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| 15:48 Uhr

Vor der Premiere
Das Selbstverständliche immer wieder infrage stellen

Dominic Friedel bei der Probe mit den Kindern. Foto: Steffen Rasche
Dominic Friedel bei der Probe mit den Kindern. Foto: Steffen Rasche FOTO: Steffen Rasche / Rasche FOTOGRAFIE
Senftenberg. Aktueller denn je: Der Regisseur von „Sterne über Senftenberg“ inszeniert nun an der Neuen Bühne „Europa verteidigen“. Von Heidrun Seidel

Mit „Europa verteidigen“ des Dramatikers  Konstantin Küspert hat am 3. März ein Stück Premiere, das dem Neue-Bühne-Motto der Spielzeit 2017/18 „Sehnsucht Europa“ entsprechend, ein hochaktuelles Thema berührt: Was bedeutet Europa für uns heute? Trutzburg, Oase hinter Stacheldraht, eine Idee, die es zu verteidigen gilt? Im Gespräch mit der RUNDSCHAU erzählt Regisseur Dominic Friedel seine Sicht auf die Dinge.

„Europa verteidigen“ ist ein Titel, der so klingt, als gehe es um Mauern bauen, Stacheldrähte ziehen, Grenzen dicht machen. Oder?

Friedel Ich hatte beim ersten Lesen eine andere Assoziation – die Idee von Europa verteidigen. Was eigentlich meint Europa, was bedeutet es für mich? Ist das eine geografische Einheit oder eher ein ideelles Prinzip? Ist es etwas, das begrenzt und beschränkt werden kann und will, oder eine Idee von solchen Dingen wie Gemeinsamkeit, Menschlichkeit, Miteinander, Grenzen anzunehmen und zu überwinden, von dem ich mir eher wünsche, dass sie nicht nur auf eine bestimmte geografische Einheit dieses Planeten begrenzt bleibt?

Wie erzählen Sie das?

Friedel Konstantin Küspert hat in seinem Theaterstück drei Erzählstränge vereint: die Mythologie, in der König Agenors Tochter Europa von Göttervater Zeus, der sich, um sie zu täuschen, in einen schönen Stier verwandelt, aus Phönizien, interessanterweise dem heutigen Syrien und Libanon, nach Kreta entführt und dort vergewaltigt wird. Ein zweiter Strang reiht einzelne historische Stationen Europas aneinander, an denen europäische Werte zu unterschiedlichen Zeiten auf unterschiedliche Art und Weise und aus unterschiedlichen Motiven verteidigt wurden. Römer, Wikinger, Kreuzzügler, deutsche Kolonialherren in Namibia, Nationalsozialisten, alle bezogen sich auf sogenannte europäische Werte. Und schließlich beschreibt ein dritter Strang unterschiedliche zeitgenössische Sichten, Positionen, Blickwinkel auf Europa.

Das hört sich anspruchsvoll an. Sie inszenieren, statt wie bei Küspert angegeben mit fünf Schauspielern, das Stück mit zwei Schauspielern und zehn Kindern. Warum?

Friedel Europa ist ein so großes Thema, da fällt es mir sehr schwer, die eine Aussage zu treffen oder die eine Antwort zu geben. Zumal ich grundsätzlich meine Aufgabe als Regisseur nicht darin sehe, eineindeutig zu formulieren: „So ist es!“, sondern eher solche Eineindeutigkeiten infrage zu stellen. Gerade bei solchen Themen wie Europa habe ich bei so vielem, was ich dazu lese, sehe oder höre, das Gefühl: Weiß ich doch. Wenn ich diese „erwachsenen“ Selbstverständlichkeiten aber aus Kindermund höre, höre ich plötzlich hin, als hörte ich das zum ersten Mal. Irgendwie verliere ich die sonst so erwachsene souveräne Position des „Weiß ich doch alles“. Gleichzeitig erlebe ich in der Arbeit mit Kindern auch eine andere Perspektive auf meine Macht und Verantwortung als Regisseur. Als Erwachsener hätte ich gewissermaßen nochmal mehr Macht über die Kinder als über erwachsene Schauspieler, aber ich habe bei Kindern eben auch nochmal viel mehr Verantwortung. Das ist zwar grundsätzlich nicht anders als in der Arbeit mit erwachsenen Schauspielern, aber ich erlebe diesen Zwiespalt zwischen Macht und Verantwortung – gefühlt um einiges potenziert. Genau wie in der Arbeit mit Erwachsenen interessiert es mich nicht, diese Macht dazu zu benutzen, ihnen meine Fantasie überzustülpen, sondern in der gemeinsamen Arbeit für jeden einen richtigen Platz und eine gute Aufgabe zu finden. Und irgendwie hat diese Arbeitsweise für mich auch wieder etwas mit Europa zu tun: Wie gehen wir miteinander um? Wie gehen mächtige Länder mit weniger mächtigen um? Wie ist es möglich, eine Gemeinschaft zu etablieren und darin Verantwortung zu übernehmen?

