| 01:32 Uhr

Regisseur Christoph Schroth erhält am Sonntag im Staatstheater Cottbus das Bundesverdienstkreuz

Cottbus. Der Regisseur Christoph Schroth, über zehn Jahre bis 2003 Intendant des Staatstheaters Cottbus, erhält am morgigen Sonntag in Cottbus das Bundesverdienstkreuz am Bande. Überreicht wird es von Kulturministerin Martina Münch (SPD). Die Laudatio hält Schroths Nachfolger, Intendant Martin Schüler. Die Ehrung findet innerhalb eines Festkonzertes zum Tag der Deutschen Einheit mit Beethovens IX. Sinfonie statt. Von Renate Marschall

Ein Tag, der so recht zu Schroth passt, wenngleich nicht auf den ersten Blick. Er hat sich als Theatermann an dem Einig Vaterland abgearbeitet – kritisch. Genau hingesehen, was da zusammenwächst – wo es wuchert und wo es kümmert.

Als Christoph Schroth nach Cottbus kam, hatten die Leute noch jede Menge zu tun mit der Ankunft in der neuen Wirklichkeit. Das Theater auch. War es vor der Wende Ort lebhaften Austausches, der offenen Worte in einem sprachlosen Land, hatte es diese Funktion verloren, als man über Nacht fast überall alles sagen konnte. Die gewonnene Freiheit hatte Theater scheinbar überflüssig gemacht.

Schroth kam als Suchender nach Cottbus, wo ihn ein engagiertes Ensemble mit vier Sparten hoffnungsvoll erwartete. Theater für die Leute wollte er machen und das erwies sich schon bald als wichtiger denn je: Sich sammeln, nachdenken über Gewesenes, zu Bewahrendes und zu Verurteilendes und in die Zukunft zu schauen, die doch nicht nur D-Mark und Bananen bedeuten konnte. Schroth, der in Berlin am Maxim-Gorki-Theater, an der Volksbühne und am Berliner Ensemble sowie in Halle gearbeitet hatte, knüpfte hier an seine legendäre Intendanz am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin an. Von 1974 bis 1989 war Schwerin ein Pilgerort für Theaterbegeisterte und Unangepasste. Hier wurde auf der Bühne verhandelt, was den Menschen auf der Seele brannte. Hier wurde der real existierende Sozialismus befragt, ob er denn wirklich einer sei. Ein Kracher Christoph Schroths Faust-Inszenierung 1979, bei der der Eiserne Vorhang geschlossen blieb. Gespielt wurde davor. 107 ausverkaufte Vorstellungen.

Eine Schweriner Erfindung Christoph Schroths waren die „Entdeckungen“, thematische Theaterabende mit mehreren Inszenierungen und Eventcharakter – würde man heute sagen. In Cottbus knüpfte der Theatermann daran an, rief die Zonenrand-Ermutigungen ins Leben. Der Name war Programm. Bis zu 16 Inszenierungen, nicht selten Uraufführungen darunter mit Spielorten bis zur Toilette, ließen das Ensemble die Grenzen der Belastbarkeit überschreiten und die Zuschauer jubeln. Da wurde Herr Brecht beim Wort genommen, die Antike zum aktuellen Schauplatz und „Utopien?!“ beharrten auf ihre Notwendigkeit, fragten aufsässig wohin?

Schroth war und ist keiner, der es den anderen leicht macht. Sich selbst ja im Übrigen auch nicht. Sein Theater ist politisch, aber nicht sauertöpfisch, kopflastig und verbissen. Spaß muss es machen. Zum Lachen und Weinen will Schroth die Menschen bringen, lustvoll und manchmal lustig die Widersprüchlichkeit der Welt erfragen und so die Zuschauer als mündige Partner gewinnen.

Martin Linzer, bis 2003 Theaterkritiker der Lausitzer Rundschau, der Schroth über Jahrzehnte begleitete, schrieb über ihn beim Abschied in Cottbus: „Will man ein paar Kriterien andeuten, die für Schroths Theater prägend sind, so könnte man sagen: Für ihn ist das Publikum immer wichtiger als das Feuilleton, das künstlerische Handwerk wichtiger als der ‚Einfall' (an Fantasie fehlt's ihm trotzdem nicht), das Ensemble wichtiger als der Star . . .“

Theater ist sein Leben – bei Christoph Schroth ist das keine Floskel. Zu Hause erreicht man ihn fast nie: „Er inszeniert ja schon wieder“, sagt seine Frau. In Neustrelitz „Kabale und Liebe“. Das „schon wieder“ bezieht sich darauf, dass der 73-Jährige ja gerade erst mit dem Stück „Die Kröte“ beim 7. GlückAufFest in Senftenberg Premiere feierte. Um die große Kraft der Liebe und um Menschlichkeit geht es darin. Zwei Dinge, die für Schroths Schaffen sinngebend sind. Ohne tiefes Vertrauen in das Gute im Menschen und Hoffnung auf eine menschlichere Welt könnte er – ein unverbesserlicher Weltverbesserer – nicht diese künstlerischen Spuren hinterlassen.

