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| 14:02 Uhr

Interview
„Die Kunst soll wieder die Hauptrolle spielen“

Zurück im Staatstheater: Hoffnungsträger Dr. Serge Mund. Noch sind einige Stühle neu zu besetzen.  Foto: Marlies Kross
Zurück im Staatstheater: Hoffnungsträger Dr. Serge Mund. Noch sind einige Stühle neu zu besetzen. Foto: Marlies Kross FOTO: Marlies Kross
Cottbus . Der Geschäftsführende Direktor des Staatstheaters Cottbus setzt auf Vertrauen. Bewerbungen für die neue Führung sind schon da. Von Ida Kretzschmar

In Paris erreichte Dr.  Renè Serge Mund, der bereits zweimal Geschäftsführender Direktor am Staatstheater Cottbus war, der Anruf der Brandenburgischen Kulturministerin Martina Münch (SPD). Warum der  70-Jährige ohne zu zögern zusagte, das im krisengeschüttelten Fahrwasser führerlos gewordene Ruder zu übernehmen, erklärt der erfahrene Theaterwissenschaftler und Betriebswirt im RUNDSCHAU-Interview.

Renè Serge Mund, als Sie 2005 vor der Entscheidung standen, Verwaltungsdirektor am Staatstheater Cottbus zu werden, sagten Sie im RUNDSCHAU-Interview, dass eigentlich alles dagegen spricht, dorthin zurückzukehren, wo man schon einmal war. Wie man auch eine Frau nicht zum zweiten Mal heiraten sollte. Warum haben Sie nun zum dritten Mal Ja gesagt?

Mund Ich habe die Ereignisse der vergangenen Wochen mit Bedauern und Entsetzen in den Medien verfolgt. Die Verbindung ist ja nicht abgerissen. So oft wie nur möglich  bin ich zu den Premieren gekommen. Für mich ist dieses Theater ein ganz besonderes, obwohl ich ja auch schon an vielen anderen tätig war. Deshalb habe ich spontan Ja gesagt, ohne lange über die Konsequenzen nachzudenken. Ich kenne das Haus, ich kenne viele der Mitarbeiter. Und mir wurde gesagt, dass viele von ihnen diese Entscheidung begrüßen. Das spüre ich auch, wenn ich hier unterwegs bin. Ich suche das Gespräch in kleinerem Kreis. Vollversammlungen gab es hier erst einmal genug. Ich mache natürlich auch klar: Dass ich jetzt hier bin, damit sind die Probleme noch lange nicht behoben: Ich brauche die Unterstützung aller Sparten und Mitarbeiter, der Leiter und Personalräte. Jedenfalls freue ich mich, hier zu sein, und ich habe sogar schon eine Wohnung in Cottbus.

Kurzfristig musste Martin Roeder seinen Stuhl räumen, Martin Schüler kündigte schon vorher den Rücktritt von all seinen Ämtern zum Spielzeitende an. Müssen Sie bald gleich zwei Jobs bewältigen?

Mund Formal rechtlich habe ich einen befristeten Vertrag für zwei Monate als Geschäftsführender Direktor, unterzeichnet von der Kulturministerin mit Zustimmung des Stiftungsrates. Dieser kam so schnell zustande, um den Betrieb handlungsfähig zu halten. Der Folgevertrag muss noch im Juli ausgehandelt und vom Stiftungsrat genehmigt werden. Ich denke, es braucht etwa zwei Jahre, um die künstlerische und geschäftliche Seite abzusichern.

Wie lässt sich denn Kunst und Kommerz vereinbaren?

Mund Das war immer meine Aufgabe an Theatern. Mir geht es darum, von den vorhandenen, begrenzten Mitteln so viel wie möglich für die Kunst einzusetzen und nicht für Nebensächlichkeiten. Etwas versprechen und hinterher zurückrudern ist meine Sache nicht. Das gibt den Künstlern den notwendigen Spielraum. Manchmal muss man natürlich auch sehen, wo man sparen kann.

Sie sind als kühler Rechner bekannt. Werden Sie an der Kunst sparen müssen, um eventuelle Forderungen des gekündigten Verwaltungsdirektors und des Generalmusikdirektors, dessen bis 2024 laufender Vertrag aufgelöst werden soll, zu erfüllen? Wie viel kostet dieses Drama das Staatstheater? Oder wer wird es bezahlen?