Die Kinder sind zwischen acht und zwölf und wohnen in Senftenberg und Umgebung. Wie kommen sie mit dem Inhalt des Stückes zurecht?

Friedel Natürlich haben wir, bevor wir vor sieben Wochen zu proben begonnen haben, viel darüber gesprochen – und tun es immer noch. Zweitklässler haben in der Schule noch nichts über Kolonialismus, die Kreuzzüge, Nationalsozialismus gelernt. Auch eine so gerade grundsätzliche Debatte wie die über Flucht und Migration ist für sie jetzt eher noch kein Thema. Doch die Kinder fragen mich und hinterfragen damit auch meine Sicht, derer ich mir oft so sicher scheine. Ich mag es, anders auf die Dinge zu gucken, die mir eigentlich ganz selbstverständlich scheinen und solche Selbstverständlichkeiten vielleicht wieder infrage zu stellen. Auch deshalb ist es ein Geschenk, mit Kindern arbeiten zu dürfen. Und vielleicht überträgt sich das ja auch auf die erwachsenen Zuschauer, denn es ist ein Stück für den ganz normalen Spielbetrieb, kein Theaterabend nur für Kinder.

Der Autor sagte in einem Interview, dass derzeit Europa kontinuierlich demontiert werde, dabei gibt es mit der EU zum ersten Mal eine Konstruktion, die gerade Leuten, die es demontieren, nämlich den nach 1945 Geborenen, ermöglicht hat, ohne Krieg das Rentenalter zu erreichen. Warum ist das Ihrer Meinung nach so?

Friedel Da gibt es sicherlich nicht die eine Erklärung, die das alles erklärt. Zumindest weiß ich sie nicht. Und wie gesagt, stelle ich auch lieber Fragen als so eindeutige Antworten zu geben. Mir stellt sich gerade oft die Frage, ob es bei der ganzen Wut und dem Frust wirklich um Europa geht. Vielleicht sind solche Wut-Themen wie Europa oder Flucht und Migration auch „nur“ Ventile für eine andere Unzufriedenheit, eine andere Frustration, die aber nicht verbalisiert wird, weil daraus Fragen entstünden, die das System, auf dem unser Wohlstand beruht, so grundsätzlich infrage stellen müssten, dass die Wut und der Frust lieber auf andere Themen geleitet wird.

Wir sind auf der Insel der Glück­seligen, unser Wohlstand über Tausende von Jahren auf dem Leid anderer Menschen erkauft, sagt  Küspert, und wir dürfen es nicht zulassen, dass die Werte, die sich Europa auf die Fahnen geschrieben hat, also Menschlichkeit und Miteinander, mit den Schlauchbooten im Mittelmeer versinken. Jeder muss Verantwortung übernehmen. Aber wie?

Friedel Da weiß ich leider keine Antwort drauf zu geben und kann nur auf Gottfried Benn verweisen, der über die Aufgabe der Kunst sagte: „Wir sind der Schmerz und nicht die Ärzte.“

Mit Dominic Friedel
sprach Heidrun Seidel.

Die Premiere von „Europa verteidigen“ ist am Sonnabend um 19.30 Uhr in der Studiobühne des Senftenberger Theaters. Weitere Vorstellungen am 9. und 14. März und am 20. April. Karten in der Theaterkasse unter Telefon: 03573 801286, unter www.theater-senftenberg.de oder in den bekannten Vorverkaufsstellen.