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| 18:27 Uhr

Kommentar: Brandenburg umwirbt polnische Lehrer
Reichlich unsensible Nachbarn

Man stelle sich vor, Polens Bildungsministerin ließe in Brandenburg Flyer verteilen, mit denen hiesige Lehrer für einen Job im Nachbarland abgeworben würden. Von Dietrich Schröder

Natürlich mutet dies absurd an, solange Pädagogen hierzulande das Dreifache verdienen wie im Nachbarland.

Aber was für ein Echo würde solch ein Werben hervorrufen? Umgekehrt erscheint es der Potsdamer Bildungsministerin dagegen als normal.

Zweifellos hat jeder EU-Bürger  das Recht auf  freie Wahl seines Arbeitsplatzes. Fast zwei Millionen Polen haben deswegen seit 2004 ihr Land verlassen.

Oft waren das Fachkräfte wie Ärzte, Ingenieure oder Handwerker. Doch auch ohne die vielen weniger qualifizierten Polen würden zahlreiche Güterverteilcenter, Pflegeeinrichtungen oder Reinigungsunternehmen in Berlin und Brandenburg kaum existieren können.

Andererseits spüren Obst- und Gemüsebauern seit Jahren, dass die alte Regel, laut der Polen bereit sind, körperlich schwere Arbeit wie etwa das Spargelstechen für relativ wenig Geld zu verrichten, immer weniger funktioniert.

Warum sollte man also nicht polnische Lehrer für gut bezahlte Jobs in deutschen Schulen werben?

Die erste Antwort lautet, dass Bildung eine Aufgabe des Staates ist und nicht des Marktes. Und dass sich hiesige Politiker deshalb in erster Linie Gedanken machen müssen, wie der Lehrerberuf so gestaltet werden kann, dass er für Einheimische attraktiv ist.

Die zweite Antwort ist, dass man als Brandenburger Landesregierung durchaus wissen könnte, dass auch in Polen Fachlehrer dringend gebraucht werden. Und dass dort gerade erst im Frühjahr Zehntausende Lehrer in den Streik getreten sind, um eine bessere Anerkennung ihres Berufs und eine angemessenere Bezahlung zu erreichen.

In so einer Situation mit Gehältern in Brandenburg zu winken, wirkt da reichlich unsensibel, zumal, wenn es von einer sozialdemokratischen Bildungsministerin kommt.

Zur Ehrenrettung des Ministeriums sei gesagt, dass eine ganze Reihe der 122 Polen, die derzeit an hiesigen Schulen arbeiten, aufgrund langfristiger Vereinbarungen mit Hochschulen in Stettin, Posen und Zielona Góra hierher gekommen sind. Und dass ein Teil von ihnen auch schon während des Studiums zum Praktikum in Brandenburg war.

Trotzdem fällt auf, dass zwar Polen als Lehrer für Mathematik und Naturwissenschaften gesucht werden, obwohl es am naheliegendsten wäre, wenn man Muttersprachler für den Polnisch-Unterricht suchte. Gerade in dieser Richtung erweist sich das Potsdamer Bildungsministerium aber als nicht besonders aktiv, sondern gibt sich damit zufrieden, dass nur jeder Hundertste junge Brandenburger Polnisch lernt.

Als Begründung wird geringes Interesse der Eltern vorgeschoben, dabei resultiert dieses auch aus den nicht vorhandenen Angeboten. Eine Eltern-Initiative für eine zweisprachige Schule in Frankfurt (Oder) kämpft seit Jahren um Unterstützung aus Potsdam. Bisher ohne Erfolg.

Sicher ist dagegen: Das Werben um polnische Lehrer wird das Personalproblem an brandenburgischen Schulen nicht lösen.