Mund Auf jeden Fall werden Kosten entstehen. Im Moment kann ich noch nicht sagen wie viel.  Im schlimmsten Falle entscheiden das die Gerichte, weil davon auszugehen ist, dass sowohl Evan Christ wie auch Martin Roeder gerichtlich vorgehen werden. Wenn die Forderungen bis Vertragsende gehen, das kann das Theater allein nicht bewältigen.

Sie haben 2011 um die Auflösung Ihres Vertrages gebeten, weil Sie die Sparvorstellungen in Potsdam nicht mittragen konnten. Werden Sie wieder versuchen, dem Kulturministerium etwas abzutrotzen, wenn nötig?

Mund Wenn es nötig ist, äußere ich unumwunden meine Meinung. Das ist einerseits meine Stärke, andererseits vielleicht meine Schwäche. Aber ich bin ja auch Martin Roeders Nachfolger als Vorstandsvorsitzenden der Kulturstiftung geworden. Da kann ich mir außerdem Gehör verschaffen. Natürlich hoffe ich auf Unterstützung. Um diese nach­drücklich zu bitten, auch dafür werde ich bezahlt.

Wie hat Sie Martin Schüler empfangen?

Mund Sehr herzlich. Er hat eine sehr schwerwiegende Entscheidung getroffen. Für die er selbst einen hohen Preis bezahlt. Ich habe versucht, sie ihm auszureden, aber er hält daran fest. Das muss man respektieren. Auch, dass er in der nächsten Spielzeit in Cottbus nicht präsent sein will, ist seine alleinige Entscheidung.  Ich schätze ihn als Menschen, als Intendanten und Operndirektor. Daran hat sich nichts geändert. Und ich kann sehr gut nachvollziehen, wenn er ein Sabbatjahr machen will. Das hat mir auch des Öfteren gut getan.

Demut vor der Kunst, Respekt vor den Mitarbeitern und Expertenwissen wurde Ihnen in Ihrer vergangenen Amtszeit in Cottbus bescheinigt. Welches Ihrer Talente wird jetzt besonders gefragt sein?

Mund Wichtiger ist es mir zu sagen, was das Staatstheater jetzt am nötigsten braucht: Ruhe, Zuversicht und Vertrauen. Und dafür will ich meine Erfahrungen einsetzen. Kunst soll wieder die Hauptrolle spielen. Auch das Publikum erwartet, dass wir uns damit beschäftigen, wofür wir Steuergelder bekommen. Auch hier heißt es, Vertrauen zurückzuerobern. Eine Krise schwächt die Konzentration, hindert, sich mit dem Wesentlichen zu beschäftigen. Aber sie birgt auch Chancen für einen Neuanfang, bei dem wir das Publikum mitnehmen wollen.

Wie lässt sich ein Führungsteam finden, das wieder für künstlerische Paukenschläge sorgen kann?

Mund Die Stiftung wird wohl in Fachblättern Anzeigen für die entsprechenden Stellen schalten und danach eine Findungskommission einsetzen. Realistisch ist, dass das Führungsteam in der übernächsten Spielzeit steht.

Es soll schon Bewerbungen geben.

Mund Namen habe ich leider vergessen. ich will da keinen vor der Zeit verbrennen. Wahr ist, dass etwa ein halbes Dutzend Bewerbungen schon auf meinem Schreibtisch liegen. Bisher ist noch keine Frau darunter.

Halten Sie es denn für zeitgemäß, eine Intendantin oder einen Intendanten als Alleinherrscher einzusetzen?

Mund Eine Variante wäre, einen  Intendanten zu suchen, der wieder gleichzeitig Operndirektor wird. Die andere Variante, die auch zunehmend an anderen Theatern praktiziert wird, ist ein Theaterdirektor, eine Art Generalintendant, der die Fäden zwischen den Sparten knüpft. Ein Theatermanager würde mir gefallen. Aber im Moment bin ich da leidenschaftslos. Beide Varianten haben Sinn und Verstand. Letzlich hängt das Gelingen immer von den Menschen ab.

Wird uns denn nun das Theater zur 1. Cottbuser Walzernacht am 29. Juni in einen angenehmen Schwebezustand versetzen?

Mund Davon gehe ich aus. Das Wetter muss natürlich mitspielen. Das Theater jedenfalls spielt mit. Alexander Merzyn und Christian Möbius werden dirigieren. Ob ich allerdings tanzen werde, das halte ich lieber noch in der Schwebe.