" von Sibelius, entstanden in den Jahren 1903/1904 aus einer mehrsätzigen Bühnenmusik. Sibelius sah sich in Zeiten höchster Geldnot gezwungen, das Konzertstück sehr günstig seinem Verleger zu verkaufen, ohne das Erfolgspotenzial der Komposition zu ahnen. Schon ein paar Jahre später war das Werk weltberühmt.

Das Orchester setzt ruhig ein, nur langsam wird eine Walzermelodie erkennbar. Im weiteren Verlauf wird es wild: Trommelwirbel rücken ein energisches zweites Thema in den Vordergrund. Streicher und Bläser sind dann besonders stark, wenn sie sich in der Lautstärke konterkarieren. Doch die Eskapaden dauern nur kurz: Die Musik erstirbt, bildlich betrachtet steht auf der Schwelle der Tod.

Auftragswerk des Staatstheaters

Die gebürtige Hamburgerin Iris ter Schiphorst steuert mit "La tristesse durera" ein Auftragswerk des Cottbuser Staatstheaters bei. Die Komponistin arbeitet mit vom Sampler eingespielten Geräuschen und gönnt Instrumenten wie Flöte oder Horn, die sonst den Streicherapparat lediglich unterstützen, viel mehr Entwicklungsspielraum als üblich. Doch auch die Streicher mischen kräftig mit: Die Musiker faszinieren durch geschickte Schlag- und Zupftechniken. Ein ungewöhnliches Klangerlebnis.

Jean Sibelius' Violinkonzert ist ein dankbares Virtuosenwerk. Darin liegt jedoch die Gefahr: Es kann zur Effekthascherei verkommen. Die Solistin Sophia Jaffé entgeht dieser Verlockung: Sie präsentiert an dem Abend einen frischen, erstaunlich wandelbaren Ton. Der Beginn des ersten Satzes birgt Fallstricke: Wenn sich die Solovioline aufmacht, über einem sehr leise beginnenden Tremolo der gedämpften Geigen (schneller Bogenwechsel) das thematische Material vorzustellen, wirkt dies wie ein kaum endendes Crescendo (Lauterwerden), wie ein lange gedehnter Sonnenaufgang über einer fahlen Winterlandschaft, die sich allmählich zu regen beginnt und dann mit einem "Donnerschlag" erwacht. Jaffé dosiert in diesem Kontext aber nahezu alle Ausdrucksnuancen richtig und lässt die Dramatik unter der viel beschworenen nordischen Melancholie der Stücke des finnischen Komponisten perfekt kontrolliert, aber nicht weniger inbrünstig hervorbrechen. Auf diese Weise lotet sie die Tiefen aus - beeindruckend konsequent.

Sagenhafte Soli

Nur selten läuft die Violinistin in die romantische Abseitsfalle und gibt der Geige einen gar zu süßen Ton durch überzarten Bogenstrich mit. Jaffé meistert breite Tonlängen und setzt kurze Anschläge dagegen. Ihre Soli sind sagenhaft. Das Orchester antwortet mürrisch, teilweise dumpf. Mit Trillern setzt die Solistin zum Finale an und bewegt sich vom Tonumfang mühelos über zwei Oktaven hinweg. Der Mittelsatz wirkt tief-romantisch und lyrisch. Die Violine agiert sanft, der Grundtenor macht nachdenklich. Das Finale ist ekstatisch, die Musiker galoppieren mächtig aufbrausend. Man gewinnt den Eindruck, dass Sibelius alle technischen Raffinessen in dieses einzige von ihm komponierte Violinkonzert gepackt hat. Während das Orchester einen düsteren Klangteppich webt, hält Jaffé an ihrer freudigen Attitüde fest. Großer Beifall ist ihr sicher, und sie dankt es mit einer Zugabe von Eugene Ysaye: L´Aurore (Morgenröte), in der sie ihre ausgesprochen hohe künstlerische Qualität erneut zum Besten gibt.

Im zweiten Teil des Konzertabends spielt das Orchester dann groß auf: Sibelius, 5. Sinfonie, ursprünglich 1915 komponiert, 1916 und dann nochmals 1919 überarbeitet. Sie charakterisiert im Schaffen Sibelius´ den Übergang von der Spätromantik zur Moderne. Die Sinfonie beginnt mit einem Signal der Hörner und wird in einer anderen Tonart wiederholt. Bald schafft das Fagott dunkle Drohung. Die Streichinstrumente führen die Musik allmählich von der Dunkelheit in das Licht und in das siegreiche Hornsignal. Die Trompete agiert flott und weist zugleich sowohl auf das Signal am Anfang der Sinfonie als auch auf das Schaukeln des "Schwanenthemas" im Finale hin. Die Hörner führen den Satz im schnellen Tempo zum abrupten Ende. Im zweiten Satz kommunizieren Streicher und Flöten hervorragend miteinander. Das Thema wird leidenschaftlich variiert. Die Musik wird hektischer, aber die Idylle bleibt erhalten. Das Schwanenthema des Finales überfliegt kurz im Hintergrund. Wehmütig durchkreuzt die Oboe die geradezu romantischen Streicherpläne. Die Holzbläser haben die Ehre, den Satz ohne Sentimentalität zu beenden.

Sechs feierliche Explosionen

Das Schwanenthema wird im dritten Satz zuerst durch die Waldhörner präsentiert und danach mit dem Gesang der Holzblasinstrumente fortgesetzt. Die Flöten bringen das thematische Material vom Anfang des Finales zum Zirkulieren. Das Schwanenthema kehrt zurück und der darauf tönende Gesang wird mit Holzbläsern und schließlich auch mit Streichern wiederholt. Der Eindruck ist außergewöhnlich schön, wenn die Melodie sinkt und das Tempo langsamer wird. Ein neuer Anstieg beginnt mit dem sanften Schwanenthema, das stärker wird und in die Höhe steigt. Herausragend der Schluss: sechs feierliche Explosionen nach einem gewaltig gespannten sinfonischen Bogen - vielleicht das berühmteste Ende einer Sinfonie des 20. Jahrhunderts.