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| 17:03 Uhr

Der aktuelle Kinotipp
„Roma“ – Fesselndes Zeitbild von Mexico City in den 70ern

Regisseur Alfonso Cuaron erhielt zum Abschluss der Filmfestspiele in Venedig für „Roma“ den Goldenen Löwen in der Kategorie bester Film.
Regisseur Alfonso Cuaron erhielt zum Abschluss der Filmfestspiele in Venedig für „Roma“ den Goldenen Löwen in der Kategorie bester Film. FOTO: dpa / Kirsty Wigglesworth
Bonn. () Mit geschlossenen Augen auf einem Bein stehen – das sieht nicht nach einem großen Kunststück aus. Wenn man es selbst probiert, merkt man, wie schwierig es ist. Dementsprechend erlebt man ein elendes Schwanken und Stolpern, als eine Klasse von Martial-Arts-Schülern versucht, ihrem Meister diese Übung nachzumachen.

Nur eine steht am Rande des Feldes, auf dem die Schüler trainieren: Cleo, ein Hausmädchen aus dem nahen Mexico City, das zu Besuch ist, um seinen Ex-Freund zu sehen, ruht in sich wie ein Baum.

Diese Szene ist einer jener Momente in Alfonso Cuarons „Roma“, in denen der Realismus ins Magische spielt und die Protagonistin etwas Überlebensgroßes ausstrahlt – sozusagen von der Liebe verklärt, mit der Cuaron sie betrachtet.

Im Vergleich zu Cuarons Hollywood-Filmen („Gravity“, „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“) erzählt „Roma“ eine sehr bescheidene Geschichte. Gedreht in Mexico City und benannt nach jenem Stadtteil der Metropole, in dem der Regisseur aufwuchs, entfaltet der Film einen fiktionalisierten Rückblick auf die Kindheit des Filmemachers in den 1970er-Jahren – mit einem sehr genauen Blick auf die sozialen Verhältnisse.

Aber „Roma“ ist auch eine Liebeserklärung, eine Hommage an die Frauen, die Cuaron aufgezogen haben, vor allem aber das indigene Hausmädchen, das in dem Film Cleo heißt und von der Laiendarstellerin Yalitza Aparicio verkörpert wird.

Der Moment, in dem die junge Frau mit geschlossenen Augen auf einem Bein steht, markiert das, worum es Cuaron mit diesem Film geht: die Feier einer Lebensleistung, die unscheinbar und leicht zu übersehen ist, aber den größten Respekt verdient.

Zusammen mit einer Freundin arbeitet Cleo für eine wohlhabende Mittelstandsfamilie, die Cuarons eigener Familie angelehnt ist, und hilft der Mutter Sofia, ihre vier Kinder zu erziehen. „Roma“ taucht in den Alltag dieses häuslichen Lebens ein. Der Film verfolgt, wie über den Graben, der Angestellte und Arbeitgeberin trennt und der auch ein Graben zwischen der indigenen und der spanischstämmigen Bevölkerung des Landes ist, hinweg Cleo und Sofia im Laufe der Handlung ähnliche Schicksalsschläge treffen. Cleo wird von ihrem Freund schwanger und sitzengelassen; Sofias Mann, ein Arzt, verlässt seine Familie von einem auf den anderen Tag.

Die familiären Tragödien der Frauen überschneiden sich mit der Phase der Studentenproteste in der mexikanischen Hauptstadt, die demokratische Reformen in dem autoritär regierten Land einfordern, und mit dem brutalen Gegenschlag einer von der Regierung gestützten paramilitärischen Gruppe. Er ist als „Corpus Christi Massaker“ (1971) in die mexikanische Geschichte eingegangen.

Cuaron verquickt diesen zeitgeschichtlichen Hintergrund in einer ebenso meisterhaften wie markerschütternden Sequenz direkt mit Cleos Geschichte.

(kna)