Thomas Harms: Zum ersten Mal bin ich Christoph Schroth als Zuschauer begegnet während meiner Lehrzeit. Er hatte im Schweriner Theater die „Entdeckungen“ erfunden, die mich so in ihren Bann zogen, dass ich beschloss, Schauspieler zu werden. Beim zweiten Mal stand ich schon auf der Bühne in seiner Inszenierung „Blaue Pferde auf rotem Gras“ von Schatrow am Berliner Ensemble. Damals war ich noch Schauspielstudent und Schroth hatte unsere ganze Klasse auf die Bühne geholt. Beim dritten Mal saß er dann als Chef vor mir – fünf Studenten aus der „Blauen-Pferde“-Truppe hatte er nach Schwerin geholt, ich war einer. Später kam ich zu Schroth nach Cottbus. Die Geschichten, die Schroth auf dem Theater erzählt, sind immer absichtsvoll, nie belanglos. Und dafür ist er auch bereit, zu kämpfen. In Schwerin haben wir Volker Brauns „Dmitri“ gespielt – das war in der DDR verboten. Schroth hat es gemacht.

Thomas Harms, von 1982 bis 1990 in Schwerin, ab 1993 in Cottbus

Gisela Kahl: Christoph Schroht – das ist nie nachlassende Neugier auf Menschen, Themen, Stücke. Die Lust an der Auseinandersetzung mit der Welt, in der wir leben. Der Mut zu neuen, radikalen Lösungen. Die Fähigkeit, sich selbst immer wieder infrage zu stellen. Beispielloser Ensemblegeist, schöpferische Ungeduld, ansteckende Energie, jede Menge Humor. Unendliche Liebe zum Theater und seinen Hauptakteuren, den Schauspielern. Christoph Schroth, das sind 107 ausverkaufte Vorstellungen „Faust I und II“, „Franziska Linkerhand“, die „Entdeckungen“, der FDJ- und Volksliederabend in Schwerin, „Blaue Pferde auf rotem Gras“ am Berliner Ensemble, die Zonenrand-Ermutigungen in Cottbus, jede Menge Ur- und Erstaufführungen, noch mehr harte politische Kämpfe, schmerzhafte Niederlagen und Riesenerfolge, die ihn und sein Ensemble quer durch Europa führten, von Finnland bis nach Delphi. Ein großer Meister des Theaters und ein sehr bescheidener Mensch.

Gisela Kahl arbeitete ab 1974 in Schroths Team, war bis 1989 Dramaturgin in Schwerin, von 1993 – 2003 1. Schauspieldramaturgin in Cottbus, seit 2004 an der Neuen Bühne.

Sewan Latchinian: Wo immer Christoph Schroth ein Theater leitete, ob das Schweriner Staatstheater oder das Staatstheater Cottbus, stets hatten diese Häuser ein außerordentliches künstlerisches Profil und hohe gesellschaftliche Relevanz zugleich. Da das vor ihm und nach ihm anders war, muss es sehr viel mit ihm zu tun gehabt haben. Diesen Eigensinn, diese enorme Energie und diese Kreativität habe ich immer bewundert. Ich freue mich sehr, dass er inzwischen so oft in Senftenberg inszeniert.

Sewan Latchinian, Intendant der Neuen Bühne Senftenberg

Martin Schüler: Schroth's Motto „Wo ich bin, da ist keine Provinz“ hat sich bewahrheitet. Wo er ist, entsteht ein Theater der Phantasie; ein Theater, das Stellung bezieht; das hilft, die Fragen der Zeit in das Rampenlicht zu holen. Er prägt das Theater in Deutschland und das nicht erst seit der Wiedervereinigung vor 20 Jahren. Er hat unser Theater zu dem gemacht, was es heute sein sollte – ein Laboratorium der sozialen Phantasie, wie es Wolfgang Heise (lehrte in Berlin utopische Philosophie, d. Red.) immer nannte.

Martin Schüler, Intendant des Staatstheaters Cottbus