Der Musiker spielt auf den beträchtlichen Anteil an Neuer Musik in den Programmen an. Und wirklich, das ist keine leichte Kost, die das Cottbuser Publikum da zu verdauen hat.

Offen und neugierig ist es vielleicht. Aber nicht unbedingt begeistert. Zumindest nicht an diesem Abend. Kurz vor der Pause sagt neben mir ein alter Mann zu seiner Frau: "Hoffentlich ist dieser Mist bald vorbei."

Rätselhafte Musik

In der vom Nachbarn so herbeigesehnten Pause sehe ich keine glänzenden Augen wie noch vor wenigen Tagen bei der Tosca-Premiere. Viele Besucher starren hilflos bis grimmig in ihre Weingläser, als ließe sich hier ein Schlüssel zur verklungenen rätselhaften Musik finden. "Nicht schön" und "anstrengend" sind noch die schmeichelhaftesten Beschreibungen des eben gehörten Stückes, die ich aufschnappe.

Bei dem "Mist" handelt es sich um Witold Lutoslawskis 2. Sinfonie, ein Aleatorik-Experiment aus den 1960er-Jahren. Kontrollierter Zufall nennt der Komponist das. Sprich, der Dirigent gibt nur an markanten Stellen den Einsatz, in gewissem Rahmen werden die Instrumentengruppen mit dem Notenmaterial sich selbst überlassen und produzieren nicht kalkulierbare Klangvisionen. Zum Schluss werden alle Segmente allerdings wieder zu einer auskomponierten Synthese zusammengeführt.

Genussvolles Hören wollte der polnische Avantgarde-Komponist bewusst vermeiden, zum Beispiel durch das Durchbrechen und Stören von kausalen Linien, durch starke Fragmentarisierung der Einfälle. Hoffentlich dreht er sich nicht im Grabe um, wenn ich gestehe, dass ich's doch genossen habe. Denn - hurra! - wir leben in postmodernen Zeiten, wo der Vergleich von experimenteller und Gebrauchsmusik durchaus gestattet ist. Und da fällt denn auf, dass sich die Avantgarde der 60er-Jahre in all ihrer Wildheit schon wieder mit der Filmmusik berührt.

Lutoslawskis Klangexperimente erinnern auf fast frivole Weise an die geniale Filmmusik von Dominik Frontier aus den 60ern. Gepeinigte Helden könnten auch zu den Klängen von Lutoslawskis 2. Sinfonie vor düsteren Bedrohungen wie merkwürdigen Hornissenschwärmen fliehen. Interessant zu hören, wie sich der Zeitgeist auch vom tollkühnsten Visionär nicht abschütteln lässt.

Auch wenn die Musik niemandem so richtig gefiel - im herkömmlichen Sinne des Wortes - ist doch der Einsatz von Evan Christ, seine Leidenschaft, alles auszuprobieren, was aufregend klingt, bewundernswert.

Ansteckende Begeisterung

Als er auf der Bühne den Besuchern erklärte, was da gleich Merkwürdiges zu hören ist (welcher Dirigent in Berlin macht sich diese Mühe?), kam mir der Gedanke, dass es gar nicht so sehr die Begeisterung für Neue Musik ist, die die Cottbuser immer wieder ins Konzert lockt, sondern die Liebe zu diesem Enthusiasten, dessen Feuer und Begeisterungsfähigkeit anstecken, diesem Vollblutmusiker, der die Philharmonie des Cottbusser Staatstheaters zu einem Ausnahmeorchester gemacht hat.

Manches Stück hört es sich dann eben auch gutmütig mit zusammengebissenen Zähnen an, wie das Uraufführungswerk des Abends von Vassos Nicolaou, "Stretti", das auch mich recht hilflos zurückließ. Vor allem, weil der Titel überhaupt nicht zum Stück passte, dessen zunehmende atmosphärische Verschwommenheit im schroffen Gegensatz zu einer klassischen Stretta stand, die ja eigentlich gegen Schluss an Schärfe und Profil gewinnt. Ironie? Versteh einer die modernen Komponisten.

Nach drei Stücken der Moderne und Postmoderne (nach der Pause gab's noch ein weiteres frühes Lutoslawski-Stück, das wirklich genussreich war und folgerichtig dem alten Komponisten nicht mehr gefiel) gab's dann am Schluss, fast als Zugabe, Chopins erstes Klavierkonzert. Vielleicht lag es an der ambitionierten Musik davor, die dem Zuhörer die ganze Aufmerksamkeit kompromisslos abforderte - das Konzert wirkte an dieser Stelle konturlos und seltsam blass. Die Philharmonie, zuvor noch hoch konzen triert und um jede Nuance ringend, fiel zurück in einen eher nichtssagenden Duktus.

Es gibt mehrere plausible Möglichkeiten, Chopins exaltierte Romantik umzusetzen - zum Beispiel durch französische Eleganz oder slawische Wehmut. Diese Version klang sehr deutsch und klassizistisch, für mich die langweiligste Art, Chopin zu spielen.

Wie glitzernder Raureif

Freilich, Bernd Glemsers pianistische Brillanz war bewundernswert, doch weder die breiten weichen Tempi im Mittelsatz noch der allzu glamouröse Schwung im Rondo ließ bei mir echtes Chopin-Feeling aufkommen; das alles klang kalt, wie von glitzerndem Raureif überzogen und mehr nach Hummels letztem als Chopins erstem Konzert.