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Revolte der Aufmüpfigen

Dieses Keyboard Casio-PT30 ist ab heute in der Subkultur-Ausstellung im Dresdner Albertinum zu sehen.
Dieses Keyboard Casio-PT30 ist ab heute in der Subkultur-Ausstellung im Dresdner Albertinum zu sehen. FOTO: dpa
Dresden. Das Bier floss in Strömen, in jeder Konzertpause tobte der Saal. Der Protest lag förmlich in der Luft. Jörg Schurig

Im Juni 1985 fand in Coswig bei Dresden ein bizarres Festival statt. Unter dem Titel "Intermedia I" traf sich die alternative Kunstszene der DDR. Formationen und Performance-Gruppen wie "Rennbahnband" und "Kartoffelschälmaschine" boten dem begeisterten Publikum ein Programm abseits sozialistischer Kunst. Schon zuvor hatte sich das Clubhaus Coswig als Adresse für ostdeutsche Subkultur einen Namen gemacht. "Es gab hier eine Empfänglichkeit für solche Verrücktheiten", erinnert sich der damalige Mitorganisator Christoph Tannert. Eine Schau im Dresdner Albertinum erinnert nun an die wilden Jahre.

Als junger Kunsthistoriker in der DDR pflegte Tannert eine enge Verbindung zu jenen, die mit dem offiziellen Kulturbetrieb im Arbeiter- und Bauern-Staat weniger oder nichts am Hut hatten. Anfangs hatten die "Intermedia"-Organisatoren nur Maler im Blick. Sie sollten Bilder auf Faltrollos malen, die man in Berlin kaufte und von hier an Künstler in der ganzen Republik schickte. Das Format war auch aus anderen Gründen geeignet. Die Bilder ließen sich gut tarnen - man musste nur das Rollo hochziehen. "Wir haben das Verbot mitgedacht", sagt Tannert. Die Idee habe sich dann wie ein Lauffeuer verbreitet und auch Künstler anderer Sparten angelockt.

Im Westen hatte die Subkultur zu diesem Zeitpunkt schon lange die Wohnzimmer und Keller verlassen. 1981 fand im Westberliner Tempodrom das Festival "Geniale Dilletanten" statt. Bands wie die "Tödliche Doris" oder die "Einstürzenden Neubauten" sorgten für Punk und andere neue Töne. Das Wort "Dilletanten" war bewusst falsch geschrieben. Es avancierte zum Synonym einer Kultur, zu der Attribute wie laut, schrill oder provokativ passen. Hilke Wagner, Direktorin des Dresdner Albertinums, ist sich sicher, dass die Szene im Osten kein Abklatsch der Subkultur im Westen war und eigene Wurzeln besaß. Ohnehin habe man im Osten gegen ganz andere Widerstände ankämpfen müssen.

"Es gibt Ähnlichkeiten, aber auch große Unterschiede", meint Tannert und verweist auf andere Vertriebswege und Auftrittsorte. Während in Westdeutschland die Szene offen agieren und große Hallen anmieten konnte, standen den DDR-Punks zunächst nur Kirchen offen. Tannert will nicht mit Bestimmtheit sagen, dass die ostdeutsche Subkultur politischer war. Durch die Stationierung von Raketen in Ost und West habe es damals hier wie dort eine Politisierung gegeben.

Die Schau im Albertinum blickt auf diese wilden Jahre zurück. Die Ausstellung "Geniale Dilletanten" ist passenderweise in einem Ost-West-Flügel des Gebäudes eingerichtet. Der Besucher kann auch thematisch vom Westen in den Osten gehen oder umgekehrt. Fotos, Bilder, Videos, Plakate, Platten und Covers geben einen Einblick in eine zornige Welt, die manches Mal auch schmunzeln lässt.