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| 14:36 Uhr

Lausitzer Lesart in Cottbus
Reinhard Stöckels Begegnung mit verlorenen Urprüngen

Reinhard Stöckel schreibt Romane, Kurzgeschichten, Theaterstücke und Kinderbücher. Am 25. Oktostellt er „Der Mongole“ in Cottbus vor.
Reinhard Stöckel schreibt Romane, Kurzgeschichten, Theaterstücke und Kinderbücher. Am 25. Oktostellt er „Der Mongole“ in Cottbus vor. FOTO: Hella-Kiss
Cottbus/Maust . Der Schriftsteller aus Maust hat einen beeindruckenden Roman geschrieben über Wurzeln, Wölfe und Widerton. Von Ida Kretzschmar

Der Mongole“ ist Radiks Schreckgespenst aus Kindheitstagen. Eine immer wiederkehrende Warnung des Großvaters. Als Radik, erwachsen geworden, im Jahr 2025 in die Lausitzer Moorlandschaft zurückkehrt, um Wölfe zu orten, begegnet er nicht nur seiner heimlichen Leidenschaft, dem seltenen Sonnentau, sondern auch dem Mongolen. Was Radik auf der Suche nach Wölfe findet, sind auch Wurzeln und Widerton.

„Widerton ist ein althochdeutscher Begriff der scheinbar aus dem Reich der Mythen stammenden Pflanze Sonnentau“, beschreibt es Reinhard Stöckel, der seinen taufrischen Roman „Der Mongole“ am 25. Oktober in Cottbus in der Lausitzer Lesart vorstellt.

Poetisch, zugleich fesselnd, erdnah und leicht satirisch angehaucht kommt auch seine Utopie daher, „Düsterie“, wie er sie nennt. Da schwirren schon mal Drohnen mit Einkaufstaschen durch die Luft. „Dass mein Roman in der Zukunft spielt, ist eine Notlösung“, gibt er zu: „Aber es hat Spaß gemacht, einen Gegensatz herzustellen zu dem traditionellen Leben in dem Lausitzer Dorf und dieser mystischen Landschaft mit dem schwankenden Rasenboden, dem ich mich selbst in der Lieberoser Heide ausgesetzt habe“, schildert er.

Die Zukunft aber schenkte ihm beim Schreiben ein Stück Freiheit. Sein Held, in den Wirren der 90er-Jahre geboren, konnte so schon etwas reifer sein. Ihn begleitet der Erzähler, auf einen Satz Peter Sloterdijks verweisend, bei der „Wiederbegegnung mit seinen verlorenen Ursprüngen.“ Dabei ist dem Autor wichtig: „Jeder Mensch verdient es, als Mensch verstanden zu werden, nichts ist nur Schwarz oder Weiß, die Schattierungen gilt es zu finden.“

Spätestens bei der Lesung in der Cottbuser Stadt- und Regionalbibliothek wird auch klar: Der Mongole ist genau genommen ein Tuwiner. „Inspiriert hat mich zu dieser Figur auch der Schriftsteller und Schamane Galsan Tschinag“, erzählt Reinhard Stöckel, der in Maust, nur ein paar Fahrradlängen von Cottbus entfernt, lebt. „Es hat mich fasziniert, wie beseelt die Natur von dem Volk der Tuwa wahrgenommen wird.“ Er habe viel in den Forschungsarbeiten von Anett Oelschlägel darüber gelesen und in den poetischen Texten von Galsan Tschinag.

Stöckels Buchheld hat an seine Heimat und an die Tiergeister nur eine nebulöse Erinnerung. „Die Wölfe, so glaubt er, sind ihm gefolgt in die Lausitz.“ Als Deserteur versteckt er sich in den Wäldern, wo sich eine Liebesgeschichte mit einer Deutschen entspinnt. Wer mag da an ein Happy End glauben?

„Eine Geschichte über einen sowjetischen Deseurteur – diese Idee habe ich schon lange mit mir herumgetragen“, verrät Stöckel. Bei der NVA hatte es zu seinen Aufgaben gehört, Deserteure der Sowjet­armee wieder einfangen zu helfen. Schon damals fragte er sich: Was wird aus den Entlaufenen? Wohin treibt es sie, zurück nach Osten oder nach Westen? Nach der Wende hatte eine Historikerin dazu geforscht, und dann war Stöckel, der selbst, der Natur nah, mit seiner Familie in einem Holzhaus lebt, auf das Volk der Tuwa und seine Naturreligion gestoßen. „So fügt sich beim Schreiben Puzzle an Puzzle“, spricht er von einem Prozess, der ihm eine andere Existenzform ermöglicht: „Als Autor kann man mit den Figuren leben, in einer virtuellen Welt, ganz ohne Technik.“

Die Suche nach den eigenen Wurzeln aber hat ihn schon in seinem viel beachteten Roman „Der Lavagänger“ beschäftigt, der 2006 im Aufbau-Verlag erschien. „Ohne Wurzeln gibt es keine Flügel“, weiß Stöckel. „Sich ihrer zu vergewissern ist hilfreich, gerade in dieser Zeit der Verunsicherung, des Klimawandels im doppelten Sinne“, glaubt er.

Die Literatur hatte Stöckel, Jahrgang 1956, erst während der Armeezeit richtig entdeckt. In der Kindheit gab es zwar schon Robinson Crusoe, danach aber galt lange nur die Musik. Dann aber kam er mit Hermann Hesse in Verbindung, begann, Gedichte zu schreiben, Notate, Aphorismen. Und obwohl ihm schon ein Studienplatz in der Landwirtschaft sicher war, wusste er: „Ich möchte zu den Büchern.“ So nahm er von Erfurt aus ein Fernstudium am Leipziger Literaturinstitut auf.1989 kam er nach Cottbus. Er arbeitete in der Bibliothek, landete schließlich in der IT-Branche. Oben in der Schreibstube im Mauster Holzhaus, weitab von den engen Betonwänden der einstigen Wohnung in Cottbus-Sachsendorf, aber spielt die Literatur weiterhin die Hauptrolle. Abgesehen von seiner Familie natürlich.

Aufgewachsen ist er in einem kleinen Dorf, damals zu Thüringen gehörend. Die Erdachse wird dort vermutet. Davon wird auch in seinem nächsten Roman die Rede sein. „Das Dorf als Mittelpunkt der Welt wie für jedes Kind“, sinniert der Autor. „Kupfersonne“ ist der Titel dieses Romans, an dem er schon sein Leben lang schreibe, bekennt Stöckel. Ein Blick zurück.

Mit „Der Mongole“ aber ist er zunächst noch einmal vorgeprescht ins Jahr 2025. Wie stellt er sich dann die Welt nun tatsächlich vor? „Die Welt steht auf der Kippe. Aber wer Kinder hat, muss nach Hoffnung Ausschau halten. Kommunismus oder Barbarei hat Marx gesagt. Der Kommunismus ist in die Hose gegangen. Womöglich bekommen wir die Kurve noch vor der Barbarei“, hofft er, wobei seine Wünsche auch durchaus konkret sind: „Eine Tesla-Fabrik in Jänschwalde und Blühstreifen in Cottbus – als nun wirklich mal blühende Landschaften für die Menschen und auch für die Insekten.“

Reinhard Stöckel: Der Mongole. Muery-Salzmann-Verlag, 224 Seiten, 19,99 Euro.
Reinhard Stöckel: Der Mongole. Muery-Salzmann-Verlag, 224 Seiten, 19,99 Euro. FOTO: Verlag Muery Salzmann