Dabei haben es viele noch gar nicht nötig. Das gefühlte Durchschnittsalter am Dienstagabend in der Cottbuser Stadthalle jedenfalls pegelt sich um die 50 ein. Aber auch die, die auf einen Vorruhestand mit 65 hoffen oder längst die Rente erreicht haben, sind da und schunkeln sich schon mal ein. Früh übt sich, wer im Alter was zu lachen haben will.

In einer Endlosschleife strapaziert von der Lippe schon bei seiner ersten 2011er-Vorstellung in der Lausitz mit seinen Live-Apps, wie er sie nennt, mit von Überraschungen strotzenden Parodien und Liedern die Lachmuskeln. Wehren scheint fast zwecklos.

An der Nase herumgeführt

Eins muss man ihm lassen: Da ist ziemlich viel Tiefgang dabei. Manchmal greift Jürgen von der Lippe sogar ins Klo. Aber er hat's auch drauf und lässt den Klodeckel fallen. Wer nicht aufpasst, kriegt ihn direkt auf die Nase.

Apropos. Manchmal führt er die Leute auch an der Nase herum oder er stupst sie mit der Nase auf Dinge, die sie heimlich oder unheimlich erregen.

Da bringt er beispielsweise die Gemüter in Rage, wenn er über Schmarotzer lamentiert, die ohne Aufenthaltsgenehmigung ins Land kommen und nicht mal arbeiten wollen. Schon gibt es erste Beifallsbekundungen aus den Stammtischreihen, dann die ernüchternde Erkenntnis: Er spricht ja (nur) über Kinder.

Ja, wenn er solche Pointen setzt, das Hirn mal nicht in die Hose rutschen lässt, ist er wahrhaft preisverdächtig, exzellenter Beobachter und Wortakrobat.

"Babys sind wie Gedichte. Die sie gemacht haben, finden sie toll", schiebt er noch nach, um bei seinen Lieblingsthemen zu landen, die er bis zur Schmerzgrenze unter der Gürtellinie ansiedelt, um die Braven zu schocken.

Zart besaitet darf man bei den vielen F-Wörtern nicht sein, wobei er sich auch immer wieder beherzt aus der Fäkal-Sprache bedient. Was Blasen- und Schließmuskel eben so hergeben.

"Die Silberrücken sind auf dem Vormarsch", stellt der Grimme-Preisträger klar und präsentiert genüsslich einen lüsternen Greis, der das Altersheim so richtig aufmischt. Aber von der Lippe wechselt auch überraschend die Tonlage, brilliert vor allem in den Liedern. Zum Beispiel, wenn er einen hinreißenden Rock'n'Rollator über die Bühne schiebt. Aber auch seine Minidialoge sind nicht ohne Tiefgang. "Es gibt Gegenden auf der Welt, wo man wegen Kleidung getötet wird", sinniert er nach einem Albtraum, der in der Erkenntnis mündet: "Wenn Nerze Hawaii-Hemden trügen, wären sie besser dran."

Zur ungetrübten Freude am Obszönen gesellt sich die Freude am Nahrhaften: "Noch auf dem Totenbett könnte ich mich, wenn ich die Wahl hätte zwischen Kindzeugen oder Familienpizza, theoretisch noch gegen die Pizza entscheiden", gibt er an.

Hymne an die Spreewaldgurke

Schließlich wird endgültig klar, warum die Lausitzer einen Narren an ihm gefressen haben. Nicht nur, dass er verspricht, sich dafür zu verwenden, den nächsten Eurovision Song Contest nach Cottbus zu holen. Er hält auch der Gurke nach dem Ehec-Skandal weiter die Stange. "Woran merkt man, dass sie nicht frisch ist?", fragt er und gibt gleich selbst die Antwort: "Wenn man einen Knoten rein machen kann." Was aber alle endgültig übermannt: Ohne durchblicken zu lassen, dass er weiß, wo er sich gerade befindet, gibt er gemeinsam mit seiner "Bigband", Mario Hené an der Midi-Guitar und Wolfgang Herder an den Keyboards, der Spreewaldgurke die lang verdiente Hymne.

Die nächsten Vorstellungen am heutigen Donnerstag und morgigen Freitag in der Lausitzhalle Hoyerswerda sind ausverkauft.