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| 09:09 Uhr

Rhythmus auf zwei Rädern

"Rhythmische Körperbewegung zu Musik oder Geräuschen", so lautet die Definition von "Tanz". Doch er ist auch Kultur, Mittel zur Kommunikation und Ausdruck von Lebensfreude. Deshalb will die RUNDSCHAU in einer Serie verschiedene Tanzstile beleuchten und zeigen, wo man sie in der Lausitz günstig und mit Spaß erlernen kann. Heute: Rollstuhltanz Anke Richter

Eins, zwei, drei, vier – langsam und leise mitzählend bewegen sich der Mann und die Frau aufeinander zu. Sie drehen sich umeinander, schauen sich tief in die Augen, aus dem CD-Spieler erklingt ein Quickstepp. Mit dem letzten Akkord dreht das Paar noch eine Pirouette, dann kommen die zwei Rollstühle zum Stehen. Geschmeidig leicht, synchron und rhythmisch wirkt es, wenn Karina Domaschke (30) und Lars Bernhard (24) sich gemeinsam auf dem Tanzboden bewegen.

Die beiden besuchen von Montag bis Freitag die Cottbuser Behinderten-Werkstatt "Hand in Hand". Freitags beginnt für sie und drei weitere Rollifahrer der Tag sportlich. Von 7.30 Uhr bis 8.30 Uhr ist Tanzen angesagt. Dann drehen sich die fünf gemeinsam mit ihrer Trainerin und Mitarbeiterin bei "Hand in Hand", Kerstin Pritschke im Takt von Walzer, Samba, Disko-Fox, Squaredance, Rheinländer. Sogar eigene Choreographien – 20 Tänze – hat die Gruppe bisher in ihrem Repertoire.

Dabei würden nicht einfach irgendwelche Bewegungen gemacht, sondern nach genauen, für den Rollstuhltanz herausgebrachten, Richtlinien getanzt, sagt Kerstin Pritschke.

"Was so leicht aussieht, braucht Jahre der Übung, damit es optimal klappt", berichtet die Trainerin. Besonders der Linoleumbelag des Übungsraumes sei sehr kraftraubend für die Rollifahrer. "Ideal für Rollstuhltanz ist Parkett", erklärt Kerstin Pritschke. Sie selbst muss manchmal als laufender Tanzpartner einspringen. Denn, so die Trainerin, auch solche Tänze, mit einer Person im Rollstuhl und einer laufend daneben, gebe es. Natürlich auch mit festen Regeln. Vom Tanzfieber gepackt wurde die Gruppe 1996 bei den Landesmeisterschaften im Rollstuhltanz in Neubrandenburg. "Wir fuhren als Zuschauer hin. Als wir zurückkamen, wussten wir: Das wollen wir auch machen", so Kerstin Pritschke.

Das Taktgefühl auf die Bewegungen des Rollstuhls zu übertragen, das sei, so Sonja Oberneyer (50), anfangs am schwierigsten gewesen. "Oh ja, das war schwer", erinnert sich Frank Geißler (22) und kichert, sich an lustige Begebenheiten erinnernd, vor sich hin. Denn so ein Reifen ist bekanntlich rund und rollt einfach los. "Den Takt bringt man als Fahrer mit dem Schwung hinein, den man dem Rad mit der Hand gibt", erklärt Karina Domaschke. Dass ihr selbst der Rhythmus eines jeden Liedes unter die Haut geht, beweisen ihr wiegender Oberkörper und nickender Kopf, wenn sie ihrem Rollstuhl Schwung gibt. "In die Augen schauen und lächeln", flüstert sie vor einem Walzer ihrem Tanzpartner Lars Bernhard zu. "Die Jury achtet bei den Landesmeisterschaften nicht nur auf die Schritte, sondern auch auf Ausstrahlung", sagt Sonja Oberneyer.

Spricht die Gruppe von Schritten, dann sind eigentlich "Schläge" gemeint. Karina Domaschke erklärt: "Ein Schlag ist ein Griff zum Reifen." Die Schwierigkeit beim gemeinsamen Tanzen ergebe sich daraus, dass jeder Rollifahrer eine andere Schlaglänge habe und demzufolge etwas weiter oder kürzer rollt. "Dann muss man die Schwächen des anderen ausgleichen", sagt sie mit einem Lächeln in Richtung ihres Tanzpartners Lars Bernhard, dessen Arme etwas länger als die ihren sind. Der bleibt gelassen und schmunzelt vor sich hin, ganz nach dem Motto: Ein Gentleman genießt und schweigt.

Das gute Zusammenspiel der beiden trug im vergangenen Jahr bei den Landesmeisterschaften Früchte. "In der Kategorie Anfänger haben wir den ersten Platz unter 16 Teilnehmerpaaren belegt", sagt Karina Domaschke.

Auch für Sonja Oberneyer und Frank Geißler war 2004 von Erfolg gekrönt. "Wir belegten den zweiten Platz bei den Anfängern", so Sonja Oberneyer. Zum Glück, fügt sie hinzu, stand keine Samba auf dem Wettbewerbsplan. "Die mag sie nämlich nicht", sagt Frank Geißler mit einem schelmischen Seitenblick zu seiner Tanzpartnerin. Warum, wird deutlich, als Kerstin Pritschke eine Samba-CD in die Musikanlage einlegt. Schnelle Rhythmen erfordern schnellere Bewegungen. "Zu schnell für meine kurzen Arme", sagt Sonja Oberneyer und ist dabei etwas außer Atem. Für Frank Geißler ist es dagegen egal, zu welcher Musik er tanzt. "Beim Wettbewerb muss getanzt werden, was vorgegeben wird", spricht aus ihm der Profi.

Der Fünfte im Bunde, Marcel Schiemenz (21), hat leider noch keine Tanzpartnerin gefunden. "Ich springe immer ein und lerne durch Zuschauen", sagt er. Aus Erfahrung weiß er, dass für nicht-behinderte Menschen Rollstuhltanz oft etwas Unvorstellbares ist. "Die lade ich dann ein zuzuschauen, wenn wir mal auf Festen in der Region auftreten", sagt er.

Für dieses Jahr hat sich die Gruppe einen neuen Tanz vorgenommen. "Den Tango", sagt Karina Domaschke und die Vorfreude darauf ist ihr anzumerken. Und natürlich wollen die Rolli-Tänzer auch wieder in Neubrandenburg antreten.

Auf die Abschlussfete freue er sich dabei am meisten, sagt Marcel Schiemenz. "Unter all den tanzenden Rollifahrern fühlt man sich dann ganz normal. Die Behinderung wird einfach vergessen."