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Reines und glühendes Pathos

Beifall für die Solistin des Abends, Sabine Meyer. Foto: Kross
Beifall für die Solistin des Abends, Sabine Meyer. Foto: Kross FOTO: Kross
Cottbus. Die Ankündigung des 3. Philharmonischen Konzertes am Staatstheater Cottbus versprach die Bravheit selbst: ein Tripelkonzert mit so „aufregenden“ Instrumenten wie Bratsche, Oboe d'amore und Cembalo, das Klarinettenkonzert A-Dur von Mozart und eine Beethovensinfonie. Von Irene Constantin

Dirigent Evan Christ - das musste allerdings selbst für ein derart klassisches Programm aufhorchen lassen.

Das Tripelkonzert war der durchgehende Orgelpunkt jedes Cottbuser Konzertprogramms, die Uraufführung. Das Werk von Detlef Heusinger trägt den Titel “Landschaft im Osten„. Es beginnt mit äolischen Tönen, mit einem raschen Flötengemurmel, zerbrochenen Seufzern der Bläser. Immer wieder hört man metallische Klänge, eisenhart schreiende und pfeifende Geräusche. Die drei Solisten kontrastieren diese aufgerissenen, geborstenen Töne mit Heimeligkeit und Eleganz. Gemütlich üben sich Cembalo und Harfe mit barockartigen Abläufen, die Oboe d'Amore versucht immer wieder eine Kantilene, die Bratsche gibt etwas spätbürgerliche Eleganz hinzu.

“Heimatlied„ für Cottbus

Heusinger schreibt, dass ihn Filme und Bilder der Industrie- und Bergbaulandschaft in und um Cottbus ebenso inspiriert hätten wie Jugendstilvillen, Kirchen und die Häuser am Alten Markt. Man kann diese Assoziationen mühelos hörend erfassen.

Mit Heusingers “Landschaft im Osten„ ist nach Georg Katzers “Für Luise„ nun schon des zweite anspruchsvolle “Heimatlied„ für Cottbus entstanden. Es wäre an der Zeit, über eine unterhaltsame CD-Einspielung mit all den 5-Minuten-Uraufführungen nachzudenken, die exklusiv für das Philharmonische Orchester entstanden sind. Welches andere Orchester verfügt schon über eine solche Privatsammlung von Partituren?

Die Solistin des Abends war ein Weltstar, die Klarinettistin Sabine Meyer. Mozarts Klarinettenkonzert A-Dur, vielleicht das letzte, das er überhaupt vollendet hat, ist von klassischer Makellosigkeit. Das Orchester gibt dem oft gedeckt klingenden Soloinstrument einen transparenten, dennoch präsenten Klanghintergrund. Die Soloklarinette wird virtuosenwürdig in allen Klangregistern vorgestellt, immer wieder vermischt Mozart aber den Solo- und Orchesterklang, arbeitet mit den Motiven, entspinnt einen wirklichen Dialog zwischen Solo und Tutti.

Schlank beseelter Ton

Evan Christ ließ das Orchester zart beginnen, im weiteren Verlauf aber doch herzhaft zugreifen. Er versuchte gar nicht erst, seinem “modernen„ Orchester einen “historischen„ Klang zu aufzudrücken. Vielmehr ließ er mit schlank beseeltem Ton musizieren, nutzte aber die Erkenntnisse der Originalklangorchester in Sachen musikalischer Logik. Sabine Meyer griff diesen Ton auf. Ihre lang ausgesponnenen Klangbögen waren natürlich, sie sang und atmete mit dem Fluss der Musik. Das Adagio des 2. Satzes ist ein Zauberwerk des leisen und doch klanggesättigten Spiels, ein schier endloses Lied für die Soloklarinette. Auch hier begeisterte vor allem das absolut Ungekünstelte der Interpretation. Der Schlusssatz kommt als harmloses Rondo daher, entpuppt sich aber als groß angelegter Sinfoniesatz mit einer anspruchsvollen Verarbeitung des Themas. Er bot der Solistin eine große Gelegenheit, virtuose Leichtigkeit und musikalische Tiefenschärfe perfekt in Einklang zu bringen.

Hauptstück und Abschluss des Konzerts war Beethovens 3. Sinfonie, die den Beinamen “Eroica„ trägt. In den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts, die Sinfonie entstand 1803/04, konnte man mit dem Thema des Helden oder des Heldischen noch ohne Ironie und faden Beigeschmack umgehen. Es erlaubte reines und glühendes Pathos. Ohne dem Werk allzu viel Biografisches beizumischen, kann man doch feststellen, dass sich Beethoven selbst ein wenig in der Heldenrolle fühlte. 1802 entstand sein Heiligenstädter Testament, in dem er sich überwindet, das Schicksal des Ertaubens anzunehmen, einen Selbstmord endgültig ausgeschlossen hat.

Das Pompöse genommen

Als Sympathisant der französischen Revolution bekannt, glaubte man auch, Beethoven hätte Napoleon ein gewaltiges Klangdenkmal schaffen wollen. Ein weiterer möglicher Held ist der antike Prometheus, der Erschaffer des Menschengeschlechts. Zumindest im Schlusssatz verwendet Beethoven ein Thema aus seinem Ballett “Die Geschöpfe des Prometheus„. Evan Christ nahm dem “Helden„ in seiner Interpretation alles Pompöse und Repräsentative. Er ließ ihm die ungeheure Kraft seiner Muskeln, Sehnen, Knochen. Es war auch nicht der kleinste Anklang an musikalischer Abpolsterungen, an Kompromiss, Gemütlichkeit und Geschmeidigkeit zu hören. Der erste Satz war ein Abenteuer thematischer Verwandlungen und klanglicher Extreme, der Trauermarsch führte in tiefste Abgründe und höchste Tröstungen, selbst im Scherzo des 3. Satzes mischten fanfarenartige Hörner die muntere Idylle auf. Das Finale bot dann eine Helden-Vergöttlichung zum Zähnezusammenbeißen. Evan Christ schenkte den Zuhörern nichts. Sie dankten es ihm begeistert. ico1