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| 09:47 Uhr

Recht wunderlich

Pfingsten ist ein nur schwer zu begreifendes Glaubensfest. In ihm kommt die Sehnsucht des Menschen nach Frieden zum Ausdruck, und mit ihm stellt sich die Frage nach der Rolle der Frau in der Kirche. Lothar Schröder

Pfingsten ist ein nur schwer zu begreifendes Glaubensfest. In ihm kommt die Sehnsucht des Menschen nach Frieden zum Ausdruck, und mit ihm stellt sich die Frage nach der Rolle der Frau in der Kirche.

Je unverständlicher etwas ist, desto blumiger und bildreicher wird die Sprache. Wie in der biblischen Erzählung von Pfingsten, in der ein mächtiges Brausen im Himmel anhebt und gewaltige Winde wehen, Feuerzungen kommen herab, und die, die von ihnen getroffen werden, beginnen in fremden, aber allen verständlichen Sprachen zu reden und zu predigen. Es ist mächtig was los am 50. Tag nach Ostern - und es steht viel auf dem Spiel: Mit der Ausgießung des Heiligen Geistes werden die Apostel Feuer und Flamme für die frohe Botschaft. Sie müssen davon reden und sind plötzlich fähig dazu. Sie sagen es den Menschen um sich herum und am liebsten gleich der ganzen Welt. Das ist der erste große missionarische Auftrag. Und mit zugleich wird etwas geschaffen, was heute öfters nur noch als Institution wahrgenommen wird - die Kirche.

Dass die Apostel von allen Menschen verstanden werden, ist kein linguistisches Phänomen, sondern eine Belohnung. Der Turmbau zu Babel war das anmaßende Projekt des Menschen, gottgleich zu werden. Zur Strafe für diesen Größenwahn stürzte die Menschheit in die sogenannte und sprichwörtlich gewordene babylonische Sprachverwirrung. Diesmal verhält es sich genau umgekehrt: Die Menschen werden von Gott beseelt und ermächtigt, und das Ergebnis: Die Sprachverwirrung wird zur Sprachentwirrung. Jeder versteht jetzt den anderen, wahrscheinlich nicht Wort für Wort, aber doch dem Geiste nach. Mission ist dann keine Bekehrung, wie sie lange Zeit von der Kirche tatsächlich und handfest betrieben wurde. Mission ist Verkündigung und weit defensiver als Begegnung zu verstehen.

Das Wunder wird profan

Brausen, Flammen, Sprachenvollmacht - das alles klingt, nein: das ist recht wunderlich und im Grunde unglaublich. So dürfte das Pfingstwunder für die Mehrheit der Deutschen doch faszinierend sein. Immerhin glauben nach einer Allensbach-Umfrage hierzulande etwa 51 Prozent der Menschen an Wunder - mit leicht steigender Tendenz. Doch das muss sich nicht aufs Christentum beziehen. Zumal nur noch gut 40 Prozent der Deutschen glauben, dass Jesus der Sohn Gottes sei.

Das Wunder hat sich vom Glauben emanzipiert und ist in einer fortschreitend entchristlichten Gesellschaft profan geworden. Historische Fußballsiege sind das Wunder von Bern und spektakuläre Rettungsaktionen das Wunder von Lengede. Das Wunder ist zunehmend nicht mehr ein Ausdruck für das mit Menschenverstand Unbegreifliche, sondern nur noch für das Unerwartete und das Überraschende.

Der wunderbare Frieden

Im Pfingstwunder kommt ein großes menschliches Bedürfnis zum Ausdruck - nämlich in dem Wunsch, einander wirklich zu verstehen, einander zu akzeptieren und zu tolerieren. Mit anderen Worten: Zu Pfingsten wird die Sehnsucht eines friedlichen Zusammenlebens formuliert und greifbar. Das heißt aber nicht allein das Ende von Krieg und Gewalt, Hass und Feindschaft, sondern auch die Aufnahme und Annahme des Fremden.

Die Evangelische Kirche im Rheinland erinnert zu Pfingsten auch darum an die Hilfe für Flüchtlinge hierzulande. Wenn der heilige Geist in der Welt wirksam wird, so bewegt er auch Menschen, "sich denen zuzuwenden, die in Not sind, und bringt sie dabei in ihrer Verschiedenheit zusammen".

