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Premiere mit Paukenschlägen

Reichsvogt Hermann Gessler (links) nötigt seine Untertanen zu einem Geburtstagsständchen.
Reichsvogt Hermann Gessler (links) nötigt seine Untertanen zu einem Geburtstagsständchen. FOTO: Andreas Köhring
Cottbus. Eine Premiere mit gleich mehreren Paukenschlägen erlebte am Samstagabend das Publikum in der Cottbuser Kammerbühne. Paukenschlag Nummer 1: Die Kammerbühne – als zweite Spielstätte des Staatstheaters – hat in den vergangenen Wochen einen Umbau erfahren (die RUNDSCHAU berichtete) und präsentierte sich am Samstag erstmals mit neuem Eingangsbereich den Besuchern. Daniel Steiger

Paukenschlag Nummer 2: Als kleinen Vorgeschmack auf die neue monatlich stattfindende Kammerbühnen-Reihe "Black Friday" ließen die Premierenbesucher nach dem eigentlichen Stück für 15 Minuten den Saal mit Trommeln und Pauken erzittern (siehe Infokasten).

Paukenschlag Nummer 3 war die Einstandspremiere des neuen Schauspieldirektors Jo Fabian am Cottbuser Staatstheater selbst. Er hatte seine erfolgreiche Inszenierung des Stücks Wilhelm Tell vom Theater an der Ruhr mitgebracht und so auch den Startschuss für die Kooperation der beiden Häuser gegeben. Wer jetzt aber einen Tell der klassischen Art erwartet hat, wurde überrascht. Passend zu seiner Ankündigung, mit der Kammerbühne eine verlorene Generation für das Theater wieder erobern zu wollen, hat Jo Fabian den Tell für ein junges Publikum aufbereitet, und das auf eine unaufdringliche und feinhumorige Weise.

Die Tellgeschichte aus der Feder von Friedrich Schiller ist schnell erzählt: In der Schweiz rumort es, die Bergbewohner fühlen sich unterdrückt. Einer der Tyrannen ist der Reichsvogt Hermann Gessler. Als Wilhelm Tell sich weigert, sich vor dem Hut des Reichsvogtes zu verneigen und dem Stoff die gleiche Ehrerbietung zu erweisen wie dem Adligen selbst, wird er verhaftet. Da ihm sein Ruf als Meisterschütze mit der Armbrust vorauseilt, verspricht der Reichsvogt ihm die Freiheit unter einer Bedingung. Tell muss vom Kopf seines eigenen Sohnes einen Apfel mit der Armbrust herunterschießen. Das gelingt, doch in der weiteren Geschichte des Stücks tötet Tell den Reichsvogt und so weiter.

Bei Jo Fabian ist alles ein wenig anders. So lässt beispielsweise sein Reichsvogt (großartig gespielt von Wolf Gerlach) vor dem legendären Schuss plötzlich das Saallicht anstellen und das Publikum entscheiden, ob der Tell auf eine Holzpuppe feuern soll (ja, in Cottbuser Theatern wird kein Kind gefährdet) oder der Schuss einfach mal ausbleibt. Was wäre eigentlich geschehen, wenn eine Mehrheit für Nein gestimmt hätte? Diese Frage ließ sich am Samstag nicht klären, weil der Reichsvogt ein Votum für den Schuss zu erkennen glaubt und Wilhelm Tell auf seinen Sohn anlegen ließ ...

Es sind diese großen und kleinen Überraschungen, die diesen Abend mit Bravorufen enden lassen. Fabian streut in sein 1,5 Stunden-Stück kleine Details ein, die spontane Lacher auslösen oder die eine oder andere Frage auf der anschließenden Premierenfeier. Warum der Tell vor seinem Schnaps im Gasthof "Zum Rütli" von der Wirtin immer ein Säcklein zugesteckt bekommt? Worauf kegeln die Besucher des Rütli immer wieder? Und wieso fiel das Geweih eines Zehnenders beim Versuch, es als Kleiderständer zu benutzen, fast von der Wand?

Zumindest die Frage mit der Abstimmung über den Schuss auf den Jungen lässt sich möglicherweise schon bei einer der nächsten Vorstellungen beantworten.

Karten für "Wilhelm Tell" sind für die Aufführung am 3. Oktober und die Vorstellungen ab 29. Oktober erhältlich im Besucherservice, Ticket-Telefon 0355/ 78242424, sowie im Internet über www.staatstheater-cottbus.de .

Zum Thema:
Am Samstagabend war es in der Cottbuser Kammerbühne wohl so laut wie schon lange nicht mehr. Und es soll auch nur bis zum 13. Oktober dauern, bis wieder die Wände der Spielstätte wackeln. Als kleinen Vorgeschmack auf die neue Veranstaltungsreihe namens "Black Friday" ließen zahlreiche Besucher unter professioneller Anleitung die Stöcke auf Drums niederprasseln. Ein Hörerlebnis aus der Cottbuser Kammerbühne versteckt sich hinter diesem QR-Code (mit dem Smartphone einscannen). Ab Oktober soll die Trommel-Extase durchsetzt mit kleinen Lesungen, Hörspielen und Konzerten einmal monatlich stattfinden. Der Eintritt kostet zehn, ermäßigt fünf Euro. Beginn des schwarzen Freitags ist jeweils um 21 Uhr.