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| 16:17 Uhr

Cottbus
Aufstand mit Rollator

 In der Theaterscheune des Staatstheaters Cottbus hat das Songdrama „Ewig jung“ von Erik Gedeon viel Beifall erhalten. Hier ein Szenenfoto mit (v.l.): Kai Börner (Herr Börner), Thomas Harms (Herr Harms), Sigrun Fischer (Frau Fischer) und Sophie Bock (Frau Bock).
In der Theaterscheune des Staatstheaters Cottbus hat das Songdrama „Ewig jung“ von Erik Gedeon viel Beifall erhalten. Hier ein Szenenfoto mit (v.l.): Kai Börner (Herr Börner), Thomas Harms (Herr Harms), Sigrun Fischer (Frau Fischer) und Sophie Bock (Frau Bock). FOTO: Staatstheater Cottbus / Marlies Kross/Theaterfotografin
Cottbus. Bei der Premiere in der Theaterscheune des Staatstheaters sind alle „Ewig jung“. Ein großer Spaß für Schauspieler und Publikum. Doch das Songdrama hat auch ernste Fragen an die Gesellschaft.

Gleich zu Beginn pfeift sich Schwester Josephine ein fröhlich’ Liedchen. Es ist eine der Erkennungsmelodien aus dem Film „Kill Bill“ –, bevor dort der Rachefeldzug von Uma Thurman in der Klinik beginnt. So schlimm wird es natürlich nicht in dem Stück „Ewig jung“, das am Freitag am Staatstheater Premiere hatte. Der Austragungsort dieses tragikomischen Liederabends ist ein Altersheim für Schauspieler, das sich offensichtlich im früheren Theater niedergelassen hat.

Wie bitte? Das Staatstheater geschlossen und jetzt ein Altersheim? Nicht ganz. Schwester Josephine (Josephine Fabian) hat es noch einmal hübsch hergerichtet, hat die Garderobentische der Ex-Stars noch einmal aufgestellt – mit den Fotos ihrer großen Rollen. Oben an der Seitenwand sieht man die Ahnengalerie der Intendanten – von Johannes Steurich bis Rene Serge Mund. Ewig scheint das her!

Als erster Patient erscheint Herr Petith (Hans Petith), der sich somnambul an seinen Arbeitsplatz, das Klavier, herantastet. Dann marschieren sie ein – klapprig, vergesslich, ziemlich senil und doch gut drauf: Frau Bock, Frau Fischer, Herr Börner, Herr Harms und Herr Strothmann. Spätestens hier weiß man es: Die genannten Damen und Herren des Ensembles spielen sich selbst – im Jahre 2050.

So sieht es das Stück vor, das auf deutschsprachigen Bühnen wohl zu den am meisten gespielten zählt. Im Land Brandenburg war es an der Neuen Bühne Senftenberg zu sehen, ebenso an den Uckermärkischen Bühnen in Schwedt. In Berlin bekam es Preise, nachdem die Uraufführung 2007 am Staatsschauspiel Dresden stattfand. Autor Eric Gedeon gebührt wohl das Verdienst, das Genre Liederabend weiterentwickelt und die Theaterwelt mit dem Songdrama bereichert zu haben.

Da stoßen Gastregisseur Alexander Suckel und die hiesige Dramaturgie in Cottbus auf offene Ohren. Denn wenn das Ensemble singt, ist das von jeher etwas Besonderes. Mit Liedern Geschichten erzählen – das konnte man hier schon immer gut. Dass das allen großen Spaß macht, war in den „Heimatliedern“ vor einigen Jahren, in „Glaube, Liebe, Hoffnung“ von 2016 oder in der jüngsten „Sonnenallee“, wo das Publikum oftmals laut mitsang, nicht zu überhören.