Das klingt ein bisschen nach bemühter, wohlmeinender Aktualität. Doch gibt es auf der anderen Seite auch die Neigung, die frohe Botschaft in einer Weise zu überhöhen, dass sie im Leben der Menschen nur als Werteideal Bestand und mit dem konkreten Lebensvollzug nicht mehr allzu viel zu schaffen hat.

Im Verständnis füreinander erinnert Pfingsten an ein Urbedürfnis des Menschen. Natürlich sind wir nicht alle gleich, auch sollen nicht alle gleich werden. Einander verstehen aber heißt zu begreifen, die eigene Perspektive nicht als die einzig mögliche anzusehen. Im Turmbau zu Babel stellte sich der Mensch in den Mittelpunkt von allem. Zu Pfingsten begegnen alle Menschen einander in der Einsicht, dass der Mittelpunkt außerhalb unserer Begreifens liegt. Dass es dafür eines Pfingstwunders bedarf, zeigt auch, wie groß dieses Ziel sein muss und wie schwer es zu erreichen ist.

Ein Wunder ohne Frauen

Die Frauen sind das Problem zu Pfingsten - zumindest für die katholische Kirche. Nicht zufällig wählte Johannes Paul II. (1920-2005) das Pfingstfest, um 1994 mit dem Apostolischen Schreiben "Ordinatio Sacerdotalis" (lateinisch für Priesterweihe) ein für allemal einen Schlussstrich unter die Debatte um die Frauenordination zu ziehen. So erklärte der Papst kraft seines Amtes, "dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben". Pfingsten war mit theologischem Bedacht gewählt: Schließlich empfingen am 50. Tag nach Ostern die Jünger den Heiligen Geist und wurden somit befähigt, die frohe Botschaft zu verkünden.

Doch trotz päpstlicher Verfügung und symbolischer Terminierung zu Pfingsten schien man sich in Rom noch nicht ganz sicher zu sein, welche Durchsetzungskraft dem Schreiben zuzutrauen war. Und so meldete sich schon ein Jahr später die Glaubenskongregation unter dem damaligen Präfekten Joseph Ratzinger zu Wort, die es als "eine endgültig zu haltende Lehre" bezeichnete, dass die Kirche nicht die Vollmacht habe, Frauen die Priesterweihe zu spenden. Der Hinweis fehlender Vollmacht ist wichtig, da weder Papst noch Kongregation für sich in Anspruch nehmen, die Entscheidung herbeigeführt zu haben. Vielmehr gehe es allein darum, die Wahrheit, die der Plan Gottes vorgibt, zu befolgen.

Pfingsten ist dabei von erheblicher Bedeutung. Denn alle Priester und Bischöfe in der römisch-katholischen Kirche sehen sich und ihr Amt in der apostolischen Nachfolge. Sie stehen in Verbindung jener Männer, die zu Pfingsten vom Heiligen Geist beseelt wurden. Das aber ist nicht die ganze Apostelgeschichte. Denn in jenem Obergemach des Hauses bei Jerusalem, in dem sich das Pfingstwunder ereignet, waren die Männer keineswegs unter sich: Petrus, Johannes, Jakobus und Andreas waren dort, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon der Zelot und Judas, der Sohn des Jakobus. Und dann heißt es: "Diese alle hielten einmütig fest am Gebet samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern." Sollte der Heilige Geist sie allein nicht berührt haben? Das Bild des Künstlers El Greco (1541-1614) deutet das Ereignis wörtlich, so, wie es in der Apostelgeschichte steht: Auch die Frauen empfangen die Feuerzungen. Und da Maria von Magdala die einzige Zeugin der Auferstehung Jesu war, wird sie sogar als "Apostelin der Apostel" bezeichnet. Das Pfingstereignis ist voller Spannungen, ist turbulent und ergreifend, geradezu euphorisch in seinem Blick in die Zukunft. Vielleicht ist das Unergründliche des Wundergeschehens, dass bis heute darum gerungen wird, es mit all seinen Botschaften in der Welt wirksam werden zu lassen.