In „Ewig jung“ ist der Reiz ein anderer: Im hohen Alter wird hier mit Gesang und Spiel zurückgeblickt auf die eigenen Träume und Utopien, auf die Erfolge auch, auf Fehler und Niederlagen, auf die verlorenen Lieben und das Leben, das man hatte oder gern gehabt hätte. Diese Spiel- und Sangesfreude, die sich daraus schnell entwickelt, macht dem Premieren-Publikum von Beginn an großen Spaß.

Denn natürlich gibt es viel zu lachen. Wenn etwa Sigrun Fischer, noch immer große Diva, „I Love Rock’n’Roll“ singt, bis der Hexenschuss sie bremst, wenn der greise Axel Strothmann, ganz Bohemien im Brokat-Morgenmantel, über Altersteilzeit und Lebensversicherungen doziert (schließlich geht es um unsere Zukunft!), wenn die Männer „Born To Be Wild“ bis zur Schnappatmung singen.

Oder wenn sich Sigrun Fischer erinnert: Früher war alles besser, ich hatte Piercings in allen Lippen. Und Kai Börner nicht mehr weiß, ob Richard III. „ein“ Königreich oder „mein“ Königreich für ein Pferd anbot. Und letzten Endes eingesteht, dass er froh sei, sich das richtige Tier merken zu können.

Sophie Bock, die charmant-streitsüchtige Alte im Sommerkleid mit den großen Gefühlen und ihrem groß ausgespielten Gehfehler, der jeden Orthopäden im künftigen Publikum zu einem Eingriff herausfordern wird. Hier hat die Maske, wie bei den anderen auch, auf Hollywood-Niveau Häute gefaltet, das Haar dürr und grau gemacht und manche Falte dezent gelegt.

Thomas Harms, der etwas verschlurfte Althippie in einer Mischung von Bob Dylan und Trapper Daniel Boone, darf erst im zweiten Teil richtig aufdrehen und große Hits für sich beanspruchen. Das geht im Schnelldurchlauf mit Tambourine-Man-San-Francisco-Bye-Bye-Love-Take-a-Walk-On-The-Wildside und vielen anderen. Schwerstarbeit und großer Spaß zugleich für den Schauspielkapellmeister Hans Petith am Klavier, der über nahezu zwei Stunden als einziger Musiker die Tempi vorgibt, was gerade bei Harms‘ Perforce-Ritt durch die Hippie-Ära bravourös gelingt.

Und doch sind es eher die melancholisch-traurigen Momente, die stark in Erinnerung bleiben: Wenn Frau Bock und Herr Börner mit Peter Maffays „So bist Du“ ganz ironiefrei sich ihre Liebe gestehen. Wenn Sigrun Fischer dem fröhlichen 80er-Jahre Popsong „For Ever Young“ von Alphaville einen bitteren Unterton des Abschiednehmens gibt. Oder wenn der Todesengel in Schwarz (Josephine Fabian) alle einmal kurz berührt und ein kalter Hauch des Vergänglichen gar von der Bühne herunterweht.

Henry Purcells Figur der Dido ist da ganz nah: „Remember Me“; erinnere dich an mich, My Love, aber vergiss mein Schicksal.

Doch am Ende wird fast alles gut. Langsam kommen die Fünf wieder in ihre großen Rollen hinein – etwa in Stücken von Brecht, Tschechow, Shakespeare und Goethe. Und als Zugabe singen sie zerzaust und lädiert, aber optimistisch „We Shall Overcome“. Da gesellt sich auch Schwester Josephine hinzu, die die ganze Zeit vergeblich versucht hat, die Renitenten mit albernen Spielen zu sedieren.

„Ewig jung“ – ein kleines großes Singspiel über das Älterwerden und über das Altsein mit der Frage verbunden, wie die Gesellschaft darauf vorbereitet ist. Zum Lachen und zum Weinen zugleich.

„Ewig jung“, Staatstheater Cottbus, Theaterscheune, Nächste Aufführungen: 19. und 29. Januar, jeweils 19.30 Uhr,
Telefon 0355 7824 